Erste Hilfe für die Seele im Emsland Notfallseelsorger: „Man darf nicht um den Tod herumreden“

Von Julia Mausch

Sie überbringen den Angehörigen die Todesnachricht oder helfen denen, die das Geschehene nur schwer verarbeiten können: Notfallseelsorger, wie Marcus Droste aus Salzbergen. Foto: Julia MauschSie überbringen den Angehörigen die Todesnachricht oder helfen denen, die das Geschehene nur schwer verarbeiten können: Notfallseelsorger, wie Marcus Droste aus Salzbergen. Foto: Julia Mausch

Salzbergen. Sie überbringen den Angehörigen die Todesnachricht oder helfen denen, die das Geschehene nur schwer verarbeiten können: die Notfallseelsorger im Emsland. Doch manchmal kommen sie zu spät, dann ist die Todesnachricht bereits überbracht worden. Nicht durch die Notfallseelsorger, sondern durch Facebook und Co.

Es ist drei Uhr morgens, als es klingelt. Zwei Polizeibeamte und ein Pastor stehen vor der Tür. „In diesem Moment wissen viele schon Bescheid“, sagt Marcus Droste. Der Pastor aus Salzbergen ist Beauftragter für Notfallseelsorge im Sprengel Ostfriesland-Ems. Zusammen mit rund 50 anderen Notfallseelsorgern und Notfallseelsorgerinnen ist er derjenige, der für Menschen im Emsland da ist, wenn das Schicksal zugeschlagen hat. Sei es der plötzliche Kindstod, der erfolglose Reanimationsversuch eines Ehepartners, der Suizid der Ehefrau oder wenn die Polizei vor der Tür steht und den Angehörigen von einem schrecklichen Unfall berichten muss. (Weiterlesen: Unfalltod im Emsland: Wenn der Albtraum Realität wird)

„Man darf nicht um den Tod herumreden“

Die Todesnachricht überbringt die Polizei, für die direkte Hilfe danach sind die Notfallseelsorger da. Es sind Dinge, die keiner hören möchte, sie kommen direkt, ohne Vorwarnung – und führen häufig zu einer Krise. „Man darf nicht um den Tod herumreden, sondern muss direkt die traurige Nachricht mitteilen“, sagt Marcus Droste. Lange Geschichten von Rettungsversuchen würde dazu führen, dass Angehörigen nach den ersten Worten innerlich auf Abwehr gehen. Wörter wie „tödliche Verletzungen“ führten dazu, dass die Menschen die eigentliche Todesnachricht nicht mehr hören. „Sie hören dann nur das Wort Verletzung und haben wieder Hoffnung.“

Wenn die Polizei nach einem Verkehrsunfall den Angehörigen die Todesnachricht überbringen, dann ist die Notfallseelsorge in der akuten Situation bei den Hinterbliebenen und spendet Trost. Symbolfoto: dpa

Wut, Trauer, Stille

Menschen haben laut Droste das Recht auf die Wahrheit. Deswegen ist er in den Gesprächen mit ihnen ehrlich, beschönigt nichts. „Das bringt niemanden etwas“, sagt er. Dennoch müsse man nicht immer alles sofort sagen. Die Reaktionen, die die Todesnachricht hervorruft, ist jedes mal eine andere. Manche weinen laut, andere sind entsetzt, wieder andere ziehen sich zurück. „Zu erwarten, wie ein Mensch nun doch zu reagieren hat, ist der falsche Weg“, sagt er. Menschen seien individuell, die Reaktionen ebenso.

Sich auf ein solches Zusammentreffen vorzubereiten, ist schwer. Jede Situation sei anders, Einfühlungsvermögen ist da bei Notfallseelsorgern gefragt. Sie müssen laut Droste erkennen, wann es Zeit ist, etwas zu sagen und wann es Zeit ist, zu schweigen. Das kann einerseits bedeuten, die Sprachlosigkeit gemeinsam auszuhalten oder auch schlicht um ein Glas Wasser zu bitten, um so jemanden aus der Schockstarre herauszuholen.

Fotos vom Unfall auf Facebook

Es gibt Fälle, da wissen die Angehörigen bereits Bescheid – noch bevor die Polizei und die Notfallseelsorge etwas gesagt hat. Sie haben Fotos oder Videos des tödlichen Verkehrsunfalls auf Facebook und Co. gesehen. Ihnen dann zuhause beistehen zu können, ist das Ziel – jedoch nicht immer möglich. „Häufig machen sich die Angehörigen dann direkt auf den Weg zur Unfallstelle“, sagt Marcus Droste. Sie wollen Klarheit, Gewissheit haben. An der Unfallstelle versuchen Notfallseelsorger dann, die Angehörigen dort vor belastenden Bildern zu schützen. „Früher hat man immer gesagt: ‚Behalten Sie ihren Partner so in Erinnerung, wie sie ihn zuletzt gesehen haben‘.“ Davon weicht der Pastor mittlerweile ab. Notfallseelsorger hätten die Erfahrung gemacht, dass ein letzter Anblick helfen kann, das Geschehene zu realisieren. (Weiterlesen: Polizei: Alkohol ist im Emsland ein echtes Problem)

Marcus Droste nimmt zu den Einsätzen grundsätzlich eine Tasche mit, eine Art „1. Hilfe-Tasche", mit Kuscheltieren, Kerzen, ein Telefonbuch oder einer Stola. Kleine Dinge, die eine große Wirkung haben. Symbolfoto: dpa

Notfallseelsorge ist keine dauerhafte Betreuung

„Die Diskussion um Soziale Netzwerke und Smartphones ist gestrig“, sagt Droste. Zu Beginn seiner Zeit als Notfallseelsorger sei es merkwürdig gewesen, wenn Angehörige direkt ihr Smartphone zücken, um eine Nachricht zu verschicken, nachdem sie die Todesnachricht erhalten haben. Mittlerweile habe er sich daran gewöhnt und kann dem Internetzeitalter Positives abgewinnen. Wie beispielsweise Online-Trauergruppen. Portale wie diese könnten Angehörigen helfen, den Todesfall zu verarbeiten. Denn schließlich ist die Notfallseelsorge nicht als dauerhafte Betreuung gedacht. Notfallseelsorger helfen im Augenblick, länger andauernde Kontakte sind nicht vorgesehen. (Weiterlesen: Arbeit im Stillen: Notfallseelsorge im Emsland)

Wenn Bären miteinander sprechen

Eine Art „Erste Hilfe für die Seele“. Passend dazu hat Marcus Droste bei seinen Einsätzen grundsätzlich eine Tasche mit, eine Art „1. Hilfe-Tasche“. Verbandszeug, Pflaster oder Spritzen sind dort nicht zu finden, dafür Kuscheltiere, Kerzen, ein Telefonbuch oder eine Stola. Kleine Dinge, die eine große Wirkung haben. Zwei kleine Bären können Kindern besser erklären, dass gerade die geliebte Mutter gestorben ist, als ein Erwachsener. In Telefonbüchern finden sich die Kontaktdaten von Bestattern wieder. Und wofür ist eine Kerze gut? „Eine Kerze anzünden, ist zunächst nicht viel. Wenn man aber das Gefühl hat, in diesen Ausnahmesituationen nichts zu können, machtlos zu sein, ist selbst das Anzünden einer Kerze schon etwas“, sagt der Pastor aus Salzbergen. Dazu bietet er bei Bedarf einen Psalm oder ein Gebet an. Dies sei jedoch lediglich ein Angebot. Notfallseelsorger wollen den Opfern nicht den Glauben aufdrängen.