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28.05.2018, 17:30 Uhr LINGEN UND DIE NS-ZEIT

Weder gesichts- noch geschichtslos

Kommentar von Thomas Pertz

Lingen im Nationalsozialismus: Das Eisenbahnausbesserungswerk bei einer Veranstaltung im Jahr 1944. Foto: StadtarchivLingen im Nationalsozialismus: Das Eisenbahnausbesserungswerk bei einer Veranstaltung im Jahr 1944. Foto: Stadtarchiv

Lingen. Eine umfassende Forschungsarbeit über Lingen im Nationalsozialismus kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Das muss es einer Stadt, die weder gesichts- noch geschichtslos sein will, aber wert sein - ein Kommentar.

Hunderte Seiten dick, aber kein Platz für ein Kapitel zur jüdischen Geschichte: Die öffentliche Empörung von Helga Hanauer im Jahr 1975 nach dem Erscheinen des Buches zum 1000. Lingener Stadtjubiläum war ein wichtiger Einschnitt, was den Umgang der Stadt mit dieser dunklen Seite seiner Geschichte betrifft.

Vieles, was bislang zumeist vergessen und verdrängt worden war, wurde in den folgenden Jahren von der Stadt und einer aktiven Bürgerschaft angegangen: Die Erhaltung der Jüdischen Schule, die Ehrenbürgerschaft für Ruth Foster und Bernard Grünberg, die Verlegung von Stolpersteinen und die vor allem vom Forum Juden-Christen gepflegte vorbildliche Erinnerungskultur sind seitdem gelungene Beispiele, was die Würdigung der jüdischen Bürger Lingens und ihrer oft leidvollen Biografie anbelangt.

Das ist die Opferseite, aber was ist mit den Tätern? Das Forum Juden-Christen weist zu Recht darauf hin, dass eine alle Seiten umfassende Dokumentation über Lingen in der NS-Zeit immer noch fehlt. Verpflichtet ist die Kommune dazu natürlich nicht. Aber notwendig bleibt diese Aufgabe, damit die unbewältigte Last nicht den Festrednern beim nächsten Stadtjubiläum unversehens auf die Füße fällt.

Klar ist, dass eine solche Forschungsarbeit über Lingen im Nationalsozialismus nicht nur Zeit, sondern auch Geld kosten wird. Das muss es einer Stadt, die weder gesichts- noch geschichtslos sein will, aber wert sein.


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