Weber: Effektivität ausgebremst Emsland „würde von einer Oberstufe der Gesamtschule profitieren“

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Schulleiter Martin Weber von der Gesamtschule Emsland. Foto: Caroline TheilingSchulleiter Martin Weber von der Gesamtschule Emsland. Foto: Caroline Theiling

Lingen. Die Gesamtschule Emsland besteht seit 25 Jahren, doch immer noch nur in den Jahrgängen fünf bis zehn. Schulleiter Martin Weber sieht die Einrichtung durch die fehlende Oberstufe in ihrer Effektivität ausgebremst und die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche deshalb in jungen Jahren das Emsland verlassen.

Herr Weber, der Wunsch der Gesamtschule Emsland auf Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe besteht schon viele Jahre. Sind Sie diesem Ziel inzwischen näher gekommen? In Bezug auf die Akzeptanz der Gesamtschule Emsland in der Region und unsere Bedeutung als Netzwerkschule mit Vorbildcharakter sollten wir dem Ziel eigentlich schon längst näher gekommen sein. Die Anerkennung für die geleistete Arbeit, die uns vielfältig und auf verschiedensten Ebenen von außen gespiegelt wird, und das mehrfach ausgezeichnete Konzept der inneren Ausgestaltung mit spannenden Alleinstellungsmerkmalen sollten hier eigentlich schon längst ihr Übriges getan haben.

Gehen die Schüler dann nicht anderen Systemen verloren? Gesamtschulen werden normalerweise immer mit den Jahrgängen fünf bis 13 geführt, warum das bei der einzigen im Emsland nicht der Fall ist, werde ich oft gefragt und kann dann wirklich keine plausible Antwort geben. Auch die aktuelle demografische Entwicklung zeigt hier in eine andere Richtung, nur wenige Schüler würden den anderen Systemen um Lingen herum verloren gehen und dafür viele ihre Wunschschule besuchen können. Viele davon würden so dem Emsland erhalten bleiben und dann nicht über die Kreisgrenzen abwandern, um ihre Wunschschule woanders besuchen zu können. Diese jungen Menschen, würden dem Arbeitsmarkt im Emsland ansonsten tendenziell eher verloren gehen.

Warum ist Ihnen die gymnasiale Oberstufe an der Gesamtschule so wichtig? Schon im niedersächsischen Schulgesetz steht in Paragraf 12.2: „Eine Gesamtschule führt die Jahrgänge fünf bis 13.“ Die Weiterführung der geleisteten Arbeit in einer eigenen Oberstufe ist logisch und sinnvoll und aus Sicht der Schüler und ihrer Eltern auch stets gewünscht. Es gibt keinen Grund, hier einen Bruch herbeizuführen, schon lange nicht, wenn es keine weiteren Gesamtschulen im Einzugsgebiet gibt. Die herausragende Bedeutung lange gewachsener sozialer Bezüge als ein wesentlicher Faktor für erfolgreiches Lernen sollte ja nun wohl jedem bekannt sein, und hier könnte ich noch eine lange Defizitliste anführen, die aufzeigt, was uns seit Jahren ohne eigene Oberstufe in der täglichen Arbeit vorenthalten wird.

Wie würde sich eine Oberstufe auf den Schulalltag auswirken? Die Entwicklung von Schulqualität muss den Fokus zuerst auf die alltägliche Unterrichtsqualität legen. Die lebt im individuellen Lernprozess sehr stark von der Differenziertheit der Lernpartnerschaften. Diese sollten daher ein möglichst breites Spektrum abdecken. Eine Schule ohne Oberstufe allerdings schreckt Eltern ab, die wissen, dass ihre Kinder nach Klasse zehn eine Oberstufe besuchen werden. Darum bleibt dieser Schule diese Breite verschlossen – ohne Not und ohne Grund wird hier das gemeinsame Lernen in seiner Effektivität ausgebremst. Das Hinzunehmen fällt uns seit 25 Jahren schwer. Dies zu ändern, muss als verantwortliches Handeln gesehen werden – ohne Wenn und Aber.

Kritiker befürchten, dass Ihr Ansinnen zulasten der anderen gymnasialen Angebote in Lingen geht. Was entgegnen Sie ihnen? Pluralität in der Bildungslandschaft im Bereich der Oberstufen in Lingen kann nur sinnvoll sein. Eine Gesamtschule wird mit ihrer eignen Oberstufe etwas bieten, das Lernende und ihre Eltern genau so wünschen, ein besonderes Profil, das auf gesamtschultypischer Arbeit gründet. Ein breiteres Angebot für Lingen, nicht mehr und nicht weniger. Weiterhin kann eine Kooperation über Schulgrenzen hinweg im Austausch vielfältiger Oberstufenangebote mit unterschiedlichen Angeboten in der inneren Ausgestaltung nur gut für unsere Region sein. Dass dabei hier und da ein paar Lernende aus den etablierten Systemen der Umgebung zu einer Oberstufe der Gesamtschule Emsland wechseln werden, wird keine signifikanten Auswirkungen auf die Oberstufenlandschaft insgesamt haben. Wir wissen aus den Befragungen der letzten Dekade, dass ein größerer Teil unserer Schüler schon nach der zehnten Klasse wegen des für sie fehlenden passenden Oberstufenangebots das Emsland verlassen. Das kann nicht sinnvoll sein. Es schwächt letztendlich den Fachkräftemarkt der Region.

Was müsste sich baulich und personell an Ihrer Schule verändern, wenn es eine Oberstufe geben sollte? Personell müssen natürlich zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden. Schon jetzt unterrichten ausreichend Lehrkräfte mit der Lehramtsausbildung für das Gymnasium an unserer Schule, um eine Oberstufe führen zu können. In den letzten Jahren konnten wir viele tolle Menschen mit diesem Lehramt für uns und unsere gesamtschultypische Teamarbeit gewinnen.

Dem Schulträger wurde schon einmal von meinem Vorgänger Herrn Krupp eine ausgearbeitete Machbarkeitsstudie mit diversen Zahlen und Plänen übergeben. Hier könnte man einfach anknüpfen. Die mit der Einrichtung einer Oberstufe verbundenen Kosten sind überschaubar.

Werden Sie sich weiter für den Erhalt der Oberstufe einsetzen? Das müssen wir, das sind wir unseren Lernenden und ihren Eltern schuldig. Die tägliche Arbeit würde durch eine Oberstufe deutlich einfacher, und das sofort bereits mit der Ankündigung durch die Entscheidungsträger und dann mit deutlich positiven Auswirkungen ab Einschulung in der nächsten 5. Klasse.

Gibt es Erfahrungen aus anderen Gesamtschulen? Hier gibt es schon langjährige Erfahrungen aus vielen anderen Gesamtschulen, die diesen positiven Entwicklungsschub erfahren haben, nachdem ihnen diese Entwicklung eröffnet wurde. Durch das veränderte Anmeldeverhalten und „die Großen“ im System entstehen vielfältige Synergien. Eine Oberstufe würde uns in vielerlei Hinsicht guttun. 20 Abschlussjahrgänge haben uns bereits verlassen, ohne eine Wahlmöglichkeit für eine Gesamtschuloberstufe im Emsland. Das spricht für sich und steht im krassen Widerspruch zur innovativen, hoch anerkannten Arbeit dieser Schule in der Region und über ihre Grenzen hinaus.


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