Baccumer war Zuschauer beim WM-Finale 1954 Mit Helmut Rahn beim Pils in der Kneipe

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Das Wunder von Bern hat der Baccumer Rolf Grodotzki live erlebt. Als 17-Jähriger war er beim WM-Finale im Berner Wankdorfstadion und erlebte mit, wie Helmut Rahn das Siegtor zum 3:2 schoß. Foto: Thomas PertzDas Wunder von Bern hat der Baccumer Rolf Grodotzki live erlebt. Als 17-Jähriger war er beim WM-Finale im Berner Wankdorfstadion und erlebte mit, wie Helmut Rahn das Siegtor zum 3:2 schoß. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Wenn am Sonntag die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der WM in Moskau ihr erstes Spiel gegen Mexiko bestreitet, fiebert natürlich auch Rolf Grodotzki mit. Der 81-jährige Baccumer ist ein großer Fußballfan und häufiger auf dem Sportplatz im Lingener Ortsteil, als zu Hause anzutreffen. Ein Spiel aber gibt es, das sich wie kein anderes in seinem Gedächtnis eingebrannt hat.

Das „Wunder von Bern“, den WM-Sieg Deutschlands 1954 gegen Ungarn, hat Grodotzki als 17-Jähriger im Stadion selbst miterlebt. „Das Wasser lief uns damals auf der Tribüne aus den Schuhen raus, aber das war uns völlig egal“, beschreibt er auch 64 Jahre später noch in allen Details, wie die Kicker um Fritz Walter in der Regenschlacht im Wankdorf-Stadion die damaligen Wunderfußballer aus Ungarn um Ferenc Puskás niedergerungen hatten.

Den Ruhrpott-Slang mit „dat“ und „wat“ und seiner direkten Art, garniert mit Witz und Charme, hat Rolf Grodotzki auch nach über 50 Jahren, in denen er inzwischen im Emsland wohnt, immer noch drauf. „Ich bin eben ein echter Kohlenpottler. Wer da nicht geboren ist, wird nie begreifen, was die Leute aus dem Ruhrgebiet für eine Mentalität haben“, schmunzelt er. Und ein besonderes Original von dort hat Grodotzki, der gebürtig aus Essen kommt, persönlich kennengelernt: Helmut Rahn, das große Fußballidol aus dem Ruhrgebiet und Schütze jenes Siegtreffers zum 3:2, der Deutschland den WM-Titel einbrachte.

Gelernter Bergmann

Grodotzki, 1937 geboren, ist gelernter Bergmann. Die Zeche „Zollverein“ in Essen war, bevor er 1964 ins Emsland zog, sein Arbeitsplatz. In der Freizeit spielte für Grodotzki neben der Leichtathletik natürlich der Fußball eine große Rolle. Ein Freund von ihm kickte damals bei den Sportfreunden Katernberg, Stadtteil von Essen, in der Jugendabteilung – und der „Boss“ bei den Senioren. So nannten alle Helmut Rahn, der 1950/51 bei den Sportfreunden Katernberg Fußball spielte. 1951 wechselte der „Boss“ zu Rot-Weiß Essen, dem größten und traditionsreichsten Verein in Rahns Heimatstadt. Dort startete er auch seine Karriere als Nationalspieler.

In Katernberg und natürlich später bei Rot Weiß Essen haben ihn Rolf Grodotzki und seine Freunde dann oft spielen sehen. „Wir sind damals zu jedem Heimspiel von Rot-Weiß Essen mit dem Fahrrad zur Hafenstraße gefahren, wo sich das Stadion von Rot-Weiß befand“, erzählt der Baccumer. Rahn hatte er aber nicht nur auf dem Fußballplatz angetroffen, sondern auch oft genug beim Pils in der Kneipe. „Für uns war dat einfach der Helmut“, beschreibt Grodotzki eine damalige Beziehung zwischen Fans und Fußballkicker, die heute in dieser Form unvorstellbar erscheint.

Dann kam die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Die Vereinsführung der Sportfreunde Katernberg hatte Endspielkarten organisiert. Grodotzkis Eltern schenkten ihrem Sohn, der gerade die Bergmannsprüfung mit Bravour bestanden hatte, ein Finalticket. Die Freude des jungen Mannes darüber war natürlich riesig.

Mit zwei Bussen nach Bern

Mit zwei Bussen starteten die Katernberger an jenem denkwürdigen 4. Juli in aller Herrgottsfrühe in Richtung Schweiz. 64000 Zuschauer fasste das Berner Wankdorfstadion damals, 56000 Stehplätze und 8000 Sitzplätze gab es. Grodotzki stand natürlich mit seinen Freunden vom Verein zusammen, aufgeregt, aber zunächst nicht in bester Laune. Schnell lag die deutsche Mannschaft mit 0:2 zurück und alles sah nach einem ähnlichen Debakel aus wie in der Vorrunde. Dort hatten die Ungarn das Herberger-Team mit 8:3 vom Platz gefegt, weil Schlitzohr Herberger nur ein Reserveteam aufgeboten hatte.

„Aber dann, mit dem Anschlusstreffer von Morlock und dem Ausgleich von Rahn, drehte sich das Spiel und es ging ein Ruck durch die Zuschauer“, lässt der Baccumer das Finale in der Erinnerung noch einmal aufleben. Und auch die 84. Minute, „die ich nie vergessen werde“: Der Pass auf Rahn, der mit einer Körpertäuschung seinen Gegner ins Leere laufen lässt und dann mit links unhaltbar in die linke untere Ecke schießt.

Auch die Katernberger Vereinsmitglieder und Rolf Grodotzki mittendrin waren natürlich restlos begeistert – aber ebenso platt. „Auf der Heimfahrt habe ich fast nur geschlafen“, erzählt Grodotzki.

„Der Boss spielt im Himmel weiter“, lautet der Titel eines Buches über den 2003 verstorbenen Helmut Rahn, das er in den Händen hält. Der Baccumer hat eine eigene Geschichte, die ihn mit dem unvergesslichen Torschützen von Bern verbindet. .

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