Drei Jahre Haft nach Sprung vom Dach Spektakuläres Ende einer Einbruchsserie im Emsland

Von Wilfried Roggendorf

Das Amtsgericht in Lingen ordnete statt Haft die Unterbringung eines 44-jährigen Serieneinbrechers in einer Entziehungsanstalt an. Symbolfoto: Manuel GlasfortDas Amtsgericht in Lingen ordnete statt Haft die Unterbringung eines 44-jährigen Serieneinbrechers in einer Entziehungsanstalt an. Symbolfoto: Manuel Glasfort

Lingen. „Danke“ hat ein heute 44-jähriger Serieneinbrecher gesagt, nachdem der Richter am Amtsgericht Lingen das auf drei Jahre Haft lautende Urteil gegen ihn verkündet hatte. Der Grund für den Dank: Das Gericht ordnete die Unterbringung des Drogenabhängigen in einer Entziehungsanstalt an.

Zwischen dem 15. Juli und dem 27. September 2017 hatte der Mann 25 schwere Diebstähle und zwei Wohnungseinbrüche begangen, die er vor Gericht eingestand. Dabei suchte er nicht nur im Lingener Stadtteil Reuschberge etliche Mehrfamilienhäuser in der Langenbielauer Straße und im Langschmidtsweg heim, sondern war auch in vielen Häusern an der Esterfelder Stiege in Meppen sowie auf einem Campingplatz in Haselünne unterwegs. Hinzu kamen Taten in Engden, Wietmarschen-Lohne, Salzbergen, Brögbern und in Lingen-Bramsche. In elf Fällen blieb es beim Versuch. Doch auch wenn der Diebstahl von Werkzeugen, Lebensmitteln und Zigaretten nicht stets gelang, der Mann an Türen scheiterte – meist entstand, teils nicht unerheblicher, Sachschaden.

Beute auf Flohmärkten verkauft

Mehrmals wurde der 44-Jährige laut Staatsanwaltschaft in dieser Zeit von der Polizei festgenommen, kam aber, wie seine Verteidigerin kritisierte, stets wieder auf freien Fuß. Trotz der Festnahmen habe er immer wieder geplant und mit professionellem Werkzeug seine Einbrüche fortgesetzt, erklärte der Staatsanwalt. Dabei führte er auch unerlaubterweise eine Gaspistole im Auto mit, ohne den benötigten kleinen Waffenschein hierfür zu besitzen. „Die Waffe habe ich zum Eigenschutz im Auto gehabt, weil ich drei Monate vorher zusammengeschlagen worden bin“, sagte der 44-Jährige. Der Angeklagte gab zu, einen Teil seiner Beute im Wert von rund 11.800 Euro auf Flohmärkten in Münster und Osnabrück verkauft zu haben. „Das geht ganz gut“, stand er auf eine entsprechende Nachfrage des Richters ein.

Drogen gegen Depressionen „sehr hilfreich“

Warum der Mann immer wieder Einbrüche beging, um seine Sucht zu finanzieren, machte die Aussage eines als Sachverständigen hinzugezogenen Psychologen deutlich. „Seit zehn Jahren leidet der Angeklagte unter behandlungsbedürftigen Depressionen, die erst jetzt in der Untersuchungshaft mit Antidepressiva behandelt werden“, erläuterte er. Zuvor habe er seine Erkrankung mit einer Kombination aus Drogen bekämpft, die fatalerweise gegen Depressionen „sehr hilfreich“ gewesen sei. „Einsichtsfähigkeit in das Unrecht seines Handelns ‚Ja‘, aber erheblich in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt“, lautete das Fazit des Sachverständigen.

Beziehung per Whatsapp beendet

Mit dem regelmäßigen Konsum von Drogen hatte der Angeklagte nach eigener Aussage begonnen, nachdem sich 2015 sein Lebenspartner nach 14 Jahren von ihm per Whatsapp-Nachricht getrennt habe. Danach sei sein Leben, der Mann bestreitet es seit vielen Jahren von Hartz IV, vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Bei allen Taten habe er unter Drogeneinfluss gestanden, wolle aber jetzt eine Therapie.

Angeklagter: Ich wollte so oder so dem Ganzen ein Ende machen

Die gestand ihm das Schöffengericht, das dem Antrag von Staatsanwaltschaft und Verteidigerin auf drei Haft folgte, mit der Anordnung der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt zu. Denn der Angeklagte schilderte glaubhaft das Ende seiner Einbruchsserie am 27. September 2017. Da war er in den Verwaltungstrakt eines Elektro-, Haushaltswaren- und Möbelgeschäfts an der Lingener Lindenstraße eingedrungen und löste dabei die Alarmanlage aus. Als die Polizei anrückte, kletterte der 44-Jährige auf das Dach des Gebäudes – sprang von dort aus vier bis sechs Meter Höhe in die Tiefe, wobei er sich mehrere Knochenbrüche zuzog. „Das war kein Fluchtversuch. Ich wollte so oder so dem Ganzen ein Ende machen“, erklärte der Mann. Zuvor habe er sich um einen Therapieplatz bei einem Psychologen bemüht. „Aber die Wartezeit beträgt ein halbes bis ein dreiviertel Jahr“, kritisierte der 44-Jährige.

Sachverständiger: Er würde keinen Menschen überfallen

Auch der Sachverständige sah positive Ansätze: „Ein normaler Junkie springt nicht einfach vom Dach.“ Zwar würde laut dem Psychologen der Angeklagte binnen einer Woche wieder mit der Beschaffungskriminalität beginnen, sollte er jetzt auf freien Fuß kommen. „Aber er hat keinen Raub begangen, würde keinen Menschen überfallen“, sah er eine gewisse günstige Haltung. Sollte der Mann seine laut dem Sachverständigem über zwei Jahre dauernde Therapie erfolgreich abschliessen, könnte der Rest der dreijährigen Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden.

Ungewöhnliche Form des Hilferufs

„Wenn die Therapie erfolgreich ist, spielt es keine Rolle, ob Sie zwei Jahre und acht Monate oder drei Jahre und irgendetwas kriegen“, erklärte auch der Richter in seiner Urteilsbegründung. Den Sprung vom Dach des Geschäftes am 27. September 2017 wertete das Gericht als „ungewöhnliche Form des Hilferufs oder Suizidversuchs“. „Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Therapie“, schloss der Richter vor dem „Danke“ des Angeklagten die Verhandlung.

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