Bach-Klang im St.-Thomas-Style Karibisches Flair mit den Classic Rebells in Lingen

Von Sebastian von Melle


Lingen. Von Köthen in die Karibik: Das Lingen-Debüt der „Classic Rebells“ entführte mit dem Programm „Bach in Blue“ 200 Jazz-Fans im Theater an der Wilhelmshöhe in ungeahnte Klangwelten zwischen Toccata und Tango, Innigkeit und Intensität und gab eine Ahnung davon, wie die Musik des Thomaskantors nach dem Genuss von drei bis fünf Gläsern Mojito geklungen hätte.

Eine wunderschöne Hammondorgel aus dem Jahr 1962 mit einer sich unaufhörlich drehenden Leslie-Box, so etwas sieht man selten. Langhaarig und barfüßig nahm Marius Leicht daran Platz und entlockte dem Schätzchen eine explosive Mixtur aus flirrenden, fauchenden und flauschigen Tönen, mal hart, mal zart, Laurens Hammond hätte seine Freude gehabt.

Lineare Zeichen

Auch die sechs-saitige E-Violine von Matthias Zeller gibt es nicht oft. Sie setzte die linearen Zeichen und ersetzte gleich ein ganzes hübsches Streichquartett. Für „Bach in Blue“ strich Zeller das Präludium der g-Moll-Partita und entfaltete es zu einem fulminanten Tango, bei dem die anfangs zarte Geige, gnadenlos zu einer respektablen E-Gitarre mutierte.

Von Köthen in die Karibik

Bandleader Daniel Schmahl hatte kleine und große Trompeten, Dämpfer sowie sein Flügelhorn sorgfältig wie OP-Besteck drapiert, und ebenso oft griff er zum Mikrofon, um im Plauderton eine Geschichte zu erzählen, die trotz gewisser Längen ihren eigenen Reiz hatte: Köthen 1723, Johann Sebastian Bach packt sorgsam Kisten mit Manuskripten, Utensilien und Bauplänen von Instrumenten für seinen Umzug nach Leipzig zusammen. Doch eine Sendung sollte nie ankommen. In den Wirren der Leipziger Messe geriet sie statt zur Thomaskirche nach St. Thomas in der Karibik.

Mojito und Musik

Hier nun wollen die drei in Leipzig ausgebildeten Musiker im Jahr „Zweitausendirgendwann“, so Schmahl, an einer Hotelbar mit Aussicht auf türkisblaues Wasser nach einigen Gläsern Mojito mysteriöse Musik gehört haben, die sehr nach dem klang, was sie einst studiert hatten. Bach sei halt überall zu finden, nicht nur bei Jacques Loussier oder Apollo 100, deren Song „Joy“ 1972 in den US-Charts landete und den Choral „Jesu bleibet meine Freude“ mit durchgängiger Triolenbegleitung zitierte.

Sonore Üppigkeit

Ob nun „Air“, Johannes Gebhardts „Jesus Groove“, „Guige“ oder Nils Frahms „Hammers“ auf der Setliste standen, zwischen barocker Pracht und neoklassischer Inspiration bewegten sich die drei Rebellen mal bestätigend, mal schillernd hin und her in sonorer Üppigkeit und mit viel Humor. Eine „Bourée“ für Laute erinnerte an Jethro Tull, der im Yogastil über die Bühne hüpfte, oder auch an Astor Piazzollas Tangos.

Bestialisch schöne Soli

Wie eine Bach-Ikone saß der Organist mit dem Rücken zum Publikum, lieferte bestialisch schöne Soli ab und bildete die Klammer zwischen Strings und Reeds. Aus „Wachet auf“ wurde „Wake up“ im St.-Thomas-Style, und auch für die Zugabe „Despacito“ musste das Trompetensolo des zweiten Brandenburgischen Konzertes als Opener herhalten. Bach hätte Mojito getrunken und milde gelächelt.