Der zerbrochene Krug Spiel um Gut und Böse im Lingener Theater

Von Margrit Lehmkuhl-Wiese

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Ein munteres Spiel um ernste Themen: das Theater Poetenpack zeigte Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ als Lustspiel um Wahrheitsfindung. Foto: Margrit Lehmkuhl-WieseEin munteres Spiel um ernste Themen: das Theater Poetenpack zeigte Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ als Lustspiel um Wahrheitsfindung. Foto: Margrit Lehmkuhl-Wiese

Lingen. Ein im Dunkel liegender Raum auf der Bühne und ein suchender Mann mit einer Laterne in der Hand im Zuschauerraum, der sich seinen Weg sucht, so beginnt Heinrich von Kleists Lustspiel mit dramatischen Untertönen „Der zerbrochene Krug“ im Lingener Theater und die Zuschauer folgen der Gestalt, die sich als Gerichtsschreiber Licht (wahrheitssuchend Thomas Mai) entpuppt.

Der macht seinem Namen alle Ehre, denn er wird mit dazu beitragen, Licht in das Dunkel eines Gerichtsfalls zu bringen. Zu Beginn stöbert er überrascht in der Amtsstube seinen Vorgesetzten Dorfrichter Adam (aktionsreich Teo Vadersen) auf, der verletzt viel Mühe hat, auf die Beine zu kommen. Noch in einem schlafzerknitterten Hemd schwankt er umher, als sei er nicht aus seinem Bett gekommen, sondern aus einem Abgrund. Mit Mühe findet er eine logische Erklärung für seinen Zustand, allerdings nicht überzeugend für Schreiber Licht.

Dorfrichter ist König

Doch in seiner Amtsstube ist der Dorfrichter ein König. Er scheucht seine beiden tumben Mägde (Jaqueline le Saunier, Marja Hofmann), grabscht aber auch nach ihnen, bewirft sie mit seiner Kleidung und lässt sich auch mit ihr bewerfen. Das wirkt wie intime Bekanntschaft trotz der Abhängigkeit von Magd und Herr und wirft einen ersten Blick auf den Charakterzug des Dorfrichters: er ist Herrscher im Haus und wie sich später zeigt, auch Herrscher im Dorf. Alles tanzt nach seiner Pfeife.

Wie eine Karikatur eines Richters

Aber Gerichtsrat Walter (distinguiert Thilo Werner) hat sich angekündigt, um seinen Dorfrichter auf korrektes Handeln zu prüfen. Das wird er nicht vorfinden. Schon die Perücke, Zeichen der staatlichen Macht im Dorf, lässt sich nicht auffinden. Stattdessen wird Dorfrichter Adam aufgefordert, seinen verletzten Glatzkopf zu pudern. Wolken versprühend wird er so eher eine Karikatur eines Richters und auch sonst kann er als ernsthafter Gesetzesvertreter nicht überzeugen. Wie ein Tier und grimassierend bewegt er sich an seinem Richtertisch und in der Amtsstube.

Vorverurteilung

Dabei versucht er gestenreich die Anklägerin Marthe Rull ( bestimmend Gundi-Anna Schick) an den Ausführungen zum Tathergang ‚Zerbrechen eines Kruges‘ zu hindern, rückt ihrer übernervösen Tochter Eve (unschuldig Marja Hoffmann) ungebührlich auf den Pelz, hat deren Verlobten Ruprecht (gutgläubig Philipp Eckelmann) schon als Schuldigen vorverurteilt und dem Zuschauenden dieses Spektakels wird klar, hier stimmt etwas nicht. Am Ende kommt alles durch Frau Brigitte (Johanna Lesch) und auch Eve ans Licht. Dorfrichter Adam selbst hat sich mit Hilfe einer Lüge in das Schlafzimmer von Eve geschmuggelt und erpresste sie zum Sex. Das Auftauchen des Verlobten führte zur Flucht durchs Fenster, fügte ihm die Verletzungen zu und seine Perücke blieb im Gebüsch hängen. Dieser Fund führt zu seiner endgültigen Überführung und er ergreift die Flucht.

Aktuelle politische Dimension

Regisseur Andreas Hueck gibt dem Spiel um Gut und Böse, Licht und Schatten, Reden und Denken und auch durch die Verwendung der manchmal schwer verständlichen originalen Blankverse breiten Raum und szenische Tiefe, lässt den Dorfrichter schon fast wie eine Comicfigur agieren und gibt dem Theaterstück auch eine aktuelle politische Dimension zur Debatte um sexuelle Übergriffigkeit und Macht. Zur Versöhnung am Schluss ein Happy End der Verlobten als Betonung des Lustspielcharakters und des übermütigen Tuns der beiden Seiten, der Anklage und dem Richter.

Kleist hat auch heute noch etwas zu sagen

Kleist selber hat noch sehr viel mehr Tiefe zu bieten. Das Spiel um Abhängigkeiten, Macht und Missbrauch, Verurteilung des Opfers Eve als Täterin statt Opfer, Übergriffigkeit der Mutter auf ihre Tochter. Heinrich von Kleist als hellsichtiger Zeitgenosse, der uns auch heute noch etwas zu sagen hat.


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