Als gefährlich eingestuft Nach Unfall im Stich gelassener Hund lebt im Tierheim Lingen

Von Christiane Adam

Liebevoll wird Rocco von den Mitarbeitern des Lingener Tierheims versorgt, doch Sonja Rolfes hätte lieber ein gutes Zuhause für ihn. Foto: Christiane AdamLiebevoll wird Rocco von den Mitarbeitern des Lingener Tierheims versorgt, doch Sonja Rolfes hätte lieber ein gutes Zuhause für ihn. Foto: Christiane Adam

Lingen. Nach einem Unfall lebt ein Hund schwer verletzt im Lingener Tierheim, weil seine Halter ihn nicht wiederhaben möchten. Dies auch, weil der Landkreis Emsland den Hund als gefährlich eingestuft hat. Dies geschieht nach Ansicht der Tierschützer zu schnell.

Rocco versteht die Welt nicht mehr: Verstört und ängstlich liegt der fünfjährige Jack-Russel-Mischling mit einer Halskrause auf dem Rücken in seiner Kammer im Tierheim. Zwei seiner Beine sind verletzt, eines davon so schwer, dass es vermutlich amputiert werden muss. Anstatt, dass er im Lingener Tierheim ausharrt, sollte er eigentlich bei seiner Familie sein, doch die möchte ihn nicht mehr, erzählt die Zweite Vorsitzende des Lingener Tierschutzvereins, Sonja Rolfes.

Androhung einer Strafzahlung von 10000 Euro

Doch von Anfang an: 2016 kam es zu einem Beißvorfall. Ein Kind hatte Rocco getreten, und der hat dann zugebissen. Es kam zur Anzeige. „Wenn es zu einer Anzeige kommt, erfolgt automatisch eine Gefährlichkeitseinstufung durch den Landkreis Emsland“, weiß Rolfes aus Erfahrung. Das bedeutet Dreierlei: Für Hunde wie Rocco besteht ab sofort Maulkorb- und Leinenpflicht. Die jährliche Hundesteuer erhöht sich um gut das Zehnfache. Möchte man den Hund trotz der Gefährlichkeitseinstufung weiter halten, muss ein Wesenstest bestanden werden. „Der ist aufwendig und teuer“, erklärt die Tierschützerin. Im Falle von Rocco hatte die Familie nicht reagiert; es folgten Abmahnungen durch den Landkreis. Die Androhung einer Strafzahlung von 10000 Euro stand im Raum.

Im Stich gelassen

Vor wenigen Wochen erlitt Rocco dann einen Autounfall. Er wurde zu einem Lingener Tierarzt gebracht, der sich kurz darauf an das Tierheim wandte, da Roccos Halter ihm zu verstehen gegeben hatten, dass sie das Tier nicht zurückhaben wollten. „Rocco hat bei der Familie gelebt, seit er ein Welpe war. Dass er jetzt im Stich gelassen wird, ist sehr schlimm für ihn“, findet Rolfes. Da sich das Tierheim in erster Linie dem Wohl des Hundes verpflichtet fühlte, haben sich die Tierschützer von der Familie die Eigentumsübertragung geholt. „Es würde sich wohl sonst niemand um Rocco kümmern“, erläutert sie die zurzeit einzig mögliche Lösung.

Enttäuscht von Familie und Landkreis

Enttäuscht sind die Tierschützer aber nicht nur von der Familie, sondern auch vom Landkreis. „Wir haben in letzter Zeit öfter Meldungen des Landkreises über Tiere mit Gefährlichkeitseinstufung erhalten. Was uns daran so stört: Diese Einstufungen erfolgen offenbar ohne Ansicht des Hundes, sondern nur schriftlich beziehungsweise telefonisch. Allein die Anzeige von dritter Seite genügt wohl, damit ein Hund als gefährlich eingestuft wird.“

Landkreis weist Vorwurf zurück

Auf Nachfrage unserer Redaktion erklärte eine Sprecherin des Landkreises zu diesem Vorwurf: „wie in allen Fällen ist auch in diesem konkreten Fall nach einem Hinweis auf einen Beißvorfall das gesetzlich vorgeschriebene Prüfverfahren nach Paragraf 7 des Niedersächsischen Gesetzes für das Halten von Hunden (NHundG) durchgeführt worden. Das NHundG schreibt eine Inaugenscheinnahme nicht vor. Wenn bereits durch vorliegende Nachweise, wie zum Beispiel ärztliche oder tierärztliche Bescheinigungen, Fotos oder Zeugenaussagen, der Verdacht der Gefährlichkeit des Hundes belegt wird, ist eine persönliche Inaugenscheinnahme des betroffenen Hundes nicht erforderlich.“ Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht habe in mehreren Entscheidungen bestätigt, dass eine Gefährlichkeitsfeststellung in derartigen Fällen ohne Inaugenscheinnahme rechtmäßig sei. „Zu dem konkreten Fall ist anzumerken, dass der Hund ein siebenjähriges Kind attackiert, gebissen und an insgesamt vier Körperstellen verletzt hat. Durch Fotos und eine ärztliche Bescheinigung ist dies nachgewiesen“, sagte die Sprecherin des Landkreises.

Pflegestelle wäre optimal

„Im Falle von Rocco zum Beispiel kann ich sagen, dass es sich nicht um ein Tier handelt, von dem eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht“, kann die Zweite Vorsitzende des Tierschutzvereins das Vorgehen nicht nachvollziehen. „Wir bleiben dann auf den Tieren sitzen, denn wer möchte schon einen Hund mit Gefährlichkeitseinstufung übernehmen?“ Zudem versteht Rolfes nicht, dass vom damaligen Beißvorfall bis zum heutigen Autounfall der Landkreis geduldet hatte, dass die Halter nicht die geforderten Maßnahmen durchgeführt hatten. Denn, so ihre Ansicht, wenn Rocco wirklich so gefährlich sei, dann hätte es dem Landkreis nicht genügen dürfen, die Halter lediglich anzumahnen. Der Landkreis hätte eben auch die Öffentlichkeit wirksam vor dem Hund schützen müssen. Soviel zur Theorie. Dass Rocco praktisch gesehen nicht gefährlich ist, ist ihre Überzeugung. Und jetzt nach dem Unfall schon gar nicht mehr. „Dieser Hund wird sicherlich auf niemanden mehr zulaufen und ihn beißen“. Im Tierheim wartet der Mischling auf seine Operation. Wie es danach mit ihm weitergeht, ist ungewiss. „Für Rocco wäre eine Pflegestelle optimal.“


Gefährlichkeit eines Hundes

Rechtsgrundlage für die Prüfung der Gefährlichkeit eines Hundes ist § 7 des Niedersächsischen Gesetzes für das Halten von Hunden, kurz NHundG. Anzumerken ist, dass es im NHundG nicht - wie in anderen Bundesländern- eine Rasseliste mit gefährlichen Hunderassen gibt. Die Prüfung erfolgt im Einzelfall, wenn die Behörde einen Hinweis auf eine gesteigerte Aggressivität, wie z.B. einen Beißvorfall, erhält. Ergibt die Prüfung Tatsachen, die den Verdacht einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit rechtfertigen, so ist die Gefährlichkeit des Hundes festzustellen. Vor der Entscheidung erfolgt eine Anhörung und die Feststellung der Gefährlichkeit kann verwaltungsgerichtlich überprüft werden. Die Gefährlichkeitsfeststellung gilt dauerhaft. Ist die Gefährlichkeit eines Hundes festgestellt worden, benötigt der Halter eine Erlaubnis zur Haltung eines gefährlichen Hundes. Diese ist an Voraussetzungen des § 10 NHundG, wie Vollendung des 18. Lebensjahres, Sachkundenachweis, Wesenstest, Versicherung, etc., gebunden. (Quelle: Landkreis Emsland)