Brief an Oberbürgermeister Forum fordert Aufarbeitung der Geschichte Lingens in NS-Zeit

Von Thomas Pertz

Aus dem Jahr 1944 stammt die Aufnahme über diese Kundgebung der Nationalsozialisten auf dem Lingener Marktplatz. Foto: StadtarchivAus dem Jahr 1944 stammt die Aufnahme über diese Kundgebung der Nationalsozialisten auf dem Lingener Marktplatz. Foto: Stadtarchiv

Lingen. In einem Schreiben an Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone hat der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, vorgeschlagen, eine umfassende Darstellung und Aufarbeitung der Geschichte Lingens während der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 in Auftrag zu geben.

Eine solche, „wirklich alle Facetten dieser Zeit berücksichtigende“ Arbeit fehle nämlich bis heute, schreibt Lange an den Oberbürgermeister. Gernot Wilke-Ewert, Mitglied im Forum, habe bereits im letzten Jahr im Zusammenhang mit der Diskussion über das geplante Bernd Rosemeyer-Museum das Fehlen einer umfassenden Darstellung Lingens im Nationalsozialismus angemahnt, sagte Lange am Montag auf Anfrage der Redaktion.

„Wir haben uns beim Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Osnabrück (Prof. Dr. Rass) nach den Möglichkeiten einer sachgerechten Bearbeitung dieses Themas erkundigt und dort erfahren, dass die ordentliche und erfolgreiche Bearbeitung eines solchen Vorhabens wohl nur im Rahmen eines Forschungsprojekts und über eine Zeitdauer von zwei, eher wohl drei Jahren zu machen sei“, heißt es in dem Brief an den Oberbürgermeister weiter.

1000 Jahre Lingen im Jahr 1975

Lange erinnerte in diesem Zusammenhang an das Erscheinen des Buches zur 1000-jährigen Stadtgeschichte Lingens im Jahr 1975 und den „öffentlichen Aufschrei Helga Hanauers“. In dem umfangreichen Werk hatte die Geschichte der jüdischen Bürger Lingens keinen Platz gefunden. Helga Hanauer war die Tochter des Lingener Juden Gustav Hanauer, der den Verbrechen der Nazis entkommen konnte und überlebte. Er war 1938 nach Holland geflüchtet und hatte dort geheiratet. Die beiden Töchter Helga und Caroline wurden 1940 und 1942 in Enschede geboren und jahrelang in einem Krankenhaus in Delden versteckt. Gustav Hanauer kehrte mit ihnen 1950 nach Lingen zurück, wo er 1972 im Alter von 67 Jahren starb. Seine Tochter Caroline wanderte in die USA aus, Helga blieb in Lingen.

Leserbriefe von Helga Hanauer

Am 22. Mai 1975 wurde ein Leserbrief von ihr in der Lingener Tagespost veröffentlicht und am 27. Juni ein weiterer. Darin drückte sie ihre Empörung darüber aus, dass die Stadt in dem Jubiläumsbuch mit keinem Wort auf die jüdische Geschichte der Kommune und die Leiden der Juden in der NS-Zeit eingegangen sei. Am 20. September 1976 nahm sich Helga Hanauer das Leben. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Weidestraße in Lingen begraben.

In seinem Brief an Krone schreibt Lange, dass ein Ergebnis der öffentlich geäußerten Empörung Hanauers die Gründung des Arbeitskreises Judentum-Christentum um Josef Möddel gewesen sei und „auch die Stadt Lingen selbst um Karl-Heinz Vehring, Bernhard Neuhaus, Ferdinand Altmann unter anderem auf den Plan gerufen“ habe. „Ihnen war schnell klar, dass die fehlende Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Lingens und die der hier lebenden jüdischen Familien als schwere gesellschaftliche, historische und moralische Unterlassungssünde angesehen werden musste.“ Nicht klar sei allerdings, warum es bis heute noch nicht gelungen sei, eine Aufarbeitung der NS-Geschichte Lingens vorzulegen.

„Für Aufklärung sorgen“

Der Vorsitzende des Forums zitierte den Osnabrücker Hochschulprofessor Rass mit den Worten, dass eine Kommune nicht die Pflicht habe, eine solche Aufgabe anzugehen. „Er sprach aber davon, dass er es als eine der vornehmsten Aufgaben einer Kommune ansähe, angesichts einer so schwerwiegenden historischen und gesellschaftlichen Verstrickung wie der der NS-Herrschaft für Klarheit und Wahrheit, also für Aufklärung zu sorgen.“ In diesem Sinne fordere das Forum Rat und Verwaltung der Stadt Lingen dazu auf, sich dieser Aufgabe anzunehmen.

Mehr aus Lingen lesen Sie in unserem Ortsportal.


Die Briefe im Wortlaut

Der Brief von Heribert Lange, Vorsitzender des Forums Juden-Christen, an Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone:

„Betr.: „1000 Jahre“ – Lingen 1933 - 1945

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Krone,

sehr geehrte Herren Fraktionsvorsitzende im Rat der Stadt Lingen,

ungeachtet der umsichtigen und gleichermaßen behutsamen Vorarbeit sowie des spontanen und großen Verständnisses, das die Kulturdezernentin der Stadt, Frau Monika Schwegmann unserer Idee und unserer Nachfrage bisher schon entgegengebracht hat, möchten wir, nachdem darüber inzwischen ein Jahr ins Land gegangen ist, den Rat eines Ihrer Amtsvorgänger aufgreifen, und dafür sorgen, dass aus der unter „Betr.“ genannten Sache ein „Vorgang“ im verwaltungsrechtlichen Sinn wird. Dazu darf ich Nachfolgendes erklären:

Der öffentliche Aufschrei Helga Hanauers nach Erscheinen der 1000-jährigen Stadtgeschichte

Lingens im Jahr 1975 hat damals nicht nur den so entstandenen Arbeitskreis Judentum Christentum unter Josef Möddel, sondern auch die Stadt Lingen selbst um Karl-Heinz Vehring, Bernhard Neuhaus, Ferdinand Altmann u.a. auf den Plan gerufen. Ihnen war schnell klar, dass die fehlende Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Lingens und die der hier lebenden jüdischen Familien als schwere gesellschaftliche, historische und moralische Unterlassungssünde angesehen werden mußte.

Amtlichen und nichtamtlichen Historikern, denen wir hier in Lingen aber heute begegnen, ist indessen nicht klar (übrigens auch uns nicht!), warum es auch heute, also 7 Jahre vor dem nächsten Stadtjubiläum, noch keine umfassende und ausführliche, d.h. wirklich alle Facetten dieser Zeit berücksichtigende und beleuchtende Darstellung und Aufarbeitung der NS-Geschichte Lingens gibt.

Eines von mehreren leuchtenden Beispielen für das Gegenteil ist die kleine Stadt Vreden, die dieses schlimme Kapitel ihrer Geschichte in einem sogar dreibändigen Werk schon vor 10 Jahren kritisch, authentisch und erschöpfend dargestellt hat.

Wir haben uns beim Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Osnabrück

(Prof. Dr. Rass) nach den Möglichkeiten einer sachgerechten Bearbeitung dieses Themas erkundigt und dort erfahren, dass die ordentliche und erfolgreiche Bearbeitung eines solchen Vorhabens wohl nur im Rahmen eines Postdok-Forschungsprojekts und über eine Zeitdauer

von zwei, eher wohl 3 Jahren zu „machen“ sei, und mit entsprechenden Kosten, vor allem den Kosten, die für den damit ausschließlich beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter im vor-gegebenen Zeitraum aufzuwenden seien. Prof. Rass hat solche Projekte, wie er uns erklärte, dutzendfach an seinem Lehrstuhl betreut und ist mit der politischen und gesellschaftlichen Problematik solcher Aufarbeitungen bestens vertraut. – wahrscheinlich Lehrstühle derselben

Disziplin andernorts aber ebenfalls.

Er sprach nicht davon, dass eine Kommune die Pflicht habe, eine solche Aufgabe anzugehen Er sprach aber davon, dass er es als eine der vornehmsten Aufgaben einer Kommune ansähe, angesichts einer so schwerwiegenden historischen und gesellschaftlichen Verstrickung wie der der NS-Herrschaft für Klarheit und Wahrheit, also für Aufklärung zu sorgen. Ausdrücklich hat er uns auch erklärt, dass „man“, z.B. das Forum J. – C., diese somit öffentliche Aufgabe, in der sich die Verantwortung des Gemeinwesens für das Ganze zu bewähren habe, keinesfalls in die eigenen Hände nehmen dürfe. Wir sind bereit, uns an diese Weisung zu halten, und fordern deshalb Rat und Verwaltung der Stadt Lingen auf, sich dieser Aufgabe, da wir sie inzwischen ebenfalls als eine ureigene Aufgabe der Kommune verstehen können, umgehend anzunehmen.

Gerne erwarten wir Ihre weiteren Nachrichten bzw. Bescheide dazu und verbleiben mit freundlichen Grüßen!

(Dr. Heribert Lange)

Vorsitzender“

Leserbrief von Helga Hanauer in der Lingener Tagespost vom 22. Mai 1975

Geschichte lässt sich nicht totschweigen

„Alle Worte von nationaler Würde, von Selbsteinschätzung bleiben hohl, wenn wir nicht das ganze, oft genug drückende Gewicht unserer Geschichte auf uns nehmen. Es geht um das Verhältnis zu uns selbst. Es genügt nicht, gute Beziehungen zum Staat Israel zu unterhalten. Das ist sicherlich sehr wichtig. Wichtig ist aber auch, daß wir ein richtiges Verhältnis zu unseren jüdischen Mitbürgern in unserem Land finden.“ (Bundespräsident Scheel anläßlich einer Gedenkstunde in der Schloßkirche der Bonner Universität im Mai 1975).

Wenn Lingen jetzt die Tausendjahrfeier zum Anlass nimmt, rückblickend die bewegte Geschichte der Stadt für die heutigen Bürger lebendig werden zu lassen, so berührt es mich schmerzlich, daß ein Gesichtspunkt aus diesem Stadtleben überhaupt nicht gewürdigt wurde. Wenn gerade in diesem Monat die Bedeutung des 8. Mai gewürdigt und der Verführung und Unterjochung des deutschen Volkes durch Hitler und seine Getreuen gedacht wird, so werden sich besonders die Opfer und die Betroffenenerinnern. Offenbar identifiziert sich in Lingen niemand als Opfer der Gewaltherrschaft.

Auch wenn es vom Jahrgang her nicht möglich war, „aktiv oder passiv gewesen zu sein“, enthebt dies keineswegs der Verantwortung. Geschichte ist ein Geschehen, welches sich nicht totschweigen lässt. Stockholm feiert dieser Tage das 200-jährige Bestehen jüdischen Lebens in seiner Stadt.

Sollet es wirklich so sein, daß die Stadtväter Lingens nicht wissen, daß hier seit ca. 250 Jahren jüdische Menschen ansässig waren und mit zum Gepräge der Stadt beigetragen haben? Ist es nur Unkenntnis, daß in der Festschrift zur Tausendjahrfeier mit keinem Wort das Schicksal der einst so lebendigen jüdischen Gemeinschaft in Lingen erwähnt wird?

Sollte es keinem der Verantwortlichen eingefallen sein, daß zu Lingen auch eine Synagoge gehört?

Es stimmt so schmerzlich, daß die Stadt Lingen in den dreißig Jahren nach dem Niedergang des Dritten Reiches noch keine Geste des Bedauerns über das auch in dieser Stadt Geschehene gefunden hat.

Wäre jetzt nicht Gelegenheit gewesen, wenigstens mit ein paar Worten der Opfer zu gedenken, de damals auch durch das große Schweigen ihr Leben lassen mussten?“

Helga Hanauer, Lingen

Leserbrief von Helga Hanauer in der Lingener Tagespost vom 27. Juni 1975

Die Stadt Lingen und die jüdische Gemeinde

„Zu einem richtigen Geschichtsverständnis kann man nur gelangen, wenn die Wahrheitsfindung der wesentliche Punkt in dem Radius des Erlebten/ Emotionellen wird. Objektivität verlangt meist ein wenig Abstand – zu viel Zeitvergehen birgt aber die Gefahr der Verflachung und Verfälschung in sich.

Es so wichtig, dass die Zeugnisse des unterschiedlichen Leides faßbar gemacht werden in dem Konkreten, welches sich in unmittelbarer Nähe zugetragen hat, damit einer Geschichtsverfälschung und Verdrängnis, die nur unser aller Schaden sein kann, vorgebeugt wird. Wäre hier ein Gedenkstein an der Straße der ehem. Lingener Synagoge nicht angebracht?

In einem demokratischen Staat mit seinem freiheitlichen Ideal ist es von großer Bedeutung, Menschen am Schalthebel unserer Gesellschaft zu wissen, die die Ehrlichkeit und die politische Klugheit besitzen, unser Land nach den Maßstäben des Rechts und der Moral zu führen, und nicht nur mit Worten zahlen, wenn es um die immer noch unbewältigte Vergangenheit geht.

Herrn Stadtdirektor Vehring waren selbst die Worte zuviel zur Erwähnung des Schicksals der jüdischen Gemeinde. Auch meiner bitte, wenigstens in der Festrede einen Satz darüber zu bringen, wurde nicht stattgegeben. Bei diesem Geschichtsverständnis ist es auch nicht verwunderlich, daß er als Stadtdirektor nicht wußte, wo einst die Synagoge stand.

Ich hoffe, daß es um das Geschichtsverständnis der anderen Herren besser bestellt ist. Geschichte ist leider nicht jedermanns Sache – eine Lebensnotwendigkeit aber für jeden Beamten in solch wichtiger Position.

Zur Fragenstunde: Ich habe auf meinen Leserbrief vom 22.5.1975 von der Stadt Lingen keine Antwort erhalten, und Stadtdirektor Vehring hat mich auch nicht angerufen.“

Helga Hanauer, Lingen