Ordensleiter aus Schapen Moses-Buch von Heiner Wilmer ein Wegweiser durchs Leben

Von Thomas Pertz


Schapen. „Hunger nach Freiheit“ heißt das neue Buch von Heiner Wilmer, gebürtiger Schapener und Leiter des Ordens der Herz-Jesu-Priester weltweit. Im Mittelpunkt stehen Mose und seine „Wüstenlektionen zum Aufbrechen“.

Diesen Mose kennen viele: der biblische Prophet mit imposantem, langen Bart, der das Meer mit der Macht Gottes teilt und das Volk der Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens befreit. Ein strahlender Held, Stoff sogar für berühmte Hollywood-Filme. Heiner Wilmer, Generaloberer der Ordensgemeinschaft der Herz Jesu-Priester mit 2300 Mitbrüdern in 42 Ländern, nähert sich dieser zentralen Figur des christlich-jüdischen Glaubens in seinem neuen Buch „Hunger nach Freiheit“ ganz anders – und viel tiefgründiger.

Wilmer wurde 1961 in Schapen im Emsland geboren, wo er auch aufwuchs. Der promovierte Theologe ist seit 1987 Ordenspriester der Herz-Jesu-Gemeinschaft. Diese hat sich die weltweite Mission in Form von Entwicklungshilfe und Bildungsarbeit zur Aufgabe gemacht und wirkt in Europa, aber auch in Ländern wie Kamerun, Kongo, Südafrika und Brasilien. Im Emsland ist der 56-Jährige vor allem durch seine Zeit als Leiter des Gymnasiums Leoninum in Handrup zwischen 1998 und 2007 bekannt.

Ringen um den Glauben

Das Ringen um den Glauben und sein Verhältnis zu Gott zieht sich wie ein roter Faden durch Wilmers Biografie. Dazu gehören auch Glaubens- und Selbstzweifel in früheren Abschnitten seines Lebens, die er 2013 in dem Buch „Gott ist nicht nett“ verarbeitet hat. Der „Hunger nach Freiheit“ mit dem nun auf den biblischen Propheten gerichteten Fokus ist erneut ein Buch, das seine Überzeugungskraft aus der Authentizität des Autors zieht. Wilmer  beschreibt Mose nicht aus dem theologisch-philosophischen Elfenbeinturm heraus, sondern setzt ihn in Beziehung zum Menschen des 21. Jahrhunderts – zu dir und zu mir.

Die häufigen biografischen Bezüge verstärken diesen Eindruck noch. Der Prophet und seine Wüstenlektionen werden nicht auf die biblische Gestalt des Alten Testaments begrenzt. Er ist höchst gegenwärtig in seinem Kampf mit sich selbst und gegen die Unfreiheit anderer. Mose der Totschläger, der Rebell, der Verratene, der Freie: Wilmer beschreibt ihn als Abbild des modernen Menschen, in seinen Zweifeln und Widersprüchen, mit allen seinen Stärken und Schwächen.

Gefühl des Ausgeliefertseins

Das wird in besonders anrührender Weise beim Zitieren der Bibelstelle deutlich, die Mose als Stotterer schildert. Der Autor hatte als Kind ebenfalls unter dieser Sprachstörung gelitten. In der plastischen Schilderung dieses Gefühls des Ausgeliefertseins und der Demütigung als Viertklässler lässt der 56-jährige Theologe den Leser besonders nah an sich heran.

Gott heilt übrigens nicht das Stottern von Mose. Er will, dass sich dieser entwickelt und sich den Herausforderungen und seinen Problemen stellt. Und dass er „verrückt“ ist – nicht im Sinne eines besorgniserregenden Geisteszustandes, sondern ver-rückt sein verstanden als ein dynamischer Prozess, als persönlicher Aufbruch. Nicht in der Spur sein, nicht im Mainstream, übersetzt Wilmer.

Er wagte diesen Aufbruch mit einer ganzen Schulgemeinschaft, als er sich im Jahr 2000 mit ihr nach Spanien aufmachte – auf den Jakobsweg. Die Erlebnisse auf dieser Pilgerfahrt, das vibrierende Gefühl von Dynamik, das Erfahren von Gemeinschaft, aber auch die Konfrontation mit körperlichen Leiden auf dem Pilgermarsch, spiegelt Wilmer mit Moses Wüstenerfahrungen. Er interpretiert sie als „Mutmacher“: Gott ist bei dir, aber „nicht als Autopilot“, wie der Autor schreibt. Das Steuer muss jeder selbst in seinen Händen halten. Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten sei Gottes ultimative Zusage: „Nur Mut, du kannst das“.

Es geht um Werte

Gott als den herausfordernden Begleiter von Mose holt Wilmer dabei immer wieder aus der Exodus-Geschichte in die Gegenwart zurück: Es sei kein Gott der Bequemlichkeit, „der uns in warmen Hauspantoffeln durch das Leben schlurfen lässt“. Sondern ein Gott, der laut Wilmer zum Aufbruch einlädt, auch wenn das Leben dabei ein paar Beulen abbekommen kann.

Sein Moses-Buch ist deshalb ein persönlicher Wegweiser durch das Leben, zugleich aber auch ein politischer. Europa, verstanden als politisch-gesellschaftliche Ausgestaltung des jüdisch-christlichen Glaubens, verliere, so der Autor, seine Zukunft, wenn es diesen Glauben verliere. Dieses Erbe sei wesentlich durch Mose geprägt. Eine Beschäftigung mit ihm, schlussfolgert Wilmer, ist somit auch zutiefst politisch. Weil es um Werte geht und um das, was unsere Gesellschaft zusammenhält – oder auch nicht mehr.

 

Hunger nach Freiheit

Mose – Wüstenlektionen zum Aufbrechen

Verlag Herder

ISBN: 978-3-451-37945-1