Vier Stolpersteine verlegt Erinnerung in Lingen an ermordete jüdische Bürger

Von Ludger Jungeblut


Lingen. Tief bewegt hat der jüdische Ehrenbürger der Stadt Lingen, Bernhard Grünberg (95), am Samstagabend die Feierstunde aus Anlass der Verlegung von vier Stolpersteine vor dem Haus Georgstraße 12 in Lingen verfolgt. Hier stand sein Elternhaus und hier wohnten auch seine ermordeten Verwandten, seine Tante Rosette Groenberg und ihre Tochter Elise de Jong-Groenberg.

Im Beisein von etwa 30 Bürgern mauerte der Lingener Künstler Peter Lütje die Stolpersteine mit den Namen von Rosette Groenberg und Elise de Jong-Groenberg ein. Mit zwei weiteren Stolpersteinen werden auch der Ehemann von Elise, Bob de Jong und der erst zweijährige Sohn Herman de Jong geehrt, die ebenfalls im Vernichtungslager Sobibor starben. Anne Scherger stellte das Ergebnis der Recherchen über die Lebenswege der vier Opfer des Holocausts vor (wir berichteten). Vor dem Haus befinden sich bereits drei Stolpersteine, die an Bendix und Marianne Grünberg, die Eltern von Bernhard Grünberg und an seine Schwester Gerda erinnern, die alle Opfer des Holocausts wurden.

Grenzenlose Menschenverachtung

Die grenzenlose Menschenverachtung, mit denen die Massenmörder in Sobibor handelten, schilderte Anne Scherger in diesen Worten: „Nach einer höflichen Begrüßung und beruhigenden Ansprache durch den wachhabenden Vorgesetzten stellen sich Männer und Frauen mit den kleinen Kindern getrennt auf. Es gibt keine Selektionen, kaum jemand nimmt wahr, dass die Behinderten und ganz Alten zurückgehalten werden. Sie erwartet der Tod bereits hier oder später – durch Genickschuss. Sie könnten den reibungslosen Betrieb stören.

Alle anderen reihen sich in die Menschenschlange ein, die sich in einem Pfad, zu beiden Seiten von undurchdringlichen Hecken gesäumt, entlang zu den Entkleidungsbaracken schiebt. Die Kinder folgen ihren Müttern. Dann geht es nackt durch einen engen Weg, rechts und links durch einen Bretterzaun geschützt, den sogenannten Schlauch, in Richtung Gaskammer, in Richtung Tod ...“

„Solch teuflisches Machwerk darf nie wieder in die Köpfe der Menschen kommen“

Der Vorsitzende des Forums Juden-Christen im Altkreis Lingen, Heribert Lange, verwies darauf, dass Anne-Dore Jakob (früher Lingen), Anne Scherger und Benno Vocks die Recherche über den Leidensweg der Verwandten von Bernhard Grünberg vorangetrieben hätten. Als Grünberg 1986 nach 48 Jahren auf Einladung der Stadt erstmals wieder in Lingen gewesen sei, habe er seine Hand ausgestreckt – nicht mit dem Willen zur Vergebung und zum Verzeihen, sondern zur Versöhnung. Diese Versöhnung setze darauf, dass alle Nachfahren der Tätergeneration sich immer der Verantwortung bewusst blieben, die aus den Millionen ermordeten Juden und den Millionen Toten des Hitlerkriegs erwachse. Es gelte, dafür zu sorgen, „dass solch teuflisches Machwerk nie wieder in die Köpfe der Menschen und auch nicht auf unsere Straßen und Plätze kommt.“

„Die Welt hat aus dem Holocaust nichts gelernt“

Grünbergs ausgestreckte Hand habe dazu geführt, dass ihm die Lingener nahe seien – auch in der Trauer. Bernhard Grünberg zeigte sich sehr gerührt, dass die Erinnerung an seine Verwandten durch die Stolpersteine lebendig gehalten wird. Zugleich äußerte er sich tieftraurig darüber, dass die Welt aus dem Holocaust nichts gelernt habe und das Morden weitergehe.

„Ohne Josef Möddel stünden wir heute nicht hier“

Oberbürgermeister Dieter Krone sah in der Feierstunde ein Zeichen für Grünbergs ausgestreckte Hand. Er verwies darauf, dass der Lingener Josef Möddel seinerzeit Initiator für die Aufarbeitung der Geschichte der Lingener Juden während der Nazidiktatur gewesen sein. „Ohne ihn stünden wir heute nicht hier.“ Leider habe Möddel aus Krankheitsgründen an der Verlegung der Stolpersteine nicht teilnehmen können.

Zu Gehör gebracht wurde während der Feierstunde der Psalm 91 aus dem Alten Testament „Unter dem Schutz des Höchsten“. Zum Schluss sangen die Teilnehmer das Lied „Der Du Frieden schaffst in der Höh‘, gib Deinen Frieden auch auf Erden.“

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