Nachfolger von Haag Lingener Kernkraftwerksleiter Kahlert: Sicherheit hat oberste Priorität


Lingen. Seit dem 1. Dezember 2017 ist Wolfgang Kahlert der Nachfolger von Jürgen Haag als Leiter des Kernkraftwerkes Emsland in Lingen. Im Interview mit der Redaktion äußerte sich der 59-Jährige über die Aufgaben und Herausforderungen vor und nach dem 31. Dezember 2022, dem letzten Betriebstag des Reaktors.

Herr Kahlert, wo werden Sie am 31. Dezember 2022 gegen Mitternacht sein?

Wenn das Kernkraftwerk Emsland in Lingen vom Netz genommen wird, werde ich wohl auf der Hauptwarte stehen – und mit mir sicher auch weitere Beschäftigte, die mit dem Kernkraftwerk seit vielen Berufsjahren eng verbunden sind. Es gibt eine hohe Identifikation der Belegschaft mit der Anlage. Diese berufliche Zufriedenheit überträgt sich auch auf die jüngeren Kollegen. Das ist ein Riesenpfund. Es hilft uns sehr, auch die künftigen Aufgaben anzugehen, die mit dem geplanten Rückbau verbunden sind. Auch ich fühle mich mit der Anlage sehr verbunden. Hier bin ich 1984 als junger Ingenieur während der Bauphase angefangen…

…und Sie werden der letzte Leiter der Anlage im laufenden Leistungsbetrieb sein.

Das stimmt und ich bin sehr stolz darauf, das Kernkraftwerk leiten zu dürfen. Am 1. Dezember 2017, dem Tag der Übernahme dieser Aufgabe von meinem Vorgänger Jürgen Haag, war ich genau 33 Jahre im Unternehmen tätig.

Exakt 30 Jahre ist es her, als das Kernkraftwerk erstmals Strom ins Netz einspeiste. Wie sieht die bisherige Bilanz aus?

Das KKE erzeugt eine Leistung von über 1400 MW. Damit hat die Anlage bislang rund 339 Milliarden kWh Strom produziert. Diese Menge würde ausreichen, um die gesamte Welt mehr als eine Woche lang mit elektrischer Energie zu versorgen, die Bundesrepublik Deutschland für 222 Tage oder die Stadt Lingen für 886 Jahre. Die Anlage ist in ihrer Performance hervorragend. Die hohe Verfügbarkeit des Kraftwerks von 94 Prozent stellt einen Spitzenwert im weltweiten Vergleich dar. Die fehlenden sechs Prozent können überwiegend den jährlichen Revisionen zugeordnet werden. Dabei wird die Anlage immer wieder bis ins kleinste Detail überprüft. Außerdem werden Routinearbeiten vorgenommen und bei Bedarf Bauteile ausgetauscht sowie frische Brennelemente geladen. Es gab nur wenige ungeplante Stillstände. Der sichere Betrieb der Anlage hat für uns immer oberste Priorität – egal ob im Leistungsbetrieb oder im zukünftigen Rückbau.

Welche Rolle spielt die Belegschaft des Kraftwerks dabei?

Wir können nicht nur auf ein gutes Anlagenkonzept bauen, sondern auch auf eine hoch qualifizierte Betriebsmannschaft. Darüber hinaus lernen Jahr für Jahr junge Menschen in der Ausbildungswerkstatt des Kraftwerksstandortes Lingen ihr Handwerk – und das auch weiterhin. Ausbildung genießt am Kraftwerksstandort Lingen einen hohen Stellenwert. Seit Beginn der Ausbildung im Jahr 1982 haben alle 241 Auszubildenden ihre Ausbildung bestanden. In diesem Jahr stammte erneut der Prüfungsbeste im Ausbildungsberuf Elektroniker für Betriebstechnik aus unserem Unternehmen. Auf diese Erfolgsquote bin ich sehr stolz und sie zeigt, dass wir in der Ausbildung unseres Nachwuchses sehr gut für die Zukunft aufgestellt sind.

Wie groß wird die Belegschaft – aktuell rund 350 Angestellte – ab dem 1. Januar 2023 sein?

Das können wir noch nicht exakt beziffern. Wir erarbeiten aktuell Konzepte und Prozesse für den Rückbau. Dazu gehören auch Personalplanungen, die wir immer in enger Abstimmung mit unserem Betriebsrat diskutieren. Es ist unumstritten, dass wir weiterhin gute, fachkundige Leute benötigen und sich Perspektiven für junge Mitarbeiter an unseren Standorten ergeben. Klar ist heute aber auch, dass unser Personalbedarf perspektivisch sinken wird. Ich bin davon überzeugt, dass wir den notwendigen Personalabbau sozialverträglich gestalten können – so wie uns das auch an den anderen RWE-Kernkraft-Standorten gelungen ist.

Sie sind als neuer Leiter des Kernkraftwerkes Emsland gleichzeitig verantwortlich für die Rückbauplanungen der Anlage. Ist damit nicht auch ein zwiespältiges Gefühl verbunden oder sehen Sie diese Aufgabe ausschließlich als technische Herausforderung?

Das ist kein zwiespältiges Gefühl. Auch wenn beide Aufgaben auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen, haben sie eine wichtige im Fokus stehende Gemeinsamkeit: Sicherheit steht an erster Stelle – das gilt sowohl für den gegenwärtigen und zukünftigen sicheren Anlagenbetrieb wie auch für den anschließenden Anlagenrückbau. Das ist mir persönlich sehr wichtig! Als Ingenieur sehe ich die Aufgabe des späteren Abbaus tatsächlich als eine spannende, aber in Deutschland auch bereits mehrfach realisierte beziehungsweise in Arbeit befindliche technische Herausforderung.

Welche Rolle spielen das Kernkraftwerk Emsland und das Erdgaskraftwerk bei der Energiewende?

Beide spielen eine wichtige Rolle. Das Kernkraftwerk Emsland und das Erdgaskraftwerk kompensieren durch ihre flexible Fahrweise schwankende Einspeisungen und tragen damit wesentlich zur Netzstabilität und Versorgungssicherheit bei. Sie sind in der Lage, in Abhängigkeit der Einspeisung regenerativer Energiequellen die Kraftwerksleistung flexibel den aktuellen Erfordernissen anzupassen. Mit jeder neuen Anlage zur regenerativen Stromerzeugung werden auch die Schwankungen bei der Einspeisung größer werden. Diese Schwankungen gleichen unsere Anlagen aus. Deshalb ist auch die Behauptung falsch, Kernkraftwerke würden durch ihre Stromproduktion die Netze „verstopfen“. Sie sorgen vielmehr für ihre Stabilität. Ich bin mir sicher, dass der Energiestandort Lingen für die Region strategisch wichtig bleiben wird. Der Netz-Knotenpunkt in Hanekenfähr trägt dazu ebenfalls bei, weil er eine wichtige Rolle bei der Einspeisung und der Weiterverteilung von elektrischer Energie spielt.

Die Frage des Standortes zur Entsorgung der abgebrannten Brennelemente von Kernkraftwerken in Deutschland ist immer noch nicht entschieden. Auf dem Kraftwerksgelände in Lingen steht seit 2002 ein Zwischenlager mit Stellplätzen für 125 Castorbehälter. 85 werden für die Lingener Anlage benötigt. Was passiert mit den anderen 40 Stellplätzen?

Wir werden die Plätze nicht alle brauchen. Sie sind zu einem Zeitpunkt konzipiert worden, als wir noch von einer längeren Laufzeit des Kernkraftwerkes ausgegangen sind. Es bleibt aber dabei, dass ausschließlich Castorbehälter aus dem Lingener Kernkraftwerk dort zwischengelagert werden und keine von anderen Standorten. Im Rahmen der gesetzlichen Neuordnung der Verantwortung für die kerntechnische Entsorgung geht das Standortzwischenlager zum 1. Januar 2019 in die Verantwortung der Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) des Bundes über. Das gilt auch für die anderen deutschen Zwischenlagerstandorte. Die Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Lingen gilt bis 2042.

Ist zu befürchten, dass aus den Zwischenlagern an deutschen Kernkraftstandorten de facto Endlager werden, da eine Einigung über den Endlagerstandort auf absehbare Zeit nicht in Sicht ist?

Das ist Kaffeesatzleserei. Es gibt eine ganz klare Vorgabe, ein Endlager zu finden, wie auch immer es aussehen mag. Und es ist richtig, dass dies eine hoheitliche Aufgabe ist. Die BGE, die bundeseigene Gesellschaft für die Endlagerung, hat diese übernommen.

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Zur Person: Wolfgang Kahlert

Wolfgang Kahlert ist 59 Jahre alt und kommt gebürtig aus Werne an der Lippe, eine Stadt im Kreis Unna in NRW. Bereits sein Vater war im Kraftwerksgeschäft tätig. Die Faszination für den Kraftwerksbetrieb wuchs nach einer Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker weiter. Kahlert studierte daher Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Kraftwerkstechnik in Paderborn. 1984 begann er als junger Ingenieur beim damals im Bau befindlichen Kernkraftwerk Emsland in Lingen seine berufliche Laufbahn. Im Laufe der Jahre übernahm er dort verschiedene Aufgaben. Er war unter anderem Kerntechnischer Sicherheitsbeauftragter. Anschließend war er über einen Zeitraum von fünf Jahren Leiter des Erdgaskraftwerks Emsland in Lingen. In diesem Rahmen begleitete er das damalige Genehmigungsverfahren für den in 2010 in Betrieb genommenen Gas- und Dampfturbinenblock des Kraftwerks. Zuletzt war Kahlert, der verheiratet ist und drei Kinder hat, Leiter der Technik am Kernkraftwerk Emsland und bereits Vertreter von Kernkraftwerksleiter Jürgen Haag. Diese Aufgabe hat er nun selbst seit dem 1. Dezember 2017 und dem Wechsel in den Ruhestand von Haag inne.

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