Diakonie hilft Spielsüchtigen Dann kam der Gerichtsvollzieher: Wie ein Lingener 60.000 Euro verzockte

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Roulette, Poker, Spielautomaten: Was als harmloser Zeitvertreib beginnt, kann Menschen süchtig machen und ruinieren. Symbolfoto: dpaRoulette, Poker, Spielautomaten: Was als harmloser Zeitvertreib beginnt, kann Menschen süchtig machen und ruinieren. Symbolfoto: dpa

Lingen. Roulette, Poker, Spielautomaten: Was als harmloser Zeitvertreib beginnt, kann Menschen süchtig machen und ruinieren. Das weiß auch Steffen Lange* aus Lingen. Er ist spielsüchtig und bei der Diakonie Emsland/Grafschaft Bentheim in Therapie. Dort gibt es nun ein neues Angebot – eine Arbeitshilfe, um das Glücksspielverhalten zu ändern.

Als der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, wusste Steffen Lange, dass sein Geheimnis ans Tageslicht kommt. Mal hatte er nur ein oder zwei Euro ausgegeben, dann 200 Euro. Er konnte nicht anders, er war süchtig. Am Ende waren nicht nur 60.000 Euro weg, sondern auch das Familien-Auto – gepfändet.

Dass es jemals so weit kommen würde, damit hatte der Lingener sieben Jahre zuvor nicht gerechnet. Seine Arbeitskollegen hatten ihn 2010 eingeladen, in einer Bundesliga-Tipp-Gemeinschaft mitzuspielen. Als waschechter Werder-Bremen-Fan fiel es ihm nicht schwer, seine Mannschaft als auch die anderen Fußballmannschaften zu bewerten.

40 Euro Gewinn

Eines Tages wollte er seine Tipps online abgeben, musste dafür aber in eine Spielothek um die Ecke gehen. Da standen sie, unzählige Automaten, die in verschiedenen Farben leuchteten und Töne von sich gaben. „Ich war beeindruckt, wie viele verschiedene Spiele angeboten wurden“, erinnert sich Steffen Lange an den Moment, als er das erste Mal ein zwei Euro Stück in den Automatenschlitz steckte und auf Anhieb knapp 40 Euro gewann. Steffen Lange war angefixt und wollte noch mehr gewinnen. Er ging beinahe täglich in die Spielothek. Nach kurzer Zeit kannte er in Lingen jede Spielhalle, wusste, wo es kostenlos einen Kaffee für die Kunden gibt – und wo nicht. Schließlich sollte das Ersparte ja in den Automaten.

Die Sucht beherrschte sein Leben

Lange spielte jedes Mal, bis nichts mehr ging: „Ich habe erst aufgehört, wenn das Geld aus war oder der Laden zugemacht hat.“ Den Vorsatz, nur einen bestimmten Betrag zu verspielen, brach er allzu oft und verzockte an einem Abend auch mal 1000 Euro. Seiner Frau erzählte er, er müsse Überstunden machen oder treffe sich mit Freunden. Gelogen: Seine Freunde waren die Automaten, seine angebliche Arbeit, das Zocken. Die Sucht beherrschte sein Leben.

Seine Lügen flogen über Jahre nicht auf, denn seine Frau und er hatten getrennte Konten. 90 Prozent des Gehalts aus seinem Nebenjob floßen in die Automaten. Als das nicht mehr reichte, lieh er sich erst bei seiner Großmutter Geld und nahm danach noch bei der Bank einen Kredit auf.

Alexandra Liebenau, Claudia Schonhoff und Inga Terweih (von links) von der Diakonie helfen Süchtigen. Foto: Julia Mausch

Raten der Bank nicht mehr bezahlt

Doch nach kurzer Zeit war das finanzielle Polster des Lingeners aufgebraucht. Statt wie beim ersten Mal, spuckte der Geldautomat nicht wie erhofft Gewinne aus, sondern schluckte das Geld von Lange. Und davon nicht zu knapp. Der Lingener konnte die Raten der Bank nicht mehr begleichen. Eine Mahnung nach der nächsten trudelte bei ihm Zuhause ein und eines Tages stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Es war der Punkt, als das Versteckspiel ein Ende hatte. Er vertraute sich seiner Familie an, allen voran seinen Eltern. Sein Vater, der ebenfalls in der Vergangenheit mit der Sucht zu kämpfen hatte, überzeugte den Lingener, die Beratungsstelle der Diakonie aufzusuchen.

Ehe fast zerbrochen

Heute hat er eine achtwöchige stationäre Therapie in Haselünne hinter sich, arbeitet an seiner Ehe, die beinahe an seiner Glücksspielsucht zerbrochen wäre. „Über die Jahre habe ich geschätzt 60.000 Euro verspielt“, sagt er heute.

Glücksspielsüchtigen gehe es nicht in erster Linie um Geld, meint Alexandra Liebenau, Sozialtherapeutin Sucht vom Diakonischen Werk Emsland-Bentheim. Es gehe um das Erleben. Um das Glücksgefühl, das hochkommt, wenn auch nur ein Cent-Betrag gewonnen wird.

Ein Dreiviertel Jahr ist Steffen Lange bereits „clean“. Geheilt sein wird er nie, er wird immer ein pathologischer Spielsüchtiger sein. Das Suchtgedächtnis bleibt. „Kontrolliert spielen, das wird er nie wieder können“, sagt Liebenau, die Lange seit seiner Therapie begleitet und mit einem neuen Kurs ab diesem Monat weitere Spielsüchtigen helfen will.

Noch ein langer Weg

Es ist noch ein langer Weg, bis sich der Lingener richtig frei fühlen kann. Das merkte er, als er vor ein paar Monaten das Kribbeln spürte – beim Blick auf eine Spielothek. Mittlerweile merkt er aber, wie schön es ist, mit anderen zu sprechen, eben keine Geheimnisse zu haben und keinen Tunnelblick zu haben. Lange erfährt, wie toll es ist, Geld zu besitzen – und nicht zu verzocken – um so zu seinen Jungs von Werder Bremen fahren zu können.

* Name wurde von der Redaktion geändert


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