NABU-Tagung im Emsland Lingener Erklärung zum Streuobstbau verabschiedet

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Lingen. Streuobstwiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen aus Menschenhand. Aber sie haben ein Problem: Ihre Erhaltung ist aufwendig und teuer, ihr Betrieb oft wenig rentabel. Der Naturschutzbund Deutschland hat jetzt in Clusorth-Bramhar eine bundesweite Tagung veranstaltet mit dem Ziel, Situation und Erlöse der Streuobstbauern zu verbessern.

Dass zur Tagungseröffnung sogar Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) ins Haus der Vereine in Clusorth-Bramhar gekommen war, mag die Bedeutung der bunten Wiesen mit ihren Hochstammobstbäumen unterstreichen. Im Emsland sind sie traditionell seltener als in Süddeutschland – bundesweit soll diese Art des Obstanbaus aber auf rund 300.000 Hektar Fläche betrieben werden. Genaue Zählungen gibt es nicht.

Dass die Tagung mit rund 70 Teilnehmern aus ganz Deutschland ausgerechnet in Clusorth-Bramhar stattfand, ist dem Engagement des Hofes Krone-Raue zu verdanken, der seit mehr als zehn Jahren mit seinem Apfelfest Tausende Besucher anlockt und Säfte aus Streuobstwiesen verkauft, die inzwischen vom NABU zertifiziert worden sind.

Die Tagung „Mehr Genuss als Verdruss – zur Zukunft des Streuobstbaus“ beschäftigte sich unter anderem mit Aufpreismodellen. Dabei erhalten die Obstbauern von den Saftmostereien Aufpreise für ihre Waren, die an die Käufer der Endprodukte weitergegeben werden. So soll sich der Streuobstbau so weit lohnen, dass die Hochstammbäume erhalten werden.

Denn das war jahrzehntelang nicht der Fall, wie Umweltminister Lies und Landrat Reinhard Winter berichteten. Etwa ab Mitte der 1960er Jahre galten die Bäume wegen des hohen Ernteaufwandes als unwirtschaftlich und der Staat zahlte Abholzungsprämien.

Ausgleichsmaßnahmen

Das sei richtigerweise heute anders geworden, sagte Olaf Lies. Vielfach habe man neue Streuobstwiesen als Ausgleichsmaßnahmen angelegt – nun komme es darauf an, sie auch zu erhalten und zu nutzen. Er regte an, Streuobst auch im Schulobstprogramm zu verwenden und nicht nur in diesem Fall den Gleichklang von Ökologie und Ökonomie zu schaffen. „Uns geht es wirtschaftlich gerade extrem gut. Wann, wenn nicht jetzt sollen wir das schaffen.“

Reinhard Winter stellte fest, dass Obstbaumwiesen einst auch im Emsland zum Ortsbild gehörten, aber vielfach dem Strukturwandel zum Opfer gefallen seien. Hier steuere man seit vielen Jahren gegen – etwa durch ein Förderprogramm. „Geld dafür ist da“, sagte er. Außerdem gebe es zahlreiche Projekte wie den Hof Krone-Raue, die Restaurierung des Obstgartens am Schloss Clemenswerth, die Obstbaumallee in Freren oder das Mundraub-Projekt im Hasetal.

Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone und Ortsbürgermeister Dieter Krieger freuten sich ebenfalls über die Gäste aus ganz Deutschland und einen beeindruckenden Bildvortrag des Harener Naturfotografen Erhard Nerger.

Tagungsleiter war Markus Rösler, Sprecher des NABU-Bundesfachausschusses Streuobst und Landtagsabgeordneter der Grünen in Baden-Württemberg. Er berichtete, es gebe noch rund 300.000 Hektar Streuobstwiesen in Deutschland und 3000 Obstsorten, aber nur noch 30 Pomologen, also Obstkundler, die einzelne Sorten bestimmen könnten. Um 1950 hatte es rund 1,5 Millionen Hektar Streuobstwiesen in Deutschland gegeben, so viel wie heute in ganz Europa.

19 Forderungen

Den Abschluss der Tagung bildete die sogenannte „ Lingener Erklärung zum Streuobstbau “. Darin fordern die Aufpreisvermarkter korrekte Angaben zum Obstbau. Bislang existieren demnach nur unvollständige Zahlen, die nur den Plantagenobstbau betreffen. Die Anbaufläche für Baumobst in Deutschland liegt demnach bei insgesamt 350000 Hektar. Davon sind nach NABU-Schätzungen 300000 Hektar Streuobstbestände und 50000 Hektar Plantagenobst.

Insgesamt 19 Forderungen werden formuliert, darunter ein Streuobst-Kompetenz-Zentrum des Bundes, die Umsetzung der nationalen Biodiversitätsstrategie mit dem Ziel, die Streuobstbestände um zehn Prozent auszuweiten oder die bundesweite Unterschutzstellung der Streuobstbestände.


Streuobstwiesen sind wieder in Mode – überall in Deutschland werden neue angelegt. Aufgrund ihres dramatischen Flächenverlustes in der Vergangenheit und wegen Überalterung mancher Bestände gelten sie dennoch als extrem gefährdet. Aber was genau ist eine Streuobstwiese?

Das haben einige Experten der Lingener Tagung beantwortet. Tagungsleiter Markus Rösler berichtete, gemeinhin verstehe man darunter „Hochstamm-Obstbau ohne Einsatz von Chemie“.

Einst gehörten die bunten Baumwiesen zu jedem Dorf, da sie den Eigenbedarf an Obst sicherten. Heute findet man sie hauptsächlich in Bayern und Baden-Württemberg. Umweltschützer interessieren sich wegen der extrem hohen Artenvielfalt für Streuobstwiesen. Mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten leben auf Altbeständen.

Uwe Rieken vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn erklärte das damit, dass die Urlandschaft in Mitteleuropa vermutlich aus einer halboffenen Weidelandschaft bestand, in der große Grasfresser die Wälder auflichteten. Diesem Lebensraum entspreche die Hochstammobstwiese zum Teil, so dass viele Tier- und Pflanzenarten dieses „Wald-Weide-Mischsystem“ als Ersatzlebensraum angenommen hätten.

Rieken erläuterte, das Streuobstwiesen trotz ihrer Renaissance durch den Naturschutz stark gefährdet seien, unter anderem durch Aufgabe der Nutzung, mangelnde Pflege, Intensivierung oder Belastung mit Stickstoff. Neu angelegte Wiesen benötigen viele Jahre, bis sich ihr Artenreichtum den Altbeständen auch nur angenähert habe. Und wo die Landschaft bereits verarmt ist, haben es potenziell hier lebende Arten schwer, weil sie nicht mehr vorhanden sind.

Hoffnung mag der wachsende Markt für den Bioanbau von Obst machen. Denn wie Ursula Schockemöhle von der Agrarmarketing Informationsgesellschaft Hamburg berichtete, ist der Anteil der Bioflächen im Streuobstanbau von 2000 bis heute von 6000 auf 22000 Hektar gestiegen.

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