Gisela Michalowski betreut vier Kinder mit FASD Fetales Alkoholsyndrom: Lingener bekamen Alkohol im Mutterleib

Von Julia Mausch

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Deutschlandweit werden jedes Jahr etwa 10.000 Babys mit alkoholbedingten Schädigungen geboren, weil ihre Mütter neun Monate nicht auf Alkohol verzichten konnten oder wollten. Symbolfoto: colourbox.deDeutschlandweit werden jedes Jahr etwa 10.000 Babys mit alkoholbedingten Schädigungen geboren, weil ihre Mütter neun Monate nicht auf Alkohol verzichten konnten oder wollten. Symbolfoto: colourbox.de

Lingen. Deutschlandweit werden jedes Jahr etwa 10.000 Babys mit alkoholbedingten Schädigungen geboren, weil ihre Mütter neun Monate nicht auf Alkohol verzichten konnten oder wollten. Die Lingenerin Gisela Michalowski hat drei Pflegekinder und ein Adoptivkind. Alle haben FASD: das Fetale Alkoholsyndrom.

7 Uhr morgens Frühstück, 13 Uhr Mittagessen, 18 Uhr Abendessen. Der Alltag von Gisela Michalowski ist getaktet. Es gibt feste Essenzeiten, es gibt einen festen Zeitpunkt, wann das Licht ausgeht, wann geschlafen wird. „Es ist wie im Film ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘“, sagt Michalowski. Doch die Lingenerin befindet sich nicht wie in der Filmkomödie in einer Zeitschleife: Es ist der normale Alltag der Lingenerin. Der Alltag mit ihren vier Pflegekindern, die alle unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FASD) leiden.

Keine altersgerechte Entwicklung

Wenn werdende Mütter viel Alkohol konsumieren, kann das FASD auslösen. Bemerkbar kann sich diese Schädigung bei den Kindern durch Veränderungen des Gesichts machen: kleine Augen, eine flache Nase oder eine fehlende Mittelrinne zwischen Nase und Oberlippe. Doch es gibt auch Kinder mit dem Syndrom, die völlig gesund aussehen. Je nach Schwere der Krankheit können sie leichte kognitive Störungen bis hin zu gravierenden Einschränkungen der Denkleistung haben, weil sich das Gehirn durch den Alkohol nicht normal entwickeln konnte: Aggressionen, Schmerzunempfindlichkeiten, Sprachstörungen, Intelligenzminderung oder Hyperaktivität. Kinder mit FASD hinken ihrer altersgerechten Entwicklung hinterher. „Wenn meine Tochter in die Pubertät kommen wird, hat sie die geistige Reife einer Zweijährigen“, sagt Gisela Michalowski.

Als Fötus im Mutterleib geschädigt

Die Rede ist von Sarah*. Das Mädchen ist 13 Jahre alt und lebt, seit sie klein ist, bei Gisela Michalowski und ihrem Mann. Sarah hat das Syndrom, wurde als Fötus bereits im Mutterleib durch Alkohol geschädigt – ebenso wie ihre Geschwister, die heute 33, 25 und 24 Jahre alt sind. Wie oft und wie viel ihre leiblichen Mütter während der Schwangerschaft getrunken haben, wissen die Pflegeeltern nicht.

Sarah ist ein aufgewecktes Mädchen, macht gerne Sport, hört und macht gerne Musik. Doch in der Schule hinkt sie hinterher, sie kann sich Dinge einfach nicht merken, vergisst Abmachungen nach kurzer Zeit wieder, kann sich selbst schlecht organisieren. Gisela Michalowski hat sich daran gewöhnt, dass Sarah und ihre Geschwister anders sind. Doch das brauchte Zeit.

Am Backofen verbrannt

Als die Ärzte bei Daniel*, dem ersten ihrer drei Pflegekinder, die Diagnose stellten, brach für die Lingenerin die Welt zusammen. „Unser Wunsch war es, unseren Sohn später in die Selbstständigkeit zu entlassen, das schien damals unmöglich“, sagt Michalowoski. Zwar hatte sie geahnt, dass mit Daniel etwas nicht stimmte, als sie ihn mit drei Jahren aufnahm, doch mit dieser Diagnose hatte sie nicht gerechnet.

Sie kaufte sich das Buch „Alkoholembryopathie und Alkoholeffekte“ von Hermann Löser und verschlang es innerhalb kürzester Zeit: „Es wurde meine Bibel.“ Sie lernte, dass Daniels exekutive Funktionen, also die Kontrollmechanismen, um sich zu konzentrieren und um nachzudenken, die mentale Anpassungsfähigkeit, Selbstkontrolle oder das Arbeitsgedächtnis nicht ausgebildet waren.

Nicht aus Erfahrungen lernen

Daniel und seine Geschwister lernten nicht aus Erfahrungen. So berührte eines der Kinder immer wieder mit der Zunge den heißen Backofen, sobald es Essen im Inneren sah. Es verbrannte sich – immer und immer wieder.

Wenn Frauen in der Schwangerschaft Alkohol trinken, kann das schwerwiegende und unheilbare Folgen für das Ungeborene haben. Symbolfoto: colourbox.de

Die Kinder waren angstfrei und konnten Gefahren nicht einschätzen. Dafür aber die Pflegeeltern. „Wir lernten, dass der Backofen 1,50 Meter höher angebracht werden muss“, sagt Gisela Michalowski. Sie lernte, vorausschauend zu denken. Eine erste Veränderung im Hause Michalowski. Die Pflegeeltern stellten ihre Erziehungsmethode um, die sie bei ihren vier leiblichen Kindern angewandt hatten. Aus einer partnerschaftlichen wurde eine autoritäre Erziehung. Die Erziehung der Kinder sei eine „24/7-Herausforderung“ –24 Stunden am Tag, sieben Tag in der Woche. Die Sozialpädagogin weiß mittlerweile viel über die Krankheit, seit 13 Jahren ist sie Vorsitzende des Vereins FASD Deutschland.

Pflegemutter mit 56 Jahren

Daniel ist mittlerweile ausgezogen und hat geheiratet. Auch eine von Sarahs Schwestern lebt mittlerweile alleine. Doch ihr fällt es schwerer, sich selbst zu organisieren. „Sie könnte vor einem gefüllten Kühlschrank verhungern, weil sie vergisst zu essen“, sagt Gisela Michalowski. Sarah und ihre Geschwister sind ein Leben lang auf Unterstützung angewiesen, das weiß sie.

Die Lingenerin ist mittlerweile 56 Jahre alt, hat nach Sarah noch zwei weitere Pflegekinder aufgenommen, ohne FASD. „Es ist eine Mischung aus Pensionärsdasein und Mutterglück“, sagt die Lingenerin. Sie ist sich bewusst, dass sie für eine Pflegemutter schon ein recht hohes Alter hat: „Es gibt einfach zu wenig Pflegefamilien.“ Sie hat sich einen Plan B gemacht, falls ihre Gesundheit eines Tages nicht mehr mitspielt. Gisela Michalowski ist vorausschauend.

Schwangerschaftstest in Kneipen in Kanada

Genau das wünscht sie sich auch bei schwangeren Frauen. Denn: FASD ist zu 100 Prozent vermeidbar, wenn Frauen während der Schwangerschaft keinen Alkohol trinken – und zwar keinen Tropfen. Ärzte warnen zwar immer wieder, dass werdende Mütter abstinent bleiben sollen. Trotzdem trinken zu viele Frauen weiter, obwohl sie schwanger sind: weil sie die Gefahren für ihr ungeborenes Kind unterschätzen oder weil sie noch nichts von ihrer Schwangerschaft wissen.

Seit Jahren kritisiert Michalowski, dass in Deutschland Alkohol so leicht erhältlich ist. Sie plädiert für sichtbare Warnhinweise und nimmt gerne Kanada als Beispiel. Auf Plakaten vor Frauentoiletten wird die Frage gestellt: Sind Sie schwanger? Wenn ja, solle Frau keinen Alkohol trinken – und bei Unsicherheit liegt direkt daneben ein kostenloser Schwangerschaftstest bereit.

Als großes Problem bezeichnet Michalowski, dass es keine Möglichkeit gibt, junge Menschen auf FASD zu testen. „Die Diagnose ist schwierig. Häufig werden falsche Diagnosen abgegeben, etwa ADHS, oder nur der Verdacht ausgesprochen.“ Das bringe den Betroffenen nichts, sie bekämen dann keine Hilfe.

*Namen von der Redaktion geändert


Die Ausstellung „ZERO“

Unter dem Titel „ZERO!“ veranstaltet der Landkreis Emsland eine Ausstellung, die sich mit dieser Problematik befasst. Die Ausstellung kann bis Freitag, 29. Juni, im Meppener Kreishaus, Gebäude II, während der Öffnungszeiten der Kreisverwaltung besichtigt werden. Die innovative Mitmach-Ausstellung informiert erlebnisorientiert unter anderem über Schwangerschaft, FASD sowie über die lebenslangen Folgen des mütterlichen Alkoholkonsums. Sie richtet sich primär an Jugendliche und junge Erwachsene. Weitere Informationen beim Landkreis Emsland, Ansprechpartnerin Kristina Knese, unter Tel. 05931/441713 oder bei Cornelia Berends unter Tel. 05931/442413.

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