Fachleute treffen sich im Ludwig-Windthorst-Haus Erstes Konzept für Rosemeyer-Museum in Lingen

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Lingen. Ab 2019 möchte Unternehmer Heinrich Liesen in Lingen als Geburtsstadt von Bernd Rosemeyer an den in den 1930er-Jahren erfolgreichen Rennfahrer und dessen Fliegerfrau Elly Beinhorn erinnern. Die Museumspläne sind in der Stadt aber umstritten. Sein Museumskonzept hat Historiker Bernd Walter jetzt im Ludwig-Windthorst-Haus erstmals Experten vorgestellt.

Seit Bekanntwerden der Pläne Anfang 2017 ist das Museum umstritten. Nicht nur Rosemeyers frühe SS-Mitgliedschaft wird kritisiert, er und seine Frau hätten als propagandistisch vermarktetes „Glamour-Paar“ auch zur Stabilisierung des NS-Staates beigetragen.

Robert Koop kritisiert Treffen

So lehnen Heribert Lange, Vorsitzender vom Forum Juden Christen, und der Fraktionsvorsitzende der Bürgernahen im Lingener Stadtrat, Robert Koop, das Projekt ab. Dadurch werde das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus beschädigt, erklärte Koop jetzt gegenüber dem NDR. Zudem kritisierte Koop in seinem Internetblog die Nicht-Öffentlichkeit des Treffens im LWH und bezeichnete das Treffen dort als „Inszenierung“.

Ablehnung im Verwaltungsausschuss

Auch die Mitglieder des Verwaltungsausschusses des Lingener Stadtrates haben bereits im Mai 2017 die Museumspläne einstimmig abgelehnt und im Falle einer Umsetzung zumindest einen wissenschaftlichen Kurator gefordert.

Mit Prof. Dr. Bernd Walter präsentierte Liesen einen solchen einen Monat später. Walter ist in der Region dabei nicht unbekannt: Er hat am frühen Standardwerk zur Geschichte der NS-Emslandlager maßgeblich mitgearbeitet und gehört dem Rat und der Fachkommission der Esterweger Gedenkstättenstiftung an. Der spätere Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte und Professor an der Uni Münster forschte zudem zur Psychiatriegeschichte und weiter zur NS-Zeit.

„Rosemeyer in allen Facetten“

Im Museum soll Rosemeyer laut Walter „in allen Facetten“ gezeigt werden. Bisher sei dieser meist vor allem als erfolgreicher Rennfahrer wahrgenommen worden. Seine SS-Mitgliedschaft, die Instrumentalisierung des Autorennsports durch das NS-Regime und die vor allem nach dessen Unfalltod einsetzende Mythologisierung seien hingegen meist ausgeblendet worden.

Weiteres Treffen?

„Die Ausstellung soll diese Wirkungsmechanismen analysieren, die Funktion und Manipulationsstrategien der Propaganda zeigen und dadurch eine differenzierte Beurteilung ermöglichen“, heißt es in seinem am Freitagnachmittag im LWH erstmals mit Fachkollegen diskutierten Arbeitspapier.

Ziel: Versachlichung

„Wir sind ein Ort zur Diskussion komplexer Themen und haben daher zu diesem kontrovers diskutierten Thema Fachleute verschiedener Institutionen aus und Experten von außerhalb der Region eingeladen, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, erklärte LWH-Leiter Michael Reitemeyer auf Nachfrage unserer Redaktion. Seiner Meinung nach habe das Gespräch auch „in guter Atmosphäre zur Versachlichung beigetragen“.

„Gute Atmosphäre“

Diese „gute und sachliche Atmosphäre“ bestätigten Gernot Wilke-Ewert vom Forum Juden-Christen und der Kurator Bernd Walter: „Jeder konnte sachlich vortragen, es war eine offene Diskussion. Besonders wichtig war mir die Teilnahme der Vertreter vom Forum und von städtischen Kultureinrichtungen.“

Viele Fachleute im LWH

Am Treffen teilgenommen haben nach Informationen unserer Redaktion neben dem Initiator und Kurator Walter auch Heribert Lange, Michael Fuest und Wilke-Ewert vom Forum Juden-Christen, Lingens Stadtarchivar Dr. Mirko Crabus, Dr. Andreas Eiynck vom Emslandmuseum, der Osnabrücker Historiker und Migrationsforscher Prof. Dr. Christoph Rass, der Münsteraner Historiker Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer, der heutige Leiter des LWL-Instituts Prof. Dr. Malte Thießen und die Kreisarchäologin und Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, Dr. Andrea Kaltofen.

Keine reine Lebensgeschichte

Eine rein auf die Lebensgeschichte von Rosemeyer und Beinhorn ausgerichtete Präsentation im Museum wurde laut Walter abgelehnt: „Ein kulturgeschichtlicher Ansatz, in dem die Personen für allgemeine Phänomene der NS-Zeit wie Massenzustimmung, Modernität durch Technik und eine zunehmende Medialisierung stehen, wurde jedoch als Chance gesehen.“ Das Konzept sei daher „eine gute Grundlage“ für ein tragfähiges Ausstellungskonzept.

Viele Fragen auf der Tagesordnung

Weitere Fragen waren: Wie kann erreicht werden, dass die gezeigten Exponate nicht mit dem Ziel der dort laut Walter geplanten „kritischen Distanz“ in Konflikt geraten? Welche Forschungen sind noch nötig, wie soll auf 200 Quadratmetern die Gleichzeitigkeit der Ereignisse (Rennerfolge von Rosemeyer, parallel dazu aber auch erlassene Rassegesetze und die Brutalität in den Emslandlagern) gezeigt und wie das Museum überhaupt benannt werden? „Bei dem umfassenden thematischen Ansatz des Museums wird der Name ,Bernd-Rosemeyer und Elly-Beinhorn-Museum´ nicht ausreichen“, erklärte Walter zu diesem Punkt.

Liesen: Baulich im Zeitplan

Für das Forum Juden-Christen, welches das Museum weiter ablehnt, sind auch noch Fragen der Organisationsstruktur unzureichend geklärt. „Wir werden daher weiter unsere Bedenken einbringen und Gesprächseinladungen annehmen“, erklärte Wilke-Ewert. So hat es laut Walter unter den Teilnehmern auch eine „grundsätzliche Bereitschaft für ein weiteres Treffen“ gegeben.

Baulich ist derzeit nach ersten Verzögerungen laut Liesen alles im Zeitplan: „In Kürze wollen wir mit den Planungen für die Museumsausstattung beginnen, der Brandschutz ist geregelt und auch die Bescheinigung vom Finanzamt zur Gemeinnützigkeit liegt inzwischen vor.“


Das „Glamour-Paar“ Bernd Rosemeyer und Elly Beinhorn

Bernd Rosemeyer ist am 14. Oktober 1909 in Lingen geboren worden und war ein erfolgreicher Motorrad- und Autorennfahrer. Spätestens 1933 trat er in die SS ein und wurde nach mehreren Rennerfolgen SS-Hauptsturmführer. Als Werksfahrer der Auto Union errang er 1936 den Europameistertitel. Als erster Rennfahrer fuhr er 1937 schneller als 400 Kilometer pro Stunde. Bei einem weiteren Rekordversuch auf der heutigen A5 wurde sein Wagen am 28. Januar 1938 bei einer Geschwindigkeit von fast 430 Kilometern pro Stunde von einer Windböe erfasst, Rosemeyer starb noch am Unfallort.

Im Juli 1936 hatte Rosemeyer Elly Beinhorn geheiratet. Die Eheleute galten damals in Deutschland als das „Glamour-Paar“ der zu Ende gehenden 1930er-Jahre. Auch die herrschenden Nationalsozialisten spannten Rosemeyer und Beinhorn vor den Karren ihrer Propaganda.

Die 1907 geborene Beinhorn war eine deutsche Flugpionierin. 1932 umrundete sie im Alleinflug die Welt. Einen Rekordflug über drei Kontinente innerhalb von 24 Stunden absolvierte die Fliegerin 1935. Am 12. November 1937 wurde Bernd Rosemeyer junior geboren.

Elly Beinhorn starb am 28. November 2007 im Alter von 100 Jahren in Ottobrunn bei München. wrog/vb

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