Interview mit Wolfgang Hentrich Lingener Arzt: Digitalisierung bringt Vorteile im Gesundheitswesen

Von Caroline Theiling-Brauhardt


Lingen. Digitalisierung hält auch im Gesundheitswesen zunehmend Einzug. In einem Interview spricht sich der Vorstandsvorsitzende des Ärztenetzwerkes Genial, Wolfgang Hentrich, für die Einführung der elektronischen Vernetzung aus und äußert sich zum aktuellen Stand.

Herr Hentrich, haben Sie schon ein Armband, das Ihre Schritte zählt und den Kalorienverbrauch misst? Nein, bislang noch nicht, aber das wird vielleicht irgendwann auch noch kommen.

Bei der Genial eG wird ja schon seit Längerem über die digitale Vernetzung gesprochen. Wo liegen die Vorteile der zunehmenden Digitalisierung für Ärzte, aber auch für Patienten? Es gibt ja bundesweit eigentlich nur wenig digitale Vernetzung im Gesundheitswesen. Das liegt an der Struktur der EDV, die im Gesundheitswesen verwendet wird. Digitalisierung ersetzt keine Struktur, das heißt, wenn man nicht organisiert ist, nützt Digitalisierung auch nichts. Aber wenn man das macht, und vernünftige Prozesse hat, dann ist Digitalisierung geeignet, die Patienten besser und schneller zu behandeln. Doppeluntersuchungen zu vermeiden, notwendige Informationen schneller dahin zu bringen, wo sie benötigt werden.

Also für Ärzte und Patienten gleichermaßen von Vorteil? Uns kann es die Arbeit erleichtern. Die Erfahrung zeigt: Wenn man eine neue Technik einführt, macht sie die Arbeit erst einmal schwieriger, das heißt, man muss sich erst einmal daran gewöhnen. Aber nach einer Umstellungsphase wird es auch unsere Arbeit erleichtern und wenn es funktioniert, wird es auch für die Patienten mehr Sicherheit erzeugen.

Gibt es dabei auch Nachteile? Ich sehe keine. Es kommt immer das Argument des Datenschutzes. Dazu muss man sagen, dass das System, das wir bei Genial verwenden (das Vivian-System) das Datenschutzssiegel aller möglichen Datenschutzbeauftragten hat, insbesondere das aus Schleswig-Holstein. Das ist im Gesundheitswesen das „Königssiegel“ zum Thema Datensicherheit. Insofern ist der Schutz der Daten besser gewährleistet, als bei vielen Techniken, die heute auch noch verwendet werden. Ansonsten ist bei korrekter Anwendung kein Nachteil zu erwarten.

Wie weit ist inzwischen schon die Umsetzung? Wir stehen noch relativ weit am Anfang, das muss man ehrlicherweise sagen. Denn es ist für alle Praxen, die mitmachen und es machen nahezu alle unsere Praxen mit, im Moment natürlich noch ein Zusatzaufwand, ein neues Verfahren zu erlernen und in den Alltag einzubauen. Darüber hinaus muss in Deutschland in solchen Fällen jeder Patient dafür eine Einwilligung unterschreiben. Es erfordert natürlich auch Zeit, die notwendige Aufklärung zu machen und die entsprechenden Bögen unterschreiben zu lassen. Wir sind aber nicht unzufrieden. Die Grippewelle hat uns da kurzfristig auf Stillstand gebracht. Aber das klingt jetzt langsam ab und die Einschreibungszahlen nehmen wieder zu. Es sind schon mehrere hundert Patienten eingeschrieben.

Gibt es weitere Hürden, die überwunden werden müssen, bis es dann läuft? Die Hürden sind tatsächlich einmal die Akzeptanz durch die Patienten. Die ist allerdings recht hoch, wenn man ihnen einmal erklärt hat, was da eigentlich passiert. Und natürlich die Veränderung in jeder Arztpraxis. Das sind aber Hürden, die jeder kennt, wenn er zu Hause mal was Neues macht.

Wie kann man sonst noch zu einer besseren Versorgung beitragen? Ich habe eben schon gesagt, Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Langfristig ist es sinnvoll, alle die, die am Wohlergehen des Patienten beteiligt sind, das sind nicht nur die Ärzte und das Krankenhaus, sondern auch Apotheken, Pflegedienste und soziale Dienste in ein Informationsaustauschprogramm mit hineinzunehmen. Das heißt nicht, dass jeder alles wissen soll, aber dass das, was für den einzelnen relevant ist, über den Patienten zur Verfügung steht und schnell ausgetauscht werden kann. Dazu muss man aber noch eine Menge Mauern in Köpfen noch abbauen. Im Gesundheitswesen ist Kooperation noch nicht Alltagstechnik.

Es gibt ja immer wieder die Probleme bei den Terminen mit Fachärzten. Gibt es da Möglichkeiten zur Verbesserung? Ob alle Patienten schneller an Termine herangeführt werden können und auch müssen, das ist hier die Frage. Wenn eine begrenzte Anzahl von Ärzten, die eher kleiner wird, und trotzdem die gleiche Anzahl an Patienten betreuen soll, macht das natürlich Probleme. Wir haben im Netz Vereinbarungen getroffen, die im Laufe des Jahres noch ausgerollt werden, wie wir es strukturieren, dass akut kranke Patienten den nächsten Termin kriegen und die für die Routinekontrolle nicht unbedingt den ersten Termin beim Facharzt verbrauchen. Das ist schwierig, das erfordert viel Kommunikation untereinander und das erfordert auch viele Gespräche mit den Patienten. Aber das wäre der erste Weg. Der gelebte Alltag zeigt, dass in Facharztpraxen viele sitzen, die dort nicht zu sein bräuchten und dort Termine blockieren, für Patienten, die tatsächlich dringend den Facharzt brauchen.

Und wie kann man das erreichen? Muss das Land eingreifen oder der Bund? Oder das Netzwerk? Die Politik wird nicht eingreifen. Weil die freie Arztwahl eine „heilige Kuh“ ist, die man nicht Schlachten wird. Ich will sie auch nicht abschaffen. Ich halte sie für einen großen Vorteil des deutschen Gesundheitswesens. In anderen Systemen in anderen Ländern, die uns vorgehalten werden, ist die freie Arztwahl zum Teil abgeschafft. Aber es wird sicher Veränderungen geben müssen, was die Zugangswege zu spezielleren medizinischen Angeboten angeht. Also Fachärzte, aber auch bestimmte Krankenhäuser. Wie man das genau regelt, über den Gesetzgeber, weiß ich nicht. Wir versuchen es unter uns, über selbst gewählte Kriterien und eine verbesserte Kommunikation, eben auch über digitalen Datenaustausch, herzustellen.