Individuelle Lösungen finden Schutzhaus in Lingen lässt Frauen nicht allein

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Ein Mann schlägt auf eine Frau ein. Szenen wie diese gestellte kommen immer wieder auch in der Region um Lingen vor. Symbolfoto: Carola AlgeEin Mann schlägt auf eine Frau ein. Szenen wie diese gestellte kommen immer wieder auch in der Region um Lingen vor. Symbolfoto: Carola Alge

Lingen. Nach Recherchen des NDR sind im Jahr 2017 in Niedersachsen insgesamt 2600 hilfesuchende Frauen von Frauenhäusern mangels Plätzen abgewiesen worden. In einem Gespräch mit der Redaktion erläuterten Mitarbeiterinnen des SKF, wie sich die Situation in Lingen darstellt.

„Wir brauchten bislang noch niemanden aus dem Emsland abweisen“, berichtet Monika Olthaus-Göbel. Die Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF) leitet das Haus seit 1986, kennt viele Biografien und hat ebenso viele Schicksale miterlebt. Falls wirklich einmal jemand keinen Platz bekommt, gibt es dafür entsprechende Gründe, weiß sie aus Erfahrung. „Wenn eine Suchtproblematik wie Alkohol Drogenanhängigkeit vorliegt , finden wir eine andere Lösung für die Betroffenen“, erklärt sie. Auch wenn jemand obdachlos ist, wird nach einer alternativen Unterkunft, wie beispielsweise an der Rheiner Straße, gesucht.

Haus für Frauen, die Gewalt erfahren haben

„Die Indikation ist eindeutig“, betont auch Geschäftsführerin Marita Theilen. „Das Schutzhaus ist für Frauen und Kinder, die Gewalt erfahren haben.“ Doch wie jedes Schicksal einzig sei, gebe es immer wieder individuelle Lösungen. So nannte Olthaus-Göbel das Beispiel einer Frau, die am Telefon für sich und ihre Kinder um Hilfe bat, nachdem sie geschlagen worden war. „Nachdem wir verschiedene Möglichkeiten durchgesprochen hatten, ging die Frau schließlich zur Polizei und zeigte ihren Mann an.“ Unmittelbar darauf sprachen die Beamten einen sogenannten Platzverweis gegen den Mann aus, der die gemeinsame Wohnung verlassen musste und sie bis zu 14 Tage nicht mehr betreten durfte. So konnten Frau und Kinder zuhause in der gewohnten Umgebung bleiben.

Austausch mit den Frauenhäusern der Nachbarstädte

„Es kann aber auch genau anders herum laufen. Wenn die Angst vor dem gewalttätigen Partner so groß ist, dass die Betroffenen ihrem Peiniger komplett aus dem Weg gehen wollen, nehmen wir in Ausnahmefällen schon mal Hilfesuchende aus Meppen auf“, berichtet Frau Olthaus-Göbel, die sich freut, auf ein großes Netzwerk unterstützender Einrichtungen zurückgreifen zu können. Denn mit den Frauenhäusern aus den Nachbarstädten Meppen, Nordhorn und Bersenbrück besteht ein reger Kontakt und Austausch.

Gewaltschutzgesetz

Als „Meilenstein“ in der Entwicklung war nach Ansicht von Marita Theilen die Verabschiedung des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002, das häusliche Gewalt als Straftat einstuft. „Das hat uns ganz andere Möglichkeiten eröffnet“, so die Geschäftsführerin. Damit einher ging auch die Einrichtung der Beratungs- und Interventionsstelle (BISS), wo Frauen sich Unterstützung und Informationen holen können.

„Der Bedarf war von Anfang an da“

Seit 1979 hält die Stadt Lingen bereits Wohnungen für schutzbedürftige Frauen vor. „Damit war Lingen nach Hannover die zweite Stadt mit einer solchen Einrichtung in Niedersachsen“, freut sich die SKF-Vorsitzende Irene Vehring über dieses Angebot. „Der Bedarf war von Anfang an da“, berichtet Marita Theilen. Zahlen, die in den letzten Jahren recht konstant geblieben sind, belegen die Notwendigkeit. So wurden 53 Frauen und 46 Kinder im Jahr 2015 aufgenommen, ein Jahr später waren es je 54 Frauen und 54 Kinder und im vergangenen Jahr suchten 46 Frauen mit 59 Kindern hier Zuflucht. Dabei haben die zahlreichen Flüchtlinge, die in den vergangenen zwei Jahren nach Lingen gekommen sind, zu keiner Veränderung in der Belegungszahl geführt.

Schwere Knochenbrüche

„Diese Zahlen zeigen auch, dass für eine Stadt in der Größenordnung Lingens acht Plätze für Frauen ausreichend sind“, betont Marita Theilen. Dabei spiele auch die Verweildauer eine Rolle. Durchschnittlich verbringen die Frauen 36 bis 41 Tage in der Einrichtung. „Diese Zeit wird aber auch benötigt, um mit den Frauen eine Perspektive zu entwickeln, wie es für sie und ihre Kinder weitergehen soll“, berichtet Olthaus-Göbel. Denn „schließlich kommen zu uns keine Frauen, die nur eine Ohrfeige bekommen haben. Eine Frau hatte schwere Knochenbrüche erlitten. Sie musste erst einmal stationär in Krankenhaus“, erinnert sich die Sozialpädagogin.

Spirale durchbrechen

Bitter für sie ist die Erfahrung, dass manche Frauen, die heute kommen, vor vielen Jahren schon als Kinder da waren. „Ich hoffe, dass es uns jetzt besser als früher gelingt, diese Spirale zu durchbrechen, weil wir jetzt gezielter mit den Kindern arbeiten. Denn auch sie haben durch die Brüche zwischen ihren Eltern ebenfalls seelische Blessuren davongetragen. In der SKF-Beratungsstelle Kompass werden Kinder und Jugendliche beraten, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) hatte sich angesichts der vom NDR recherchierten Zahlen für einen Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz ausgesprochen. Das mochte Irene Vehring nicht so stehen lassen. „Statt Recht auf einen Platz, sollte man den Frauen das Recht auf Hilfe zusichern“, schlug sie vor. Denn für jede Frau gebe es eine individuelle Lösung.

Quelle: SKF • Grafik: NOZ/Heiner Wittwer

Das Lingener Frauen- und Kinderschutzhaus ist rund um die Uhr unter 0591/4129 erreichbar.


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