Jüdischer Ehrenbürger zu Gast Bernhard Grünberg reicht der Geburtsstadt Lingen die Hand

Von Thomas Pertz


Lingen. Seinen 95. Geburtstag hat am Samstag Lingens jüdischer Ehrenbürger Bernhard Grünberg im Saal Klaas gefeiert - und mit ihm rund 60 Gratulanten.

Als die Erinnerung ihn übermannt, kommen Bernhard Grünberg die Tränen. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, als der am 22. März 1923 in Lingen geborene Jude an den kleinen, kaum zwei Jahre alten Jungen Hermann Nico erinnert, Enkel von Grünbergs Tante Rosette – ermordet 1943 im Lager Sobibor wie alle anderen aus der Familie auch. „Das einzige Verbrechen dieses kleinen Jungen war, dass er Jude war“, sagt Grünberg mit brüchiger Stimme.

Der 95-Jährige hat durch einen Kindertransport nach England 1938 als 15-Jähriger den Holocaust überlebt - und trotz der Auslöschung auch seiner Familie während der Nazi-Diktatur seiner Geburtsstadt Lingen die Hand ausgestreckt. Diese erwidert den Händedruck am Samstag vielfach: Rund 60 Gäste sind in den Saal Klaas gekommen, um mit dem jüdischen Ehrenbürger zusammen seinen 95. Geburtstag zu feiern.

Gäste aus England

Darunter auch weit gereiste wie Karen van Coevarden und Leonie Edgell aus England. Dort arbeiten sie am Holocaust-Center Beth Shalom nördlich von Derby, wo Grünberg lebt. Über 20 Jahre lang hat er dort Vorträge gehalten und jungen Menschen von seinem Lebens- und dem Leidensweg seiner Familie unter der Nazi-Diktatur berichtet. Häufige Male hat Grünberg dies auch bei seinen Besuchen in Lingener Schulen getan.

Grünberg: Große Ehre für mich

Für ihn sei es eine „große Ehre“, dass die Stadt Lingen ihn so empfangen würde, sagt der 95-Jährige. Er hatte sich vorgenommen, niemals mehr nach Deutschland zurückzukommen. Grünberg tat dies 1986 auf Einladung der Stadt aber doch, als sie einen Gedenkstein für die jüdischen Bürger Lingens aufstellen wollte. Er habe diesen als Grabstein für seine Eltern und seine Schwester angesehen, erzählte er.

Am 13. Dezember 1993 verliehen der damalige Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring und Oberbürgermeister Bernhard Neuhaus ihm und Ruth Foster, geborene Heilbronn, in einem Festakt im Saal der Wilhelmshöhe die Ehrenbürgerschaft. Auch die Eltern von Ruth Foster, die an der Kaiserstraße wohnten, kamen im Holocaust ums Leben.

Was würde er heute in Lingen machen, wenn alles anders verlaufen wäre?, fragt Grünberg und antwortet zugleich. „Adolf Hitler hat mein ganzes Leben verändert“, fasst er die Zerstörung und gewaltsame Umformung von jüdischen Biografien durch staatlichen Terror in einen Satz zusammen. England sei seine Heimat geworden, „die deutsche Heimat hat man mir genommen“.

„Deine Eltern wären stolz auf dich“

„Wenn deine Eltern und deine Schwester dich dort oben sehen würden, wären sie stolz auf dich“, betont Ruth Grünberg, die einzige Verwandte von Bernhard Grünberg im Emsland. Sie ist Leiterin eines Wohnheims des Christophorus-Werkes in Schapen, das der 95-Jährige in der letzten Woche besuchte. Die Glückwünsche des Landkreises überbringt Kreisvorsitzende Ulla Haar.

„Dass Sie die Hand Ihrer Geburtsstadt ausgestreckt haben, zeugt von einer ganz besonderen Größe“, unterstreicht Oberbürgermeister Dieter Krone. Mit seiner Bereitschaft zur Versöhnung sei Grünberg ein Vorbild. Der Oberbürgermeister dankte dem Forum Juden-Christen dafür, mit vielen verschiedenen Initiativen und Aktionen die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger wachzuhalten. Herausragend ist hier den Worten des Oberbürgermeisters zufolge der Gedenkort Jüdische Schule, das einzige erhaltene Gebäude im Emsland, das an die Synagogengemeinde im Raum Lingen erinnert. Und an Bernhard Grünberg. Das schmiedeeiserne Tor am Eingang der Schule stammt aus seinen Händen.

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