Mitreißend und schnörkellos Calvinchor Lingen singt Johannespassion von Schütz

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Lingen. Als Einstimmung auf die Karwoche präsentierte der noch junge Lingener Calvinchor am Vorabend zum Palmsonntag in der evangelisch-reformierten Kirche eine besondere Perle der Alten Musik: die Johannespassion von Heinrich Schütz in der Bearbeitung für Chor, Solisten und Klavier von Arnold Mendelssohn.

65 Zuhörer erlebten eine schnörkellose Verkündigung des Evangeliums und eine mitreißende Interpretation des frühbarocken Oratoriums. Mit seinen drei reinen A-cappella-Passionen beschließt Schütz die Reihe seiner Historienvertonungen. Das sind textgezeugte Kompositionen von hohem handwerklichen Anspruch und zugleich dichter, verinnerlichter Expressivität, Werke des Alters und der Reife, mit denen eine ganze Musikepoche ihren Abschluss findet. Das Chorwerk aus dem Jahr 1666 mit dem vollen Titel „Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilands Jesu Christi nach dem Evangelisten St. Johannes“ erklang gut intoniert und in hoher Konzentration. Chorleiter Peter Alexander Herwig führte die 18 Frauen- und sieben Männerstimmen nach der Erstaufführung Anfang März in Schapen ein zweites Mal voller Dramatik durch das gut halbstündige, mit Zwischentexten ergänzte Opus.

Zuverlässige Klavierbegleitung

Die ursprüngliche Besetzung sieht, anders als etwa die späteren Passionen von Johann Sebastian Bach, keine Instrumentalbegleitung vor. Um die Aufführung der Passion einem größeren Kreis von Ausführenden zu ermöglichen, legte der Komponist und Kirchenmusiker Arnold Mendelssohn (1855-1933) jedoch eine Fassung mit Orgel- oder Klavierbegleitung vor, die harmonisches Gerüst und neue Klangfarbe zugleich ist. Linda Moeken vermochte dem Dipitalpiano zurückhaltende, sehr zuverlässige Klänge zu entlocken.

Choräle als Zwischentexte

Die Johannespassion steht in der zweiten Kirchentonart (phrygisch), deren bittender und klagender Modus bei auffällig vielen Kirchenliedern in der Passionszeit verwendet wird. Zwischen den Rezitativen las Pastorin Inka Wischmann fünf Choräle aus dem evangelischen Gesangbuch vor. Hier wären sicher auch eine aktive Beteiligung des Auditoriums oder eine Übersetzung der Leidensgeschichte in die Gegenwart denkbar gewesen.

Engagierte Soli

Eine tragende Rolle in jeder Passion ist die des Evangelisten, der auch den Löwenanteil zu bewältigen hat. Mit dem promovierten Chemiker und lyrischen Tenor Wilhelm Adam hatte Herwig einen Glücksgriff, denn dessen schöne Kantillation und gut verständliche Verkündigung war der Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung. Auch die übrigen Soli aus dem Chor (Magd: Annette Grummel, Petrus: Uwe Gundelach, Knecht: Florian Klukkert, Pilatus: Michael Hackenberg, Jesus: Hubert Dieker) lieferten ihre Einsätze sauber und präzise, bisweilen überaus engagiert.

Überschwängliche Freude

Vom Dirigenten ausgehend und vom Publikum dankbar erwidert schwappte unmittelbar nach dem letzten verhaltenen Akkord eine Woge überschwänglicher Freude und Begeisterung über das gelungene Konzert durch das nüchterne Kirchenschiff, als sei der Heiland schon auferstanden.


Der Calvinchor probt dienstags um 19 Uhr im Calvinhaus in der Wilhelmstraße. Neue Sängerinnen und Sänger sind herzlich willkommen.

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