Angeklagter schweigt Landgericht kann Unfallhergang in Lingen noch nicht klären

Von Horst Troiza

Das Landgericht Osnabrück verhandelt gegen einen Lingener Taxifahrer, der einen Fußgänger angefahren und das Opfer liegengelassen haben soll. Foto: Sven KienscherfDas Landgericht Osnabrück verhandelt gegen einen Lingener Taxifahrer, der einen Fußgänger angefahren und das Opfer liegengelassen haben soll. Foto: Sven Kienscherf

Osnabrück. Im Prozess um die schwere Verletzung eines Fußgängers in Lingen-Brögbern hat ein Verkehrssachverständiger dem Gericht sein Gutachten vorgetragen. Der Angeklagte, ein Taxifahrer aus Lingen, der nach dem Zusammenstoß seine Fahrt fortgesetzt haben soll, ohne sich um den Schwerverletzten zu kümmern, schweigt.

Wie sich der Unfall in den Morgenstunden eines Tages Ende Januar 2017 ereignete, ist bis immer noch nicht klar. Der Angeklagte sagt zur Sache nichts, das damals schwerstverletzte Opfer hat keine Erinnerung daran und Zeugen hat es nicht gegeben. Deshalb sind die Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht Osnabrück auf die Unterstützung von Sachverständigen angewiesen, die mit ihren Gutachten Teilaspekte des Vorfalls beleuchten können.

Tempobegrenzung nicht überschritten

Ein Straßenverkehrsexperte hat jetzt dem Gericht seine Untersuchungsergebnisse vorgetragen. Demnach hat der Angeklagte an der Stelle, an der sich der Unfall auf der B213 ereignete, die dort herrschende Tempobegrenzung von 70 km/h nicht überschritten, wie durch GPS-Aufzeichnungen bestätigt wird. Trotzdem liegen zwischen dem Ort des Zusammenstoßes und der Stelle, wo der Verletzte aufgefunden worden war, etwa 60 Meter, „ein sehr großer Abstand, ungewöhnlich für einen Fußgängerunfall“, kommentierte der Gutachter.

Weitere Operationen notwendig

Spuren an der linken Fahrzeugseite, der Frontscheibe und dem Dach lassen den Schluss zu, dass das 22-jährige Unfallopfer nach dem Aufprall über die Motorhaube auf das Dach geschleudert und von dort aus, nach Abbremsen, auf die Straße fiel. Dort wurde der junge Mann nur Minuten später von einem anderen Taxifahrer, der in Richtung Brögbern fuhr, gefunden, was wahrscheinlich sein Leben gerettet hat. Die Rettungskräfte konnten ihn soweit stabilisieren, dass er zuerst ins Bonifatius-Hospital und später auf die Intensivstation des Uni-Klinikums Münster gebracht werden konnte. Erst nach einem halben Jahr Krankenhausaufenthalt konnte er entlassen werden. Gegenwärtig befindet er sich in der Rehabilitation und wird noch weitere Operationen überstehen müssen.

Ungebremster Zusammenprall

Die starke Beschädigung des Fahrzeugs lässt sich nach Darstellung des Gutachters durch „den ungebremsten Zusammenprall“ erklären. Dabei war die Frontscheibe so stark zersplittert, dass selbst ihm ein Rätsel sei, wie der Fahrer damit noch bis Lingen fahren konnte, wo er das Taxi auf dem Hof der Zentrale abstellte. Zeugen hatten berichtet, dort habe er davon gesprochen, wahrscheinlich auf eine Verkehrsinsel geprallt zu sein.

Gutachter: Unfall möglicherweise unvermeidbar

Ob der Unfall vermeidbar gewesen wäre, war eine weitere Frage an den Sachverständigen. Dieser hat feststellen können, dass das Abblendlicht eingeschaltet gewesen war. Das Opfer, dass von einer Boßel-Party zurück auf dem Heimweg gewesen war, trug dunkle Kleidung. „Wenn es unvermittelt von rechts auf die Straße getreten oder sich bereits auf der Straße befunden haben sollte, ist bei den Lichtverhältnissen und der Kürze der Reaktionszeit ein Zusammenprall unvermeidlich gewesen“, so der Gutachters. Seinen Berechnungen nach hätte das Fahrzeug bei den an der Unfallstelle herrschenden Bedingungen selbst bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h nur 1,3 Sekunden bis zum Zusammenprall benötigt, die Reaktionszeit eines Menschen liege aber bei 1,5 Sekunden.

Weiterer Sachverständiger wird gehört

Doch auch das beantwortet nicht die Frage, warum der Fahrer nach dem Unfall nicht angehalten hat. Damit wird sich das Gutachten eines weiteren Sachverständigen beschäftigen, der am nächsten Prozesstag gehört werden wird.