Treffen im LWH Gruppe in Lingen übersetzt die Bibel in „Leichte Sprache“

Von Christiane Adam

Die von Schwester Paulis bereits in Leichte Sprache übertragenen Texte werden von der Prüfgruppe Wort für Wort besprochen. Foto: Christiane AdamDie von Schwester Paulis bereits in Leichte Sprache übertragenen Texte werden von der Prüfgruppe Wort für Wort besprochen. Foto: Christiane Adam

Lingen. Die Bibel, also Gottes Wort, ist nicht immer leicht zu verstehen. Zum einen ist die Schrift über 2000 Jahre alt und weicht damit vom modernen Sprachgebrauch erheblich ab; zum anderen spricht Gott oft in Bildern zu den Menschen. Das bereitet insbesondere Menschen mit geistigen Behinderungen, Lernschwierigkeiten oder geringen Deutschkenntnissen Probleme. Wie diese zu lösen sind, zeigt ein Beispiel aus Lingen.

Ordensschwester Paulis Mels, derzeit im sachsen-anhaltischen Dingelstedt lebende Thuiner Franziskanerin, hat sich dazu entschlossen, wichtige Teile der Bibel in sogenannte „Leichte Sprache“ zu übertragen. „Die Leichte Sprache verschafft unter anderem Menschen mit Lernschwierigkeiten oder mit geistigen Behinderungen die Möglichkeit, barrierefrei zu kommunizieren beziehungsweise sich zu informieren“, erläutert Angela Neumann, Betriebsleiterin von „Besser verstehen“, dem Büro für Leichte Sprache in Lingen.

Die „Besser“-GmbH ist ein Integrationsbetrieb und Tochterunternehmen des Christophorus-Werk. Es gibt ein Gütesiegel für Texte, die in Leichter Sprache verfasst sind. Die Berechtigung, dieses Logo zu verwenden, sei an eine Selbstkontrolle gebunden, die unabdingbar die Prüfung der Texte durch Menschen mit Lese- beziehungsweise Verständnisschwierigkeiten vorsehe, erklärt Neumann weiter.

Gruppe prüft die Texte

Damit die Bibeltexte von Schwester Paulis dieses Gütesiegel tragen dürfen, hat sie eine Gruppe für die Textprüfung gesucht und hat sich an das Ludwig-Windthorst Haus (LWH) in Lingen-Holthausen gewandt. An dieser Stelle kam Sonja Hillebrand ins Spiel. Die Studienleiterin für Bibel und Weltverantwortung arbeitet im LWH und hatte von ihrem Chef Dr. Michael Reitemeyer den Auftrag, „etwas mit Bibel für Menschen mit Behinderung“ anzubieten, wie sie erzählt. So kam der Kontakt zu Neumann vom Büro für Leichte Sprache zustande.

„Wir haben dann im Christophorus-Werk nachgefragt, wer Lust hätte, dieser Prüfgruppe beizutreten“, berichten die beiden Frauen. Sechs Menschen mit unterschiedlichen Behinderung hätten sich seinerzeit darauf gemeldet. Von ihnen sind vier am Ball geblieben. Johannes Ahrendsen-Hein, Jürgen Hopmann, Maria Rickling und Helmut Völker treffen sich alle 14 Tage mit Hillebrand und Neumann im Christophorus-Werk und nehmen sich einen Text, der von Schwester Paulis übertragen worden ist, vor.

Unsere Redaktion war dabei, als sich die Gruppe über Schwester Paulis‘ Ergebnis von Jesaja Kapitel 52 ausgetauscht hat. Bevor es losgehen kann, taucht eine Frage auf: „Gibt es ermäßigte Eintrittspreise für den Katholikentag?“, möchte Hopmann wissen. Nach kurzer Beratschlagung übernimmt Hopmann als Vorsitzender im Heimbeirat die Aufgabe, sich bei einer Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes zu erkundigen.

„Auch derartige organisatorische Fragen oder einfach Smalltalk sind wichtig. Dafür nehmen wir uns gern die Zeit“, bekräftigt sie. Neumann begleitet das Projekt mittlerweile ehrenamtlich in ihrer Freizeit.

Was ist ein Prophet?

Der Text wird zunächst von ihr langsam Satz für Satz vorgelesen. An einem Wort entfacht sich eine Diskussion, welche die Mitglieder der Gruppe den ganzen Nachmittag nicht mehr loslässt: Was ist ein Prophet? „Am liebsten würde ich das Wort aus dem Text streichen“, meint Hopmann. Dem widerspricht Hillebrand, denn das Wort Prophet sei ein äußerst wichtiges Wort in der Bibel; es müsse drinbleiben. Hauptaufgabe der Theologin in diesem Zusammenhang ist es, trotz der sprachlichen Umgestaltung für die theologische Richtigkeit des Textes zu sorgen. „Den Kommunikationsansatz bringe ich ein – Sonja Hillebrand den theologischen“, unterstreicht Neumann. „Wenn beide Perspektiven berücksichtigt werden, kommt was richtig Gutes dabei heraus“, meint auch Hillebrand.

Doch bevor der Text von Jesaja so richtig gut werden kann, wird noch heiß debattiert. Jedes Gruppenmitglied bringt sich dabei auf seine Weise ein. Rickling beispielsweise kann nicht lesen. Sie hört aber sehr aufmerksam zu. Aufmerksames Zuhören ist ein wichtiger Nebeneffekt dieser freiwilligen Gruppenarbeit: Jeder soll ausreichend Zeit bekommen, sich in der Gruppe zu äußern. Dies fällt dem Einen leichter als dem Anderen.

„Der Text heute ist aber auch besonders schwer“, meint Völker, denn nicht nur das Wort Prophet sorgt für Stirnrunzeln, auch die Erklärung „ein Prophet ist ein Mann, der in seinem Herzen hört, wenn Gott redet“, leuchtet der Gruppe nicht wirklich ein. Auch, wenn es nicht immer leicht ist, üben die Gruppenmitglieder ihr Ehrenamt mit Überzeugung und Engagement aus. Völker arbeitet auf dem Hof Vaal in Schapen. „Ich komme nach der Arbeit hierher, weil ich finde, man soll die Bibel besser verstehen können. Das macht mir auch Spaß, und meine Kollegen in Schapen finden es gut, dass ich das mache“, betont er. Rickling arbeitet in der Werkstatt des Christophorus-Werks. „Für mich ist das ein Ausgleich zur Arbeit. Wenn es mir keinen Spaß machen würde, würde ich nicht hierher kommen“, bestätigt die Rollstuhlfahrerin. Dieselben Gründe führt Hopmann an: Spaß daran, etwas Neues dazuzulernen.

Am Ende des Treffens ist zwar für das Wort Prophet noch keine befriedigende Lösung gefunden worden, dennoch gehen die Teilnehmer zufrieden nach Hause. Vielleicht haben ja alle über Ostern eine göttliche Eingebung!

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