Kriminalstatistik 2017 Schläge, Tritte, Stalking: Häusliche Gewalt nimmt im Emsland zu

Von Julia Mausch

Die Zahl die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt nimmt im Emsland und der Grafschaft Bentheim zu, zeigt die Kriminalstatistik 2017. Symbolfoto: dpaDie Zahl die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt nimmt im Emsland und der Grafschaft Bentheim zu, zeigt die Kriminalstatistik 2017. Symbolfoto: dpa

Lingen. Jung, männlich, betrunken – in drei Worten zusammengefasst, spiegelt diese Beschreibung eines Täters das wieder, womit die Polizei im Emsland und der Grafschaft Bentheim täglich zu kämpfen hat. Auch die Zahl der Fälle wegen häuslicher Gewalt nimmt zu, wie die Kriminalstatistik 2017 zeigt.

Von wüsten Beschimpfungen, über Nachspionieren bis hin zu blauen Flecken oder gar schwerwiegenden Verletzungen: Gewalt in den eigenen vier Wänden ist ein großes Tabuthema. „Durchschnittlich sieben Jahre lässt eine Frau Gewalt über sich ergehen, bis sie den Mut packt, aus der Beziehung auszubrechen“, sagt Heinz Defayay. Defayay ist Kriminaldirektor der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim. Es ist Mittwochmorgen, als er zusammen mit Karl-Heinz Brüggemann, Leitender Polizeidirektor, im Besprechungsraum der Polizeiinspektion sitzt. Vor ihm: die Kriminalstatistik 2017.

Polizei war machtlos

965 Fälle häuslicher Gewalt wurden im vergangenen Jahr im Emsland und der Grafschaft Bentheim aktenkundig. 28 Fälle mehr, als noch im Jahr 2016. Beim Blick auf die Tabelle wird deutlich: Die Zahl steigt. Wurden 2008 insgesamt 630 Fälle registriert, waren es 2014 bereits 822. Nun ist die Zahl noch einmal gestiegen. Heinz Defayay und Karl-Heinz Brüggemann geben jedoch Entwarnung. Auf den ersten Blick sehe es zwar so aus, als nehmen die häuslichen Gewalttaten zu, es sei vermutlich aber nur die Zahl der Anzeigen, die mehr werden. „Ich gehe davon aus, dass es vor zehn Jahren genau so viele Körperverletzungen gegeben hat, sie wurden aber nicht zur Anzeige gebracht“, sagt Brüggemann. Frauen hätten damals – trotz zweier blauen Augen – abgestritten, dass ihnen Gewalt widerfahren sei. In solchen Fällen war die Polizei dann machtlos.

Gewaltschutzgesetz seit 2002

Das habe sich mittlerweile geändert, auch durch das 2002 eingeführte Gewaltschutzgesetz. Zudem vertrauen sich Frauen mittlerweile häufiger der Polizei an. Seit zwei Jahren gibt es laut Defayay in der Polizeiinspektion einen Gefährdungsatlas. Mutmaßliche Gewalttäter werden dort mit einem Punktesystem bewertet – eine Art Risikoanalyse. Unter anderem wird die Art der Verletzung des Opfers bewertet, geschaut, ob der vermeintliche Schläger vorher schon polizeilich in Erscheinung getreten ist oder ob er im Besitz einer Waffe ist. Je nachdem, wie viele Punkte er erreicht, wird dann zusammen mit anderen Behörden entschieden, ob beispielsweise ein Wohnungsverweis ausgesprochen wird. (Weiterlesen: So hat eine Emsländerin häusliche Gewalt erlebt)

Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt nimmt zu. Quelle: Polizeiinspektion Emsland - Grafschaft Bentheim/Foto: dpa/Jörg Lange/Grafik: NOZ/Heiner Wittwer

„Es gibt keine No-Go-Area im Emsland!“

Während die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt in der Statistik steigt, sinkt dagegen die Zahl der registrierten Straftaten im Allgemeinen kontinuierlich. Laut Karl-Heinz Brüggemann gab es 2017 den niedrigsten Stand registrierter Straftaten seit 2008 bei gleichzeitig gestiegener Aufklärungsquote. Ihm sei bewusst, dass das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen oftmals ein Anderes sei, dennoch könnten die Menschen in dieser Region mit einem guten Gefühl auf die Straße gehen. „Es gibt keine No-Go-Area im Emsland!“

25.890 registrierte Straftaten gab es im Jahr 2017 – im Emsland 17.772 Fälle, in der Grafschaft Emsland 8117. Auf 100.000 Einwohner kämen etwas mehr als 5000 Fälle. „Das sieht in anderen Regionen deutlich schlimmer aus“, sagt Brüggemann. In Osnabrück würden auf 100.000 Einwohner 10.000 Straftaten kommen, in Wilhelmshaven sogar 13.000.

Fälle im Zusammenhang mit Flüchtlingen

Mehr als 60 Prozent – genauer gesagt 62,67 Prozent – der Straftaten wurden im vergangenen Jahr aufgeklärt. Ein Anstieg im Vergleich zu 2016. Insgesamt 12.047 Tatverdächtige gab es im Emsland und der Grafschaft, davon 3900 nichtdeutsche Tatverdächtige. „Die Zahl ist höher als der Landesdurchschnitt“, sagt Heinz Defayay. Das würde mit der Nähe zu den Niederlanden zusammenhängen. Viele Niederländer wohnten im Emsland, hätten aber noch die niederländische Staatsbürgerschaft.

Thema Ausländer: Erstmals ging die Kriminalstatistik auf das Thema „Fälle im Zusammenhang mit Flüchtlingen“ ein. Insgesamt 479 Straftaten wurden 2017 durch Flüchtlinge begangen, seien es sogenannte Rohheitsdelikte wie Körperverletzung oder Raub (100), Diebstahl (137) oder Sexualstraftaten (20). Ein deutlicher Rückgang mit Blick auf das Jahr 2016. Damals verzeichnete die Polizei noch 918 Fälle.

Eine Straftat gegen das Leben findet sich in der Liste ebenfalls, die durch einen Flüchtling begangen wurde. Insgesamt summieren sich Mordversuche, Totschlag und fahrlässige Tötungen im Emsland und der Grafschaft Bentheim auf 26 Fälle. Die Polizei verzeichnete 2017 vier Mordversuche, von denen zwei nicht vollendet wurde. Sieben Totschlagsdelikte (einer vollendet) und 14 Fälle fahrlässiger Tötung.

Karl-Heinz Brüggemann, Leitender Polizeidirektor, hat zusammen mit Heinz Defayay, Kriminaldirektor der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim (von links), die Kriminalstatistik 2017 vorgestellt. Foto: Julia Mausch

352 Wohnungseinbrüche im Emsland

Im Emsland wurden 2017 insgesamt 352 Wohnungseinbrüche registriert, von denen rund 18 Prozent aufgeklärt wurden. In der Grafschaft waren es 158 Einbrüche, 24 Prozent der Taten wurden aufgeklärt. Inspektionsweit verzeichnete die Polizeidirektion Osnabrück einen überdurchschnittlichen Rückgang bei den Wohnungseinbrüchen. Ihre Zahl nahm um 26 Prozent auf 1806 Einbrüche ab, was einem Sechsjahres-Tief entspricht. Die Aufklärungsquote stieg unterdessen auf 24,3 Prozent. Die im Oktober 2016 eingerichtete 18-köpfige Ermittlungsgruppe zur Bekämpfung überregional agierender Einbrecherbanden, die eng mit Bundespolizei, BKA, Europol, NRW-Polizei und niederländischen Dienststellen zusammenarbeitet, konnte bereits sechs international agierende Täterbanden zerschlagen, rund 140 Taten aufgeklären, 35 Tatverdächtige ermitteln und 20 Personen festnehmen lassen. Viele Täter wurden bereits verurteilt, teilweise zu empfindlichen Haftstrafen von über fünf Jahren.

„Jung, männlich und besoffen“

Besondere Sorgen bereitet der Polizei das Phänomen der zunehmenden Gewalt gegen Polizeibeamte. 2017 bilanzierte die Inspektion ein Hoch von 121 Taten. „Nimmt man die Tatbestände Bedrohung, Landfriedensbruch, Körperverletzung, Beleidigung und Gefangenenbefreiung hinzu, kommt man für das Jahr 2017 auf 193 Ereignisse, bei denen Gewalt gegen Polizeibeamte ausgeübt wurde“, so Brüggemann. Drei Viertel dieser Fälle (75 Prozent) gingen auf das Konto von Tätern, die unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen standen. Zudem waren sie männlich (90 Prozent). Zitat Brüggemann: „Jung, männlich und besoffen.“