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Wie läuft das Training ab? Rettungshundestaffel Emsland: Lebensretter auf vier Pfoten

Von Julia Mausch

Seit neun Jahren ist Birgit Lund in der Rettungshundestaffel Lingen/Emsland aktiv. Die Besitzerin von Golden Retriever Uras ist Vorsitzende des Vereins. Foto: Julia MauschSeit neun Jahren ist Birgit Lund in der Rettungshundestaffel Lingen/Emsland aktiv. Die Besitzerin von Golden Retriever Uras ist Vorsitzende des Vereins. Foto: Julia Mausch

Lingen. Für sie geht es querfeldein, durch Wälder, Geäst und Gestrüpp – auf der Suche nach Vermissten. Die 26 vierbeinigen Mitglieder der Rettungshundestaffel Lingen/Emsland. Sie sind im gesamten Landkreis im Einsatz. Doch hat jeder Hund das Zeug dazu, als Rettungshund zu arbeiten? Wie werden die Tiere trainiert? Ein Besuch auf einem der Übungsplätze.

Sie wollte partout nicht bellen. Während ihre Artgenossen ihren Besitzern mit einem Bellen anzeigten, dass sie die vermisste Person gefunden haben, blieb Lucy still. Die Labrador-Hündin wedelte zwar mit dem Schwanz, doch kein Ton kam aus ihrer Schnauze. Ein Rettungshund, der nicht bellt? Eigentlich ein aussichtsloser Fall. Nicht so bei Lucy. Vier Jahre ist es her. Mittlerweile kläfft der schwarze Hund – dank hartem Training. Lange dauert es nicht mehr, dann kann Besitzerin Marion van den Born mit Lucy zur Prüfung. Besteht die Hündin, stehen den Rettungseinsätzen nichts mehr im Wege.

Lebensmüde Menschen, Kinder und Demenzkranke

Sieben Tage, 24 Stunden, sind die Retter einsatzbereit. Zu 15 Einsätzen musste die Rettungshundestaffel Lingen/Emsland im vergangenen Jahr ausrücken. Kreisweit – und manchmal auch darüber hinaus. Wie vor wenigen Wochen: In Aurich war eine junge Frau vermisst gemeldet, zuvor hatte sie ihren Suizid angekündigt. Die Rettungshundestaffel Ostfriesland rückte aus, brauchte aber Unterstützung. Direkt fuhren die Lingener mit ihren Vierbeinern los. Die Frau wurde gefunden, gesund. Der Einsatz nahm ein glückliches Ende.

Ob lebensmüde Menschen, Kinder, die plötzlich weg sind, oder Demenzkranke, die den Weg nach Hause nicht mehr finden: Wird ein vermisster Mensch gemeldet, alarmiert die Polizei über die Rettungsleitstelle in Meppen die Hundestaffel. Die Mitglieder sind alle Ehrenamtler, die Hunde ihr Privatbesitz. (Weiterlesen: Neuer Transporter für Lingener Rettungshundestaffel)

Golden Retriever – wie hier auf dem Foto Lukas – sind spezialisiert darauf, mit ihrer Nase vermisste Menschen aufzuspüren. Foto: Julia Mausch

Gasexplosionen oder Erdbeben

An wechselnden Orten trifft sich die Staffel zum mehrstündigen Training. Zum einen, weil der Verein noch auf der Suche nach einen geeigneten Trainingsgelände mit Vereinshaus ist, aber auch, weil die Hunde Herausforderungen brauchen. Verschiedene Orte, Szenarien und Aufgaben, sagt Birgit Lund. Sie ist Vorsitzende des Vereins. Am Mittwochabend steht sie auf einem Zuchthof in Quendorf vor einer Scheune. Der Hof liegt auf einem Feld unweit von einem Waldstück entfernt. Ideales Trainingsgelände für Lucy und ihre Artgenossen. Ob Flächensuchhund oder Trümmersuchhund – am Donnerstag sind alle versammelt. Birgit Lund bezeichnet Lucy als „Trümmerjunkie“. Sie kommt nach Gasexplosionen oder Erdbeben zum Einsatz, muss Trittsicherheit und Balance aufweisen. Hermine hingegen ist auf weiten Flächen zuhause: Wald, Feld, Wiese. Sie läuft frei und sucht anhand des Geruchs Menschen, die reglos auf dem Boden liegen oder deren Körper mit Hilfe chemischer Botenstoffe Signale der Panik aussenden.

Hermine ist ein dreijähriger Appenzeller Sennenhund und laut Besitzerin Jutta Möllmann ein absoluter Familienhund. Genau das wird ihr beim Training zum Verhängnis: Hermine soll Zugführer Michael Rotaru suchen, der sich an diesem Abend als vermisste Person ausgibt. Die Hündin bekommt eine Ortungs-Glocke um den Hals und sprintet los. Sie kommt nicht weit, denn nur Sekunden später bemerkt Hermine nicht weit entfernt einen älteren Herren, der mit einem kleinen Mädchen spielt. Hermine schießt lost und ist nur wenige Sekunden später bei dem Duo – und hat ihren eigentlichen Auftrag komplett vergessen.

Rüde Benno ist erst acht Monate alt. Besitzer Bernd Köbbemann bildet ihn zum Rettungshund aus. Foto: Julia Mausch

Wenn Hunde nicht bellen wollen

„Das darf nicht passieren“, sagt Birgit Lund. Suchhunde dürfen sich nicht ablenken lassen. Weder von schreienden Kindern, Pilzsammlern oder jemanden, der womöglich auf einem Baum sitzt, während der Hund im Wald nach dem Vermissten sucht. „Unsere Tiere werden auf alle Eventualitäten ausgebildet.“ Auch auf den Fall, dass der Gesuchte – möglicherweise aus Angst – das Tier angreift. Deswegen halten Lucy, Hermine und Co. Abstand, sobald sie fündig geworden sind. Sie bellen. Minutenlang kläffen sie, solange bis Lund und ihre Mitstreiter neben ihnen steht, und sie mit einem Leckerchen belohnen.

Doch es gibt auch bellfaule Tiere, wie es Lucy einst war. „Für sie haben wir ein Bringsel“, sagt die Vorsitzende. Ein Bringsel ist ein kleines Lederstück, dass der Hund am Halsband trägt. Sobald er fündig geworden ist, läuft er mit dem Bringsel im Maul zum Hundeführer zurück, zeigt ihm dadurch einen Fund an und bringt ihn zum Fundort. Leichter gesagt, als getan: Die Ausbildung ist schwer.

Bis ein Hund zum Rettungshund ausgebildet ist, ist es ein langer Weg. Rund zwei Jahre dauert die Ausbildung, mehrere Prüfungen stehen an, bis die Hauptprüfung vor einem Leistungsrichter fällig wird. Dabei müssen die Hunde innerhalb von 25 Minuten ein bis drei Vermisste auf einem rund 30.000 Quadratmeter großen Gelände finden – so groß wie sechs Fußballfelder. Der Fund ist nicht allein ausschlaggebend für das Bestehen. „Der Hund muss flächendeckend suchen“, sagt Lund. (Weiterlesen: Landkreis unterstützt Rettungshundestaffel)

Zu 15 Einsätzen musste die Rettungshundestaffel Lingen/Emsland im vergangenen Jahr ausrücken. Foto: Julia Mausch

Ob Labrador, Golden Retriever, Rasse- oder Mischlingshund, „es eignet sich eigentlich jeder Hund, vorausgesetzt er hat eine gute körperliche Konstitution und ein starkes Nervenkostüm“. Beim Klettern, Kriechen und Springen in Trümmern werde der Knochenbau stark beansprucht, zusätzlich bräuchten sie für eine stundenlange, manchmal auch tagelange Suche, eine gute Kondition. Auch auf die Riechzellen kommt es an: 125 bis 220 Millionen Riechzellen hat ein Hund, je nach Rasse. Ein Mops mit seiner eingedrückten Nase rieche laut Lund nicht so gut, wie Artgenossen anderer Rasse. Und da hilft es auch nicht, wenn er bellt.

Einsatz bis zehn Jahre

Bis zum zehnten Lebensjahr kann ein Tier problemlos im Einsatz sein. So wie Lukas: Der Golden Retriever ist mittlerweile in Rente, er hat zwölf Jahre auf dem Buckel. Zu Einsätzen kommt er nicht mehr mit, dafür zum Training, „damit der Kopf trainiert wird“, sagt Besitzer Michael Rotaru. So schnell wie Hermine oder Lucy ist Senior Lukas nicht mehr, er lässt es ruhiger angehen. Jutta Möllmann, die sich auf einem Heuballen versteckt, findet er dennoch – und bekommt wie seine vierbeinigen Kollegen als Belohnung ein Leckerli. Das Training ist beendet.


Zahl der Einsätze

Die Rettungshundestaffel Lingen ist im regionalen und überregionalen Katastrophenschutzplan des Landkreises Emsland eingebunden. Das Einsatzgebiet umfasst den Landkreis Emsland. Lokale und überregionale Alarmierungen werden über die Polizei, die Feuerwehr oder andere Hilfsorganisationen an die zuständige Staffel weitergeleitet. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre stieg die Anzahl der Alarmierungen kontinuierlich an. Nachdem im Jahr 2000 bereits bundesweit bei 234 Alarmierungen der Bundesverband zu Einsätzen gerufen wurden, stieg diese Zahl im Jahr 2001 bundesweit auf über 300 und liegt inzwischen bei deutlich über 700 Alarmierungen jährlich. Im Emsland gab es im vergangenen Jahr 15 Einsätze.

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