Recherche über Familien Jüdische Bürger in Lingen: Die Lebenswege von Rosette Groenberg

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Lingen. Die Lingenerin Anne Scherger hat zusammen mit der heute in Berlin wohnenden Anne-Dore Jakob die Lebenswege von Rosette Groenberg recherchiert. Sie ist die Tante von Bernhard Grünberg, jüdischer Ehrenbürger der Stadt Lingen.

Lingen. Im Juni 2012 sind vor dem Elternhaus des jüdischen Ehrenbürgers Bernhard Grünberg an der Georgstraße 12 in Lingen Stolpersteine für dessen im Holocaust ermordete Eltern Marianne und Bendix und seine Schwester Gerda verlegt worden. Knapp sechs Jahre später werden dort am heutigen Samstag um 17.30 Uhr, und damit zwei Tage nach seinem 95. Geburtstag, weitere vier Gedenksteine verlegt – für Grünbergs Tante Rosette („Tante Settchen“), seine Cousine Elise („Lieschen“), ihren Mann Bob de Jong und ihren Sohn Herman Nico.

Wie Grünbergs Eltern und seine Schwester wurden sie Opfer des Holocaust. Sie wurden 1943 im Vernichtungslager Sobibor umgebracht. Auch Grünbergs Verwandte in Groningen, bei denen er 1935 bis 1937 noch unbeschwert seine Sommerferien verbracht hatte, waren umgekommen – Tante Emma Winberg, geb. Grünberg, ihr Mann Simon und deren Söhne Leo und Iwan.

Wer aber waren die vier Bürger, an die jetzt erinnert wird? Rosette Grünberg wurde im November 1879 als siebtes von elf Kindern von Israel und Roosje Grünberg in Sögel geboren. Später zog die Familie nach Haren, als jüngstes Kind wurde dort mit Bendix 1888 auch Bernhard Grünbergs Vater geboren.

1906 heiratete Bernhards Tante Rosette den Niederländer Nathan Abraham Groenberg. Beide zogen wohl nach Nijmwegen, wo 1918 ihre Tochter Elise geboren wurde. Nur drei Jahre später starb Rosettes Mann. Zwei Monate später verließ Rosette mit der kleinen Elise die Niederlande und zog zu ihrem Bruder Bendix und seiner Familie nach Lingen. Zunächst wohnten sie in der Burgstraße 50. 1922 zog die gesamte Familie in das große Haus in der Georgstraße 12. Ein Jahr später wurde dort am 22. März 1923 auch Bernhard Grünberg geboren.

Rosette und Tochter Elise wohnten oben im Haus. Dort stand auch das Klavier, auf dem Elise so gerne spielte. Sie wollte später Klavierlehrerin werden. Im April 1930 zogen Rosette und ihre Tochter nach Bielefeld, die Gründe dafür sind unbekannt. Nach den Angaben des dortigen Stadtarchivs sind beide im April 1934 nach Amsterdam gezogen. Ob die damals 16-jährige Elise dort lieber studieren wollte oder die sich verschlechternden Lebensbedingungen im Deutschland unter dem Nazi-Regime Grund für den Umzug waren, lässt sich heute nicht mehr sagen.

Nach Angaben vom Kamp Westerbork heiratete Elise im August 1939 in Amsterdam den zehn Jahre älteren und aus Groningen stammenden Bob de Jong. In der Amstelkade 126 wurde im Juli 1941 ein gutes Jahr nach dem deutschen Überfall und Besetzung der Niederlande Sohn Herman Nico geboren. Im Dezember 1942 zog die Familie in Amsterdam noch einmal um. Zu diesem Zeitpunkt waren die niederländischen Juden bereits zahlreichen Repressalien ausgesetzt, unter anderem mussten sie ab Mai 1942 auch den Gelben Stern tragen.

Am 15. Juli 1942 begannen die Deportationen der niederländischen Juden über das Lager Westerbork in die Vernichtungslager. Zwischen März und Juli 1943 waren es 19 Transporte mit insgesamt rund 35 000 Juden allein ins Lager Sobibor.

Zunächst wurde die Familie noch nicht deportiert, Bob de Jong hatte als Lehrer an einer jüdischen Schule für Büroangestellte eine sogenannte „Sperre“. Am 15. April 1943 wurde Rosette Groenberg schließlich in das Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork verschleppt und fünf Tage später nach Sobibor deportiert. Den gleichen Weg in den Tod gingen im Juni 1943 auch ihre 25-jährige Tochter Elise, ihr 35-jähriger Mann Bob und der kaum zweijährige Sohn Herman Nico.

Mit im Deportationszug waren aber beide Großmütter des kleinen Herman Nico, so auch die 1871 in Hamburg geborene Gella de Jong-Salomon. Beide Großmütter starben am 23. April 1943 in den Gaskammern von Sobibor.

Bernhard Grünberg kannte Bob de Jong nicht persönlich, und doch gab es einen wichtigen Kontakt zwischen beiden: Ende 1938 konnte Grünberg als 15-Jähriger als eines von fast 10 000 jüdischen Kindern nach England ausreisen – ohne Eltern und nur mit einem Koffer als Handgepäck. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war der direkte Briefwechsel stark eingeschränkt. Ausführlichere Briefe und Taschengeld seiner Eltern erreichten Bernhard aber weiterhin. Und zwar über Bob de Jong. Mit dem deutschen Überfall auf die Niederlande schloss sich aber auch diese Kontaktmöglichkeit (Anne Scherger).


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