Gezwitscher in Holthausen Naturschützer aus Lingen: „Schwalben sind Freunde des Menschen“

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Lingen. In Holthausen zwitschert es an vielen Ecken. Seit April sind Schwalben in Lingen und der Region keine Seltenheit. Sie haben ihre Nester in Ställen sowie unter so manchen Dachvorsprüngen gebaut. Der einzige Nachteil: die Hinterlassenschaften der Vögel. Wie sich dieses Problem eindämmen lässt und weshalb die Schwalbe vom Menschen geschützt werden sollte, erklärt Bernward Rusche vom Naturschutzbund (Nabu) Emsland-Süd.

„Sehen Sie: Direkt über unserem Wohneingang befinden sich die Schwalbennester“, sagt Reinhold Esders, als er auf drei miteinander verbundene Nester unter einem Vorsprung zeigt. Ein Dutzend der Singvögel fliegt wirr in der Luft umher. Das Ehepaar Esders aus Holthausen stören die Schwalben nicht. Sie seien weder aggressiv, noch würden sie den Pflanzen schaden. Das Einzige, das störe, sei der Vogeldreck. „Aber das belassen wir vorerst wie es ist, und machen gründlich sauber, sobald sie wieder ausgeflogen sind“, meint Esders.

Gesetzliche Regelungen

Das ist die eine Möglichkeit. Doch Bernward Rusche versteht das Ärgernis einiger Menschen über den Vogelkot und empfiehlt ein sogenanntes Kotbrett. „Das Brett sollte 50 bis 90 Zentimeter unter dem Nest befestigt werden“, erklärt Rusche, der im Vorstand des Nabu tätig ist. So werde herunterfallender Dreck vermieden.

Abschlagen verboten

Laut dem Experten gibt es aber auch jene, die das Problem auf andere Weise beseitigen, und zwar indem sie die Nester der Schwalben abschlagen. Dies ist nach § 44 des Bundesnaturschutzgesetzes allerdings untersagt, verweist Rusche auf die eindeutige Regelung. Ausnahmen gelten dem Bundesnaturschutzgesetz zufolge dann, wenn Ausgleichsmaßnahmen im räumlichen Zusammenhang getroffen werden. Gemeint sind damit gleichwertige Ersatzmöglichkeiten als Fortpflanzungsstätte der Schwalben. Auch eine nachgewiesene gesundheitliche Gefährdung des Menschen bildet eine Ausnahme.

Unter Naturschutz gestellt

Dass in diesem Jahr das Schwalbenaufkommen wieder etwas gestiegen ist, kann Rusche zu diesem Zeitpunkt in Zahlen noch nicht bestätigen. Wenn, dann liege dies an einem leichten Anstieg des Insektenaufkommens in diesem Jahr. Generell sieht die Lage jedoch anders aus, weiß der Naturschützer: „Wir beobachten, dass die Zahl der Schwalben zurückgeht. Rauchschwalben sind sogar als gefährdet eingestuft.“ Sie nisten sich bevorzugt in Nischen, beispielsweise von Ställen und Scheunen ein. „Weil viele Ställe aus hygienischen Gründen heute jedoch verschlossen sein müssen, mangelt es den Rauchschwalben automatisch an Lebensraum“, macht Rusche deutlich.

Schwalben fressen „Schädlinge“

In Deutschland verbreitet sind nach Rusches Erklärung drei Schwalbenarten: die Mehl-, die Rauch- und die Uferschwalbe, wobei es sich mit der Mehlschwalbe um die am meisten verbreitete Art in der Region handle. Auch sie steht unter Naturschutz. „Es gibt auch noch die Mauersegler, die oft für Schwalben gehalten werden“, fügt er hinzu. Sie zählen jedoch nicht zu dieser Vogelgattung. Während Rauchschwalben sich außerorts einnisten würden, suchen Mehlschwalben regelrecht die Nähe des Menschen. „Sie halten sich oft dort auf, wo Teiche angelegt sind“, erklärt Rusche und ergänzt: „Schwalben sind Freunde des Menschen.“ Denn: Sie fressen zumeist Insekten, welche der Mensch als schädlich empfindet.

Starke Abnahme von Insekten

Alle drei Schwalbenarten sind reine Insektenfresser. Deshalb ist das Insektensterben unweigerlich mit dem Rückgang der Singvögel verbunden. Rusches Aussage nach ist das Sterben von Fluginsekten in Deutschland so weit vorangeschritten, dass die Biomasse seit den 1990er-Jahren um rund 80 Prozent abgenommen hat. Das macht sich auch bei der Schwalbenpopulation bemerkbar. „In den 1980er-Jahren gab es noch rund 400.000 Brutpaare. Vor zehn Jahren waren es nur noch rund 100.000“, hebt der Lingener hervor.

Plakette für Schwalbenschutz

„Hier sind Schwalben willkommen“, steht auf einer Plakette, die der Nabu seit einigen Jahren an Bewohner in „schwalbenfreundlichen Häusern“ vergibt. Sie setzen sich mit verschiedenen, kleinen Maßnahmen dafür ein, das Schwalbennester erhalten bleiben oder Vögel einen Platz zum Nisten zur Verfügung steht. „Im Jahr 2017 ist die Plakette in Deutschland rund 12.000 Mal vergeben worden; in Niedersachsen sind es heute 3800 Häuser“, sagt Rusche.


Der Einsatz von Pestiziden, vornehmlich in der Landwirtschaft, ist laut Bernward Rusche vom Nabu Emsland-Süd mitunter ein Grund für das geringere Aufkommen von Schwalben, denn die Insektenfresser ernähren sich unter anderem von Schädlingen auf den Feldern. Deshalb wünscht sich Rusche mehr Wildflächen, um so wieder ein besseres Nahrungsangebot für die Vögel zu schaffen. Zudem solle man versuchen, Nischen zum Nisten zu schaffen. Gärten, anstatt sie zu bepflastern oder mit Kies auszulegen, zu bepflanzen, ist laut dem Experten ebenfalls eine Möglichkeit – genauso wie Totholz nicht direkt zu entfernen. Dies helfe der Bildung von beispielsweise Brennnessel, worauf sich wiederum Insekten beheimaten würden, die der Schwalbe als Nahrung dienen. „Naturnahe Gärten fördern den Artenreichtum“, fasst es Rusche zusammen. Schwalben sind zudem nesttreue Vögel und kehren auch im nächsten Jahr an ihren Nistort zurück. Das Bauen ihrer Behausungen ist für die kleinen Singvögel ein Kraftakt, da sie diese aus mehreren Lehmkugeln zusammensetzen. Mit lehmigen Pfützen sorgt man deshalb Rusches Aussage nach für Erleichterung. Auch besteht die Möglichkeit, selbst künstliche Nester oder Nisthilfen aus Holz und Draht für Schwalben anzubringen. Von April bis Oktober/November hausen die Tiere in Deutschland, bis der Großteil dann gen Süden nach Afrika fliegt. Ein allgemeiner Hinweis: Während der heißen und trockenen Zeit des Sommers empfiehlt Rusche für alle Singvögel eine Schale mit Wasser in den Garten zu stellen. Weitere Informationen und Ansprechpartner gibt es auf www.nabu-emsland.de.

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