Stadt Lingen hat Pläne Leerstände: Wie sieht die Zukunft der Großen Straße aus?

Von Julia Mausch


Lingen. Das Huesmann-Gebäude ist leer, der Italiener in der Hutmachers Deele ist ausgezogen, die Classic Lounge und Hjørne sind ebenfalls geschlossen. In der Großen Straße in Lingen herrscht Leerstand. Der Schein trügt, sagt die Stadt Lingen.

Die beste Einkaufslage in Lingen ist die Lookenstraße zwischen dem Einkaufszentrum Lookentor und dem Marktplatz. Fachgeschäfte sind dort zwar zu finden, jedoch wenige. Filialisten bestimmen das Straßenbild – seien es Modeketten wie H&M oder Drogisten wie DM.

Finanzielle Einbußen

Einzelhandel in kleinteiliger Form gibt es dagegen an der Großen Straße, auf der anderen Seite des Marktplatzes. Alteingesessene Kaufleute, wie die Inhaber der Woll- und Wäschetruhe oder das Schuhhaus Albers. Mittendrin ist die Druckagentur Harmeling. 125 Jahre gibt es das Geschäft. „Wenn ich könnte, wäre ich nächstes Jahr weg“, sagt Inhaber Volker Blankenstein. Seit gut einem Jahr bemerke er finanzielle Einschnitte. Das Weihnachtsgeschäft, bei dem Kaufleute generell den stärksten Umsatz machen, sei ernüchternd gewesen. Nachbar Milan Heidkamp von der Modeboutique „Sie & Er“ sieht es ähnlich. Die meisten Kunden kamen zuletzt nicht in der Weihnachtszeit, stattdessen im Sommer. Es waren Touristen.

Plakataktion soll Augen öffnen

Warum die Lingener laut Heidkamp mit Scheuklappen durch die Große Straße laufen, wissen die beiden Kaufmänner nicht. Dafür aber, wohin es führt: zu Leerständen. Das Huesmann-Gebäude ist leer, die Shisha-Bar Classic Lounge und die Boutique Hjørne sind geschlossen, der Italiener in der Hutmachers Deele ist ausgezogen, ebenso der Deutsch-Arabische Kulturverein aus dem Haus am Ende der Großen Straße. (Weiterlesen: Hutmachers Deele verliert Mieter)

Was wäre, wenn Blankenstein und Heidkamp nun auch noch die Reißleine zögen, ihr Geschäft schließen würden? Das wollen die Kaufleute den Lingenern mit einer besonderen Aktion vor Augen führen. Von Freitag bis Montag verkleben sie und weitere Geschäftsleute aus der Großen Straße die Schaufenster und symbolisieren so Leerstand. Die Ware ist nicht mehr zu sehen, stattdessen Argumente für Fachhändler, sei es individuelle Öffnungszeiten oder die persönliche Beratung.

Foto: Julia Mausch

Große Straße eine Geisterstraße?

Die Große Straße eine Geisterstraße? So weit wird es nicht kommen, betont Ludger Tieke. „Der Schein trügt“, sagt der Fachbereichsleiter Wirtschaftsförderung und Liegenschaften. Derzeit herrsche Leerstand, doch es sei eine Momentaufnahme. Das Huesmann-Gebäude sei bereits wieder vermietet. Dort zieht laut Citymanagerin Nadine Thale Mitte Mai die Fitnessstudio-Kette „Easy-Fitness“ ein. Mit einem Existenzgründer, dessen Name noch nicht genannt werden soll, ist bereits ein Mietvertrag für die einstigen Räume des Deutsch-Arabischen Kulturvereins geschlossen worden. Für die Boutique Hjørne gibt es einen Interessenten und auch Hutmachers Deele bekommt demnächst eine neue Gastronomie.

„Kleinvieh macht auch Mist“

Die Plakat-Aktion finden Thale und Tieke dennoch gut, da sie für Aufmerksamkeit sorgt. Und so die Lingener vielleicht in die Große Straße zieht. In die Straße, die sich laut Tieke „nicht verstecken muss“. Das sieht auch Kauffrau Stephanie Albers aus dem gleichnamigen Schuhgeschäft so, doch war es zur Weihnachtszeit so – unfreiwillig. Der Weihnachtsbaum, den die Stadt auf dem Weihachtsmarkt direkt neben das alte Rathaus aufgestellt hat, sei ein „Monstrum“ gewesen und habe die Sicht auf die Große Straße blockiert. Gleiches geschieht in den Augen der Kaufleute auch im Sommer, wenn Feste auf dem Marktplatz sind. Dann werde die Sicht auf die Straße nicht durch Tannen blockiert, sondern durch Konzertbühnen. Es sind Kleinigkeiten, sagt Albers, doch: „Kleinvieh macht auch Mist.“

Es ist die Straße der Fachgeschäfte, so bezeichnen die Kaufleute die Große Straße in Lingen. Foto: Julia Mausch

Umsatz vor zehn Uhr

Albers und auch Blankenstein und Heidkamp wünschen sich mehr Austausch mit der Stadt, wie die Planung von Events. Austausch ist wichtig, sind sich Nadine Thale und Ludger Tieke einig, dennoch seien sie nicht allein für die Entwicklung der Großen Straße verantwortlich, sondern sind auch die Immobilien-Besitzer und Kaufleute vor Ort gefragt, sich zu engagieren. Dem stimmt Heinz Pohl, Mit-Inhaber der Woll- und Wäschetruhe und einer der Sprecher der Straße, zu. Unregelmäßig fänden Aktionen statt, ob Weihnachtsbeleuchtung oder Frühlingsblumen vor dem Geschäft. Vor allem würden sich Fachgeschäfte mit adäquater Beratung behaupten und die, die sich nach den Wünschen der Kunden richten. „Seit wir gemerkt haben, dass es zu spät ist, erst um 10 Uhr zu öffnen, öffnen wir um 8.45 Uhr“, sagt Pohl. Auf den Umsatz wolle man nie mehr verzichten.


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