800 Zuhörer bei Podiumsdiskussion OB-Wahl 2018 in Lingen: Krone und Koop im Angriffsmodus

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Lingen. Oberbürgermeisterwahl 2018 Lingen: Zwei angriffslustige Kandidaten, zwei Stunden, 800 gebannte Zuhörer: Mit der von der Lingener Tagespost organisierten Diskussion am Montag in Halle IV in Lingen ist der Wahlkampf zwischen Dieter Krone und Robert Koop ums Oberbürgermeisteramt in den Endspurt übergegangen.

Kaum waren die letzten Worte gesprochen, da ging Herausforderer Robert Koop auf der Bühne auf Amtsinhaber Dieter Krone zu und reichte ihm mit einem Lächeln die Hand. Krone brauchte einen Moment, um die Geste zu realisieren, griff zu – die Anspannung in seinem Gesicht löste sich. Koop entspannte später auf einem Stuhl: Die Intensität des Abends war ihm anzusehen. Zwei Stunden lang hatten sich Krone und Koop eine fordernde Debatte auf dem Podium vor konzentriertem Publikum geliefert, die LT-Redaktionsleiter Thomas Pertz moderierte. Er hatte die beiden OB-Kandidaten auf einen gedanklichen Stadtrundgang eingeladen, um die immense Zahl an Themen des Wahlkampfs auf die Möglichkeiten einer Zwei-Stunden-Veranstaltung reduzieren zu können.

Robert Koop erneuerte seine Forderung nach einer schlanken Verwaltung, sprach sich für Privatisierung von Aufgaben aus und von schlechter Stimmung im Rathaus. Foto: Julia Mausch

Tatsächliche Kontrahenten

Und schon bei der ersten Station des „Rundgangs“ zeigte sich, dass Koop und Krone tatsächliche Kontrahenten sind: Was Koop anders machen wolle im Rathaus, fragte Pertz. Der Fraktionsvorsitzende der Bürgernahen (BN) erneuerte seine Forderung nach einer schlanken Verwaltung, sprach sich für Privatisierung von Aufgaben aus und von schlechter Stimmung im Rathaus. Krone konterte, dass Personal benötigt werde, um unter anderem hoheitliche Aufgaben und viele BN-Anträge („immer sofort“) zu bearbeiten. Ein „Bashing“ (Fertigmachen) der Verwaltungsmitarbeiter durch Koop halte er für „sehr armselig“. Auf solchem Niveau solle man nicht diskutieren, mahnte Koop. Erst erst ein Einwand von Pertz, Belehrungen doch ihm zu überlassen, brachte die Kandidaten wieder auf die Wege des Rundgangs. 13 Minuten waren da vergangen.

Krone konterte, dass Personal benötigt werde, um unter anderem hoheitliche Aufgaben und viele BN-Anträge („immer sofort") zu bearbeiten. Foto: Julia Mausch

Verwerfungen?

Gedanklich ging es weiter zur Innenstadt und mit der Frage an Koop, ob es eines Masterplans für diese bedürfe. „Ja, uneingeschränkt“, antwortete der Bürgernahe und sprach davon, dass eine Investition im achtstelligen Bereich von Hermann Klaas (u .a. Lookentor) im Sparkassengebäude gescheitert sei, weil Krone und die CDU offensichtlich bei BvL an der Lindenstraße im Wort stünden. Wenn jedoch die Innenstadt durch solche „strukturellen Verwerfungen“ weiter geschwächt werde und es keine Pläne gäbe für die Innenstadt, „dann werden wir ein Problem bekommen“.

Krone seinerseits betonte die Wichtigkeit der „Drehscheibe Marktplatz“. Die Innenstadt müsse durch attraktive Geschäfte“ gestärkt werden, auch Hauseigentümer müssten bei Mieten umdenken. Für das Sparkassengebäude gäbe es zudem nun konkret einen Interessenten. Einen Super- und Fachmarkt bei BvL verteidigte Krone mit dem Argument, dass Pendler sonst in Lohne einkaufen.Weiter ging es auf dem Rundgang über den Konrad-Adenauer-Ring mit seinen Verkehrsproblemen. Ampeln müssten intelligenter geschaltet werden, und Gedanken müsse man sich machen über das Nadelöhr Arbeitsamt-Kreisel, meinte Krone.

800 Besucher sind zur Podiumsdiskussion in die HalleIV nach Lingen gekommen. Foto: Yannik Döpke

Premiumradwege brauche es in allen Ortsteilen

Koop entgegnete, bereits 2010 habe der heutige OB in einem Wahlkampf-Flyer ein nachhaltiges Verkehrskonzept versprochen. „Und jetzt brauchen wir 2018 immer noch eins?“ Der Lili-Bus sei eine gute Sache, müsse aber auf aktuellen Stand gebracht werden. Das Anrufsammeltaxi müsse wieder eingeführt werden, „die Finanzierung ist angesichts des städtischen Etats ein marginales Problem“. Auch Premiumradwege brauche es in allen Ortsteilen, nicht nur am Kanal. 15 Kilometer solcher Radwege gebe es schon, entgegnete Krone. Als der Moderator gedanklich zum Campus gebeten hatte, warf Krone Koop vor, den Hochschulstandort leichtfertig aufs Spiel zu setzen mit der Aussage in seinem Wahlprogramm, Lingen solle eigenständiger Hochschulstandort werden. Koop räumte ein, dass dies missverständlich formuliert sei: Gemeint sei eine weitere Kooperation mit niederländischen Universitäten.

Hinaus ging es thematisch schließlich in die Ortsteile, und damit verbunden in die Wohnbaupolitik. Krone hatte eine Liste von zehn Baugebieten vorbereitet, die Koop und die BN abgelehnt hätten. Man brauche sie aber, sieben- bis achtfach seien diese stets überzeichnet. Ebenso bedürfe es „bezahlbaren Wohnraums“, 40 Einheiten würden bald jährlich durch die Wohnbaugenossenschaft geschaffen, im Sommer solle es losgehen.

Die Bürger, wie Rebecca Madoume, hatten an die OB-Kandidaten viele Fragen. Foto: Julia Mausch

„Man muss reden, überzeugen und Kompromisse finden“

Viel zu lange habe deren Gründung gedauert, monierte Koop. Auch sei es kein Konzept, „noch einen Acker und noch einen Acker als Bauland auszuweisen“. Er plädierte dafür, nachzuverdichten und die Nachbarn „ehrlich“ zu beteiligen: „Man muss reden, überzeugen und Kompromisse finden“.

Zuletzt ging es noch in die Industriegebiete. Top sei der Wirtschaftsstandort, waren sich beide einig. An Lingen selbst machte das Krone fest, an der guten Lage in ganz Westdeutschland hingegen Koop, sogar Meppen habe bessere Wachstumszahlen vorzuweisen. Auch Krones Darstellung, 5000 neue Arbeitsplätze seien seit 2010 entstanden, widersprach er. „Es sind exakt 3979, nicht mehr, nicht weniger.“

Zwischenspeicher?

Krones Aussichten für den Wirtschaftsstandort wie dem Konzept des Zwischenspeicherns des Offshore-Stromes, der von der Nordsee kommend durch Lingen fließen wird, konterte Koop mit einstmaligen „Vorab-Meldungen“ Krones: „Da wurde getitelt: Carbon kommt! Carbon kommt nicht. Aber erstmal muss es in die Zeitung – weil Sie die Kärrnerarbeit nicht machen.“ Konkrete Ideen für Wirtschaftsansiedlungen nannte Koop nicht, er setze auf eine komplette Digitalisierung der Stadt.

Zuhörer kommen zu Wort

Im zweiten Teil des Abends gehörte das Wort den Bürgern, die sich mit Fragen direkt an Dieter Krone und Robert Koop wenden konnten. So wollte Mechthild Röcker wissen, wie beide Kandidaten die Naherholungsgebiete in Lingen einschätzen, wie sie diese entwickeln wollen und wie sie diese einschätzen. Koop betonte die Bedeutung dieser Gebiete und die Wichtigkeit, diese auch zu pflegen. Zuletzt sei er im Biener Busch gewesen und sei erschrocken gewesen, wie es dort nach dem Winter noch aussehe – da könne mehr geschehen.

Krone verwies auf etliche Angebote, auch auf den neu geschaffenen Stadtpark im Emsauenpark, der „für alle Bürger der Stadt da ist, was vielleicht noch nicht bei allen angekommen ist“. Auch nannte der Amtsinhaber die Brögberner Teiche, „dort besteht Handlungsbedarf“.

Zeitticket für die Lili?

Der 20-jährige David fragte Krone, wie er junge Leute in der Stadt halten wolle, und zeichnete ein düsteres Bild von den Möglichkeiten für junge Leute in Lingen: Jedes Wochenende frage man sich, was man überhaupt machen könne – und mit der Lili hin und her fahren könne man sich nicht leisten.

Der Oberbürgermeister betonte, dass ein Zeitticket für die Lili für 60 bis 90 Minuten kommen müsse, verwies auf viele gastronomische Angebote, Clubs und Diskotheken – und darauf, dass man unter anderem daran arbeite, einen Escape-Room (einen Rätselraum, aus dem man entkommen muss) in Lingen anzusiedeln. Ein Investor habe Interesse.

Sprache ist der Schlüssel

Ideen für eine bessere Flüchtlingsintegration wollte Rebecca Madoume, selbst von der Elfenbeinküste geflohen, von den OB-Kandidaten hören und schlug zugleich selbst Sprachzertifikate als Voraussetzungen für Arbeitserlaubnisse vor. „Den wichtigsten Punkt haben Sie mit der Integration durch Sprache schon erkannt“, antwortete Koop. Er wolle als OB die VHS-Angebote zu diesem Zweck ausbauen, die Integrationslotsen besser fördern und den Rahmen stärken, um hoch qualifizierte Flüchtlinge an die Arbeitswelt heranzuführen. „Da sehe ich keine Differenzen zu Robert Koop“, betonte Krone, verwies aber auf die Möglichkeit des Spracherwerbs an einem Arbeitsplatz. „Wir haben eine Arbeitslosenquote von 2,4 Prozent; wir benötigen diese Arbeitskräfte schlichtweg“, sagte Krone.

Unterschiedlicher Auffassung bei Inklusion

Das Hin und Her sowie das Fehlen eines hauptamtlichen Inklusionsbeauftragten monierte Hannes Duderstadt – wie die Kandidaten dazu stünden, wollte er wissen. Einig waren sich Koop und Krone, dass der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte Klaus Egbers einen guten Job mache, ihn solle man seine Arbeit ausbauen lassen. Bei der Fortführung der Förderschulen waren die Kandidaten jedoch unterschiedlicher Meinung. „Ich bin nicht der Meinung, dass es ein kluger Ratsbeschluss war, das Auslaufen der Pestalozzischule – vorerst – zurückzudrehen“, meinte Koop. Amtsinhaber Krone plädierte hingegen für die Beachtung des Elternwillens. In 20 Jahren als Pädagoge habe er gelernt, dass man differenzieren müsse und nicht alle in einen Topf werfen könne.


Wie will Robert Koop im Falle eines Wahlsieges als Oberbürgermeister mit der Mehrheitsfraktion im Stadtrat, der CDU, umgehen? Dass diese Frage im Wahlkampf von besonderem Reiz ist, ist während der Podiumsdiskussion deutlich geworden: Sie kam gleich zweimal zur Sprache.

Seit Jahrzehnten ist Koop einer der markantesten Köpfe und auch der lauteste in der Opposition im Stadtrat. Das angespannte Verhältnis zu den Christdemokraten wird immer wieder offenbart, auch weil Koops Einlassungen im Rat schon als persönliche Angriffe verstanden worden sind. Wie er nun mit der CDU umgehen wolle im Falle eines Wahlsieges, wollte Moderator Thomas Pertz in Halle IV wissen. Koop antwortete betont locker: „Dann werde ich mit Uwe Hilling [Anm. d. Red.: CDU-Fraktionsvorsitzender] und anderen aus dem CDU-Vorstand reden – dann bekommen wir das schon hin.“

Eine Antwort, die Zuhörer Michael Henning zu „lapidar“ war. In der Fragerunde für Bürger legte er nach: „Wie willst du nur eine Idee durchsetzen, nachdem du 42 Jahre darauf hingearbeitet hast, dass alle die Augen verdrehen, wenn du etwas sagst?“ Koop blieb gelassen: „90 Prozent der Entscheidungen, die wir im Rat treffen, gehen so durch. Beim Rest muss man dann halt reden.“

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