Buch zur Geschichte der Emslandlager Der Bagatellisierung der Vergangenheit entgegenwirken

Von Margrit Lehmkuhl-Wiese

Ein Stück Erinnerungskultur: Die Geschichte der Emslandlager wurde differenziert aufbereitet und begreifbar gemacht Foto: Lehmkuhl-WieseEin Stück Erinnerungskultur: Die Geschichte der Emslandlager wurde differenziert aufbereitet und begreifbar gemacht Foto: Lehmkuhl-Wiese

Lingen. Gerade angelaufen in den bundesweiten Kinos ist „Der Hauptmann“ von Regisseur Robert Schwentke, eine auf wahren Ereignissen beruhenden Geschichte um den jungen Gefreiten Willi Herold.

In den Wirren der letzten Wochen vor Kriegsende findet der 19-Jährige eine Hauptmannsuniform, streift sich mit der ranghohen Verkleidung auch die Rolle eines Befehlshabers über und verfällt nach und nach dem Rausch der Macht und des Mordens, unterstützt von willigen Mittätern. Schauplatz: das Emsland und seine Lager. Eine Fiktion? Nein! Wer es genauer wissen will, kann es in dem nun von Mitherausgeberin Dr. Andrea Kaltofen im Professorenhaus vorgestellten Buch „Hölle im Moor – Die Emslandlager 1933 – 1945“ nachlesen und die historische Einbettung der Vorgänge kennenlernen.

Begleitband zur Ausstellung in Esterwegen

Die Veröffentlichung ist der Begleitband der Ausstellungen in der seit 2011 bestehenden Gedenkstätte Esterwegen und wurde vom Historiker und Vorsitzenden der Gedenkstättenstiftung Esterwegen Bernd Faulenbach gemeinsam mit der Stiftungs-Geschäftsführerin Kaltofen, Landkreis Emsland, herausgegeben. 20 Autoren haben ein facettenreiches Bild des Schreckens, beruhend auf abgesicherten Forschungsergebnissen, entwickelt.

Täter werden benannt

Das Buch gibt auf 375 Seiten einen fundierten Überblick über die frühen, der SS unterstellten Konzentrationslager im Emsland von 1933 bis 1936, die der NS-Justiz unterstellten Strafvollzugslager und die Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht von 1939 bis 1945, so Kaltofen.

Insgesamt gab es im Emsland 15 Lager und in der Grafschaft Bentheim 3. Gefangen gehalten wurden nach bisherigen Forschungen 10000 KZ-Häftlinge, da-runter in der Mehrzahl politische Gegner des Nationalsozialismus, aber auch andere Verfolgte wie Menschen jüdischen Glaubens, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, 70000 Strafgefangene, wie auch sich im Widerstand Befindende aus ganz Europa, Kriegsgegner und Deserteure. Mehr als 20000 Menschen kamen zu Tode.

Opfer bekommen ein Gesicht

Lesenswert, so wurde es schon in den Erläuterungen Kaltofens deutlich, ist das Werk, weil es von Menschen handelt. Die Opfer bekommen in der Ausstellung und dem Buch ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte. Aber auch die Täter werden benannt. Das wird zu Recht als wichtig angesehen, obwohl das Gedenken an negative Vergangenheit schmerzlich und konfliktreich sei, denn es bezieht sich auf unsere moralisch-ethischen Grundfragen.

Gut besuchte Veranstaltung

Dies wurde auch in der gut besuchten Veranstaltung, organisiert von Heimatverein und Stadtbücherei Lingen, durch Rückfragen deutlich. Wie könne es sein, dass die Existenz der Lager nicht stärker von der einheimischen Bevölkerung beachtet wurde oder die anhand von Fotos auftretenden Fragen an die Vätergeneration und deren Verstrickung?

Wissen erhalten

Kaltofen erläuterte ebenfalls anhand des Bandes die Problematik, dass es in absehbarer Zeit keine so kraftvoll wirkenden Schilderungen persönlichen Erlebens mehr geben wird. Zeitzeugenaussagen, Bilder und Lebensgeschichten auch über den Krieg hinaus, strafrechtliche Aufarbeitung der Täterhandlungen, dieses Wissen dürfe nicht verloren gehen, denn die junge Generation stelle Fragen. Deshalb kann nur eine umsichtige Erinnerungskultur durch Ausstellungen und Bücher einer Bagatellisierung der Vergangenheit entgegenwirken.

Das hochwertig illustrierte, gut lesbare Buch gibt es in Buchhandlungen und der Gedenkstätte für 24,90 Euro .