Demonstration am Samstag Atomkraftgegner fallen in Lingen wie tot zu Boden

Von Thomas Pertz


Lingen. Rund 500 Menschen haben am Samstagnachmittag vor dem Kernkraftwerk Emsland in Lingen und der benachbarten Brennelementefabrik im Industriepark für die sofortige Abschaltung des Reaktors und die Schließung der Fabrik demonstriert.

Diese Zahl nannten die Veranstalter, die Schätzungen der Polizei beliefen sich auf 450 Teilnehmer.

Auf ein Kommando legten sich die Demonstranten am Samstagnachmittag vor dem Eingangsbereich des Kernkraftwerks wie tot auf den Boden hin. Das sogenannte „Die-in“ war ein emotionaler Höhepunkt der Demonstration gegen das Atomkraftwerk der RWE und die Brennelementefabrik von ANF im Industriepark.

Im Vorfeld hatten 80 Anti-Atomkraft-Initiativen, Umweltgruppen und Parteiverbände zu der

Demonstration aufgerufen. Zu den Veranstaltern gehörten unter anderem das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, der Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau, der Arbeitskreis Umwelt (AKU) Schüttorf, der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung und der Elternverein Restrisiko Emsland.

Ein Urgestein der Anti-Atombewegung

Dessen Vorsitzender ist Gerd Otten, der zu den Urgesteinen der Anti-Atom-Bewegung gehört. Die ist vor der Haustür der Atomanlagen in Lingen kleiner als in benachbarten Bundesländern und den Niederlanden. Von dort waren zwei Busse mit Demonstranten gekommen. Teilnehmer kamen auch aus dem Münsterland, dem Aachener Raum und aus Thiange in Belgien, dessen wegen Rissbildungen in die Kritik geratenes Kernkraftwerk mit Brennelementen aus Lingen beliefert wird. Ebenso wie die Anlage im belgischen Doel, „Schrottreaktoren“ nach Darstellung der Atomkraftgegner.

„30 Jahre Lingen II sind genug“, betonte Gerd Otten und spielte damit auf die bisherige Laufzeit des Kernkraftwerks Emsland an. Der erste Reaktor, der in Lingen ans Netz gegangen ist, ist abgeschaltet und befindet sich im Rückbau. „Diese Art der Energieerzeugung lehnen wir damals wie heute ab, weil das Risiko für die Bevölkerung zu groß ist“, sagte der Sprecher des Elternvereins Restrisiko Emsland unter dem Beifall der Teilnehmer.

Die Bevölkerung in Lingen und der Umgebung würden die Anlage verdrängen, kritisierte der Umweltschützer. Dass der Atomausstieg Arbeitsplätze vernichte, sei im Übrigen falsch. Die Zahl der Arbeitsplätze, die im Bereich der regenerativen Energien geschaffen werden, ist nach seinen Worten um ein Vielfaches größer.

„Wir Ärzte sind nicht ausgebildet“

Angelika Claussen von der Vereinigung „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung“, kritisierte, dass es weder für das Kernkraftwerk in Lingen noch für den Reaktor in Grohnde einen wirksamen Katastrophenschutz gebe. „Auch wir Ärzte sind für einen solchen Katastrophenfall nicht ausgebildet“, meinte sie. Der Weiterbetrieb der Atomanlage in Lingen sei deshalb unverantwortlich. Das gelte ebenfalls für die Brennelementefabrik. „Atomausstieg heißt auch Stilllegung der Brennelementefertigung“, unterstrich Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. Hier dürfe es kein „Ja, aber“ geben.

Jan Schaake von der Initiative „Enschede voor Vrede“ aus den Niederlanden verwies darauf, dass 1,2 Millionen Menschen in den Niederlanden in einem Radius von 100 Kilometern um das Lingener Kernkraftwerk wohnen würden. „Im Falle eines großen Störfalls stimmen die Katastrophenschutzpläne beider Länder nicht überein. Radioaktive Strahlung stoppt aber nicht an der Grenze.“

Marsch zur Brennelementefabrik

Vom Kernkraftwerk aus machten sich die Demonstranten dann auf den gut zwei Kilometer langen Fußmarsch zur Brennelementefabrik, wo die Polizei die Zufahrt vor dem Parkplatz abgesperrt hatte. In Sichtweite des Unternehmens forderten Teilnehmer in mehreren Redebeiträgen den Exportstopp von Brennelementen und die Schließung des Betriebs.

„Großer Widerstand ist im Emsland nicht zu befürchten“, räumte die Lingenerin Heidi Kuhnert ein. Sie zollte deshalb Gerd Otten Respekt, dass er seiner Linie trotz persönlicher Anfeindungen treu geblieben sei.

Walter Schumacher vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie und ein belgischer Vertreter aus Thiange hoben die erfolgreichen gemeinsamen Bemühungen hervor, ein kritischeres Bewusstsein gegenüber dem „Schrottreaktoren“ in Thiange zu entwickeln. Man werde den Betreibern ein deutsches Wort beibringen, sagte der Belgier: „Ab-schal-ten“. Und die Menge ruft im Rhythmus mit.

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