Mettbrötchen um 2.30 Uhr bei Ramona Bäckerei in Lingen-Biene macht Fastfood-Kette Konkurrenz

Meine Nachrichten

Um das Thema Lingen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Nach einer durchzechten Nacht trifft man sich in Holthausen-Biene in der Bäckerei Wintering bei Ramona Schmidt, der guten Seele der Filiale. Foto: Julia MauschNach einer durchzechten Nacht trifft man sich in Holthausen-Biene in der Bäckerei Wintering bei Ramona Schmidt, der guten Seele der Filiale. Foto: Julia Mausch

Lingen. Dass eine Bäckerei einem Fastfood-Restaurant den Rang abläuft, ist eher selten. Doch in Biene ist es der Fall. Nach einer durchzechten Nacht trifft man sich ab 2.30 Uhr bei Ramona Schmidt, der guten Seele der Bäckerei Wintering. Ein Besuch.

„Guten Morgen, Ramona“. Es ist 2.30 Uhr am Sonntagmorgen, als ein junger Mann die Tür der Bäckerei Wintering öffnet. Leicht schwankend, aber mit einem Lächeln im Gesicht geht er zum Tresen. „Wie immer?“, fragt Ramona Schmidt. Ein kurzes Nicken ist die Antwort. Schnell macht sie ihm zwei Mettbrötchen fertig. Ramona Schmidt kennt ihre Kunden in Holthausen-Biene – und vor allem ihre Kunden, die nachts in die Bäckerei auf dem Marktplatz kommen.

Geschäftsmodell oder Minus-Geschäft?

Seit mehr als zehn Jahren steht die 41-Jährige am Wochenende um kurz nach Mitternacht auf. Macht sich fertig, um knapp anderthalb Stunden später in der Bäckerei in der Ortsmitte von Holthausen-Biene zu stehen. Sie macht das Licht an, bereitet die Brötchen vor und um 2.30 Uhr dreht sie den Schlüssel an der Eingangstür um – der Arbeitstag, oder eher gesagt „-Nacht“ beginnt. Ein Brötchenverkauf um 2.30 Uhr? Aus kaufmännischer Sicht klingt dieses Geschäftsmodell zunächst wie ein Minus-Geschäft. Dass es das nicht ist, beweist ein Blick nach Biene.

Schichtarbeiter und Taxifahrer

Während Ramona Schmidt eine weitere Ladung Brötchen in den Backofen schiebt, geht die Tür auf. Da ist nicht nur der junge, wankende Mann, der nach der Party in der Disco Joker Heißhunger auf ein Mettbrötchen hat. Da kommt der Taxifahrer vorbei, der einen Kaffee braucht, die Schichtarbeiter, die kurze Zeit später ihren Dienst in der Raffinerie antreten müssen und die Männerclique, die Lust auf ein Abschluss-Bier hat. Der eine möchte ein Mettbrötchen, der andere lieber einen kalten Kakao. Nach und nach füllt sich die Bäckereifiliale. Es herrscht rege Nachfrage – und das hat Ramona Schmidt bereits vor zehn Jahren erkannt.

Arbeit wurde immer mehr

Um kurz vor sechs Uhr startete die gelernte Bäckereifachverkäuferin damals immer ihren Dienst. Eine normale Uhrzeit, doch für Ramona Schmidt eher ungünstig. Aufgrund der hohen Nachfrage in Biene, kam sie schlichtweg mit dem Brötchenbacken nicht hinterher. Sie fing früher an zu arbeiten. Erst eine halbe Stunde eher, dann eine Stunde. Es nützte nichts: Obwohl sie früher anfing, gab es immer noch Biener, die Hunger auf ein Brötchen hatten. „Irgendwann hab ich den Laden dann einfach schon um 2.30 Uhr geöffnet“, sagt Ramona Schmidt. Und was hat der Chef dazu gesagt? „Der wurde einfach vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt sie und muss lachen, als sie am Sonntagmorgen von ihren Anfängen berichtet.

Mettbrötchen sind in der Filiale der Bäckerei Wintering in Holthausen-Biene sehr beliebt. Foto. dpa

Frohnatur – auch um 2.30 Uhr nachts

Ramona Schmidt ist eine Frohnatur – auch um 2.30 Uhr nachts. Sie halte sich an den Spruch , der vor der Tür stehe, sagt sie. „Wir haben ein Lächeln für Sie“, steht am Eingang der Bäckerei. Nicht ein Werbeslogan der Bäckerei Wintering, sondern des einstigen Markant-Marktes, der sich bis Ende Februar 2018 ebenfalls in dem Gebäude der Familie Wintering befand, mittlerweile aber geschlossen ist. (Weiterlesen: Markant geschlossen: Wie geht es in Holthausen-Biene weiter?) Doch Ramona Schmidt bezieht den Spruch auch auf sich. Nach zehn Jahren habe sie sich an die ungewöhnlichen Uhrzeiten gewohnt. Und ihre Familie auch.

Schweigepflicht wie beim Arzt

Freitags und samstags geht die gebürtige Bienerin, die mittlerweile seit 22 Jahren bei Wintering arbeitet, schon um kurz nach acht Uhr schlafen. Beim Fernsehschauen auf der Couch. „Würde ich ins Bett gehen, würde ich verschlafen“, sagt sie. Ein Problem hat sie auch, wenn sie mal ausschlafen will. Das ist ihr Körper nicht mehr gewohnt, hat sie festgestellt, als sie vergangene Woche zwei freie Tage hatte. Plötzlich war sie um 5 Uhr wach und konnte nicht mehr schlafen. Was tun? „Ich bin aufgestanden und hab Fenster geputzt“, erzählt sie und grinst.

Sie liebt ihre Kunden

Feten mit Freunden am Wochenende fallen für Schmidt flach, doch „das Gefühl, etwas zu verpassen“ hat sie nicht, sagt sie. Ramona Schmidt liebt ihren Job. Sie liebt ihre Kunden, auch wenn diese nach der Partynacht angeheitert in der Bäckerei aufkreuzen. Im Suff einen Streit anzetteln? Das kommt selten in der Bäckerei vor. „Ich habe mit der Polizei gedroht und die Streithähne nach Hause geschickt, dann war Ruhe.“ Auch Beziehungsdramen hätte es schon gegeben, oder Kunden, die kurzerhand nach dem Frühstück mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen sind. Die Eltern des Schlafenden wurden angerufen – in Biene kennt man sich. Der Mann wurde abgeholt und so vermutlich vor einem peinlichen Erwachen bewahrt. Wer der müde Kunde war? Darüber schweigt Ramona Schmidt. Tratschen gehört sich für die Verkäuferin nicht. „Ich verfahre wie ein Arzt und halte mich an die Schweigepflicht.“

Bäckerei mit Zapfanlage

Einer der Gründe, warum Ramona Schmidt auch gerne als Kummerkasten benutzt wird. Die Kunden sich nach der Schicht oder nach der Party an den Tresen setzen und bei ihr dann nicht nur einen Kaffee trinken, wie es in einer Bäckerei üblich ist, sondern ein Bierchen. Eine Besonderheit in Biene. Dort ist die einzige Wintering-Filiale, die eine Zapfanlage hat. „Das war der Wunsch des Chefs“, sagt Ramona Schmidt. Gemeint ist der mittlerweile verstorbene Seniorchef Heinz-Georg Wintering, dem es wichtig war, dass sich die Fußballspieler des SV Holthausen-Biene dort nach einem Spiel treffen. Die Bäckereifiliale zum Treffpunkt für den Ort wird. Heute, ist durch Ramona Schmidt die Bäckerei nicht mehr nur Treffpunkt nach den Fußballspielen, sondern auch nachts, wenn es heißt. „Mettbrötchen bei Ramona“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN