Restaurierung an der TH Köln Ruth Fosters KZ-Kleid kehrt nach Lingen zurück


vb/pm Köln. Die Inhaftierten der nationalsozialistischen Konzentrationslager wurden gezwungen, einheitliche Häftlingskleidung zu tragen. Das sogenannte „KZ-Kleid“ der 2014 verstorbenen Lingener Ehrenbürgerin Ruth Foster-Heilbronn ist jetzt im Rahmen einer Bachelorarbeit am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der Technischen Hochschule (TH) Köln restauriert worden.

Ruth Foster-Heilbronn hatte in der NS-Zeit die Inhaftierung in verschiedenen Konzentrationslagern sowie die Todesmärsche kurz vor Kriegsende überlebt und 1998 das ursprünglich der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem zugedachte Kleidungsstück dem Forum Juden-Christen zur Aufbewahrung übergeben. Nach dessen Restaurierung kehrt das Kleid jetzt an den Lern- und Gedenkort „Jüdische Schule“ nach Lingen zurück.

„Kleid mit besonderer emotionaler Ausstrahlung“

„Dieses KZ-Kleid ist in seiner Aussagekraft und emotionalen Ausstrahlung etwas ganz Besonderes. Das Bedeutende und Bedrückende ist, dass wir die Besitzerin kennen und ihre Geschichte im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Stücken in Museen und Gedenkstätten aufgezeichnet wurde“, erläutert die als Leiterin der Studienrichtung Textilien und Archäologische Fasern an der TH das Projekt betreuende Professorin Annemarie Stauffer jetzt bei der Übergabe des Kleides an Vertreter des Forums.

Kleid aus recycelten Stoffen

Die damalige Bachelorstudentin Susanne Schumann hat zunächst die Beschaffenheit des Kleidergewebes analysiert. Das Ergebnis: Es besteht aus Mischgewebe, für deren Herstellung viele unterschiedliche Textilien recycelt worden waren. Zum Großteil bestehen sie laut einer Mitteilung der TH aus Celluloseregeneratfasern, die zwar saugfähig sind, aber nicht warm halten.

„Man sieht dem Kleid an, welche Entbehrungen seine Trägerin erdulden musste. Die Farben sind durch Lichteinwirkung ausgeblichen, und es wurde an diversen Stellen notdürftig ausgebessert. Insgesamt finden wir 15 verschiedene Arten von Fäden“, erklärt Schumann. Für die auffälligen Näharbeiten an den Ärmeln bieten sich laut ihrer Aussage zwei Erklärungen an: Entweder wurden die Ärmel im Sommer gekürzt und im Winter wieder angenäht, oder es wurden neue Manschetten angefertigt, nachdem die alten kaputt gegangen waren.

Spuren der Geschichte

„Ziel einer solchen Restaurierung ist es, die Spuren der Geschichte zu erhalten und das Objekt zugleich für künftige Generationen zu erhalten“, ergänzt Stauffer. So sicherte Schumann die Knöpfe des Kleides, damit diese nicht verloren gehen, und saugte das Gewebe mit einem speziellen Gerät ab, um Schmutz zu entfernen.

Die Anregung zur Restaurierung, Konservierung und künftig sachgerechteren Präsentation des Kleides war dabei innerhalb der Arbeitsgruppe zur derzeit laufenden Innensanierung der Jüdischen Schule und Überarbeitung der dortigen Dauerausstellung entstanden. „Annette Sievers von der Lingener Kunstschule ist selber Restauratorin und hat mir die TH Köln empfohlen“, erläuterte der Forums-Vorsitzende Heribert Lange in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Positiver Nebeneffekt: Als wissenschaftliches Projekt fielen für das Forum oder die Stadt keine Kosten an.

Neues Ausstellungskonzept

Ein wichtiger Teil des Projektes war auch die Erarbeitung eines neuen Ausstellungskonzeptes. „Bislang wurde das Kleid in einer Vitrine ausgestellt, aus der Schadstoffe wie Essigsäure austraten. Zudem war das Licht zu hell, und die klimatischen Verhältnisse waren ungünstig. Künftig gibt es in Lingen eine objektgerechte Vitrine und einen Spezialkarton für den Transport, sodass das Kleid nicht mehr berührt werden muss“, erklärt Schumann. Es wird zudem von innen mit Polstern und Kissen aus unbehandelter Baumwolle gestützt, damit der schwere Stoff an den Faltstellen nicht beschädigt wird.

Ruth Foster kam 1945 wieder nach Lingen

„Zu meiner Bachelorarbeit gehörte auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Frau Foster. Insbesondere die Videoaufnahmen, in denen sie von ihrem Leidensweg berichtet, haben meinen Blick auf das Objekt geprägt. Wenn ich in der Werkstatt das Seidenpapier vom Kleid entfernt habe, musste ich häufig erst einmal innehalten“, berichtet Schumann, die heute einen Masterstudiengang am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft absolviert.

Ehrenbürgerin seit 1993

Ruth Foster-Heilbronn war nach ihrer Gefangenschaft im August 1945 nach Lingen zurückgekehrt und zwei Jahre später mit ihrem Mann nach Großbritannien ausgewandert. Mitte der 1980er-Jahre nahm sie Kontakt zur Stadt Lingen auf, regte die Aufstellung eines Gedenksteins an und fand in Lingen viele Freunde. „Ruth ist danach häufig in Lingen gewesen und hat Schulklassen aus ihrem Leben berichtet“, erzählt Heribert Lange vom Forum Juden-Christen.

So sei eine freundschaftliche Beziehung entstanden. Am 13. Dezember 1993 – am 52. Jahrestag ihrer Verschleppung nach Riga – wurde sie gemeinsam mit dem heute in England lebenden Bernard Grünberg zur Lingener Ehrenbürgerin ernannt.

Lingen statt Yad Vashem

1998 übergab Foster ihr Häftlingskleid dem Forum Juden-Christen schließlich zur Aufbewahrung im gerade eröffneten Lern- und Gedenkort „Jüdische Schule“ in Lingen. In der ehemaligen jüdischen Religionsschule, die auch Foster besuchte, hat das Forum seit 1998 einen Gedenkort eingerichtet, zu dessen Exponaten nach der Umgestaltung nun auch wieder ihr KZ-Kleid gehören wird.


Ruth Foster

Lingens Ehrenbürgerin Ruth Foster ist am 5. August 2014 in London im Alter von 92 Jahren gestorben und einen Tag später beigesetzt worden. In Lingen erinnern unter anderem Stolpersteine vor dem Elternhaus in der Kaiserstraße 1 und ihre KZ-Häftlingskleidung in der Alten Jüdischen Schule an sie und ihre Familie.

Am 14. November 1921 in Lingen als Tochter von Caroline und Wilhelm Heilbronn geboren, verlebte sie hier nach eigener Aussage „frohe und sorglose Kinderjahre“, musste die Höhere Töchterschule 1937 aber verlassen und zog zur Ausbildung nach Berlin. 1941 kam sie zurück, um ihre Eltern auf dem Transport ins Rigaer Getto zu begleiten. Vor ihren Augen wurde dort im Mai 1942 ihr Vater aufgrund einer ins Getto „geschmuggelten“ Scheibe Brot erschossen. Ihre Mutter wurde im Sommer 1944 dort ermordet. Sie selbst kam in die Konzentrationslager Stutthof und Ravensbrück.

Auf einem der „Todesmärsche“ wurde sie schließlich in Lauenburg befreit. Bei einer Größe von 1,76 Metern wog sie noch 40 Kilogramm. Trotz dieser Erlebnisse kehrte sie im August 1945 in ihre Geburtsstadt zurück und wurde von ihren früheren Nachbarn Sauerbrey und Demann aufgenommen. Sie lernte Adolf Freudenheim kennen, mit dem sie nach der Heirat 1947 nach England zog. (vb)

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