Seit zwei Jahren auf der Walz Stopp in Lingen: Wenn ein Wandergeselle ins Emsland kommt

Von Julia Mausch

Seit zwei Jahren reist er durch die Welt. War in Jerusalem, Spanien, Schweden und den Niederlanden. Derzeit ist Timo Hollmann in Lingen. Foto: Julia MauschSeit zwei Jahren reist er durch die Welt. War in Jerusalem, Spanien, Schweden und den Niederlanden. Derzeit ist Timo Hollmann in Lingen. Foto: Julia Mausch

Lingen. Seit zwei Jahren reist er durch die Welt, war in Jerusalem, Spanien, Schweden und den Niederlanden. Derzeit ist Timo Hollmann in Lingen. Der 27-Jährige ist Steinmetz und auf der Walz.

Timo Hollmann steht in Lingen an einer Straße. Er hält den Daumen nach oben, um den Autofahrern zu signalisieren, dass er mitgenommen werden möchte. Doch niemand hält an, stattdessen winken ihm die Autofahrer zu, oder schauen ihn nur verwundert an. Zugegeben, Hollmanns Outfit entspricht nicht dem, was Emsländer womöglich als „normal“ bezeichnen. Statt einer Jeans und einem Shirt trägt er eine weite Schlaghose aus Cord, eine Weste, einen schwarzen Hut, eine Jacke. Hinzu kommt ein Wanderstab in der einen Hand, in der anderen ein Charlottenburger, ein 80 mal 80 Zentimeter großes Tuch – Hollmanns Reisebündel.

Seit zwei Jahren unterwegs

Seit zwei Jahren trägt Timo Hollmann dieses Outfit jeden Tag und dabei ist es egal, ob Minusgerade herrschen, oder die 30-Grad-Marke geknackt wird. (Weiterlesen: Wie wird das Wetter in unserer Region am Wochenende?) Seit zwei Jahren ist der 27-Jährige auf Wanderschaft, nachdem er seine Gesellenprüfung zum Steinmetz bestanden hat. Damals musste er wie andere Gesellen die Schulbank drücken. Als er mal wieder im Klassenraum in seiner Berufsschule in Rothenburg in Franken saß, ging plötzlich die Tür auf. Zwei Wandergesellen kamen in den Klassenraum und berichteten von ihrer Reise. Faszinierend für den gebürtigen Franken. Der Plan war geboren.

50 Kilometer Bannmeile um die Heimat

2016 war es soweit. Am Ortsschild musste Timo Hollmann damals Abschied nehmen und los, ohne sich noch einmal umzudrehen. Zurück blieben Freunde, Familie – und das Handy, das war ab sofort tabu. Ein alter Brauch unter den Gesellen ist, dass man mit 5 Euro loszieht und mit 5 Euro zurückkommt. In den Wochen zuvor hatte er die Regeln auswendig gelernt, die für eine Walz gelten. Davon gibt es viele, etwa dass Wandergesellen kein Geld fürs Schlafen und Reisen ausgeben dürfen. Darum tippeln sie meist zu Fuß oder per Anhalter. Oder dass sie in den ersten drei Jahren plus einen Tag nicht mehr nach Hause können – 50 Kilometer um den früheren Wohnort herum reicht die sogenannte Bannmeile. Seit zwei Jahren hält sich Timo Hollmann daran, hat seit dieser Zeit sein Elternhaus nicht mehr gesehen. Heimweh? „Dazu bleibt mir keine Zeit, ich erlebe so viel“, sagt er. (Weiterlesen: Wandergeselle aus Andervenne kehrt nach vier Jahren zurück)

Öffentliche Verkehrsmittel über längere Strecken verpönt

Die Gesellen, die heute tippeln, leben die Traditionen von früher. Aber sie sind auch mit der Zeit gegangen, was zum Beispiel die Reiseziele betrifft. Timo Hollmann ist nicht nur in Deutschland geblieben, er ist nach Spanien gereist, war sogar in Schweden, Spanien und Jerusalem – finanziert durch seine Arbeit. „Zwar sind öffentliche Verkehrsmittel über längere Strecken verpönt, aber wo es sich nicht vermeiden lässt, ist es auch nicht ausdrücklich verboten“, sagt er über seinen Flug nach Israel.

Das Wanderbuch enthält zig Fotos, handschriftliche Einträge und Stempel von Städten und Betrieben. Foto: Julia Mausch

Zwei Monate war er dort, dann zog er weiter. Weiter zum nächsten Betrieb, bei dem er anheuerte. In der Regel sind Wandergesellen drei Monate an einem Ort. Schließlich sollen sie in den drei Jahren in vielen Betrieben lernen. Die Betriebe sind zufrieden mit Hollmanns Arbeit, heißt es zumindest in seinem Wanderbuch. Das Büchlein enthält zig Fotos, handschriftliche Einträge und Stempel von Städten und Betrieben. Handwerklich hat er bisher viel gelernt – genauso wichtig waren aber die Begegnungen mit den Menschen. Fremde Leute boten ihm ein Bett für die Nacht an, spendierten eine warme Mahlzeit oder auch mal ein Bier.

Seine klassische Kluft war dabei ein Türöffner in der Fremde. Sie schaffe Vertrauen, brachte jedoch auch Probleme mit sich. Im Winter sei sie viel zu kalt, im Sommer dafür viel zu heiß. Ausziehen darf er sie nicht, auch nicht bei der Arbeit. Doch zwei Jahre überlebt selbst das teuerste Outfit nicht ohne eine Wäsche. Das Waschen war dabei aber das kleinste Problem, eher das Trocknen. „Drei Tage braucht es, bis die Kleidung wieder trocken ist.“ Für Hollmann galt in dieser Zeit Hausarrest, schließlich darf er sich in der Öffentlichkeit nicht ohne Kluft zeigen.

Walz abbrechen? Den Gedanken gab es

Auch bei anderen Mitgliedern (der Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Maurer und Steinhauer) fand er einen Schlafplatz. Die Nächte, in denen er im Freien schlafen musste, sind überschaubar, doch gab es sie auch. Stürmte oder regnete es dann auch noch, blieb es nicht aus, dass der Gedanke hochkam, die Walz abzubrechen. Einfach ein Taxi in die Heimat zu nehmen, anstatt stundenlang an der Autobahn den Finger hochzuhalten und ignoriert zu werden. So schnell der Gedanke aufkam, war er auch schon wieder weg. Denn: „Man wächst in den Jahren über seinen Schatten hinaus.“ Die schönen Orte, die er bisher gesehen, hätte er womöglich ohne die Walz nie kennengelernt. Sei es Föhr oder Stockholm oder Leiden in den Niederlanden.

Dorfschild erklimmen?

Auch Papenburg sei schön gewesen. Dort war Hollmann von Leiden aus hingereist. Am Mittwoch ging es nach Lingen. Obwohl es beim Trampen im Emsland Anlaufschwierigkeiten gab, gab es am Ende doch ein Happy End. In einer Tankstelle lernte Hollmann einen Lingener kennen, der ihm kurzerhand ein Schlafquartier anbot. Und in einer Kneipe erhielt er Getränke auf Kosten des Hauses. Anfang kommender Woche soll es weitergehen. Rumänien will er unbedingt noch sehen – eventuell auch die Türkei. Ein Jahr hat Timo Hollmann noch vor sich, bevor er wieder das Dorfschild seiner Heimat sieht. Erklimmen, wie bei vielen anderen Wandergesellen üblich, muss er es aber nicht. Das sei nicht ihre Tradition.


Wanderjahre

Mit der „Walz“ bezeichnet man die Wanderschaft eines Handwerksgesellen nach Abschluss seiner Gesellenprüfung. Seit dem 12. Jahrhundert ziehen junge Handwerker durchs Land, um Regionen, Kulturen und neue Fertigkeiten in ihrem Fach kennenzulernen. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war die Walz Voraussetzung, um mit der Meisterprüfung zu beginnen. Jedes Gewerk hat seine spezielle Kluft. Die Walz muss mindestens drei Jahre und einen Tag andauern. Der Bannkreis von 50 Kilometern darf um den Heimatort nicht betreten werden und der Geselle muss bei der Rückkehr schuldenfrei und unverheiratet sein.