Terrorverdacht über den Wolken Kernkraftwerk Lingen geräumt: „Renegade“-Vorarlarme nicht selten

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Mitte Februar 2018 wurde ein „Renegade“-Fall ausgelöst. Das Kernkraftwerk in Lingen musste geräumt werden. Foto: Friso Gentsch/dpaMitte Februar 2018 wurde ein „Renegade“-Fall ausgelöst. Das Kernkraftwerk in Lingen musste geräumt werden. Foto: Friso Gentsch/dpa

Lingen. Wegen des Verdachts einer möglichen Flugzeugentführung sind Mitte Februar die Kernkraftwerke Emsland, Grohnde und das bereits stillgelegte Kraftwerk Unterweser kurzzeitig geräumt worden. Es war ein sogenannter „Renegade“-Fall.

Es war der 19. Februar 2018, als die Mitarbeiter des Kernkraftwerks Emsland (KKE) um kurz nach 8 Uhr die Mitteilung erhielten, dass das Kernkraftwerk geräumt werden muss. Der Grund: ein „Renegade-Voralarm“. „Renegade“ bezeichnet die Situationen, in denen möglicherweise ein Luftfahrzeug aus terroristischen oder anderen Motiven als Waffe verwendet werden könnte. In solchen Fällen erhalten alle deutschen Atomkraftwerke einen Voralarm. Ausgenommen sind laut dem Bundesinnenministerium Kernkraftwerke in der Stilllegung ohne nukleares Inventar. (Weiterlesen: Notfallpläne für Atomunfall in Niedersachsen sind veraltet)

„Es war eine Räumung, keine Evakuierung“

Dieser Voralarm ging am 19. Februar auch in dem Kernkraftwerk in Lingen ein, nachdem nach aktuellem Stand ein Pilot einer Lufthansa-Maschine statt des Notsignals für Funkprobleme den Code für eine Flugzeugentführung eingegeben hatte. Ein simpler Tippfehler. Per Lautsprecher wurden Mitarbeiter zum Schutz aufgefordert, das Gelände zu verlassen. „Es war eine Räumung, keine Evakuierung“, betont KKE-Pressesprecherin Anna-Lena Meyer. (Weiterlesen: So sieht es im abgeschalteten Kernkraftwerk in Lingen aus)

Überprüfung nach Nuklearkatastrophe von Fukushima

Die Anlage sei zu keinem Zeitpunkt unbeaufsichtigt gewesen und auch nicht abgefahren worden sein, sagt Meyer. Denn ausgenommen von der Räumung war Warte- und Schichtpersonal sowie Mitarbeiter mit sicherheitstechnischen Aufgaben. Laut Meyer ist das Kernkraftwerk Emsland drauf ausgelegt, auch im Fall der Fälle Flugzeugabstürzen standzuhalten, das habe eine Reaktor-Sicherheitskommission nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 in Folge von Sicherheitsüberprüfungen bestätigt. Zusätzlich seien die Sammelstellen für die Mitarbeiter bei einer Räumung so ausgelegt, dass sie im Fall der Fälle vor Kerosin-Bränden geschützt sind. Die Sammelstelle liegt außerhalb der Anlage.

Hintergrund: Terroranschläge vom 11. September 2001

Das Kernkraftwerk selbst überwacht nicht den Luftraum, dafür ist das Nationale Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum zuständig. 2003 wurde es in der Gemeinde Uedem (Kreis Kleve) in Nordrhein-Westfalen eingerichtet, um den Luftraum vor solchen Bedrohungen zu schützen. Hintergrund sind die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA sowie ein Irrflug eines Kleinflugzeuges in Frankfurt Anfang 2003.

Das Kernkraftwerk selbst überwacht nicht den Luftraum, dafür ist das Nationale Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum zuständig. Grafik: Heiner Wittwer

221 sogenannte „Lost Com-Fälle“

Sogenannte Voralarme sind nicht selten, sagt Lisa Häger, Pressesprecherin des Bundesinnenministeriums. Das bestätigt auch das Nationale Lage- und Führungszentrum „Sicherheit im Luftraum“ (NLFZ SiLuRa). Laut Oberstabsfeldwebel Klaus Sattler vom Zentrum Luftoperationen gab es im vergangenen Jahr 221 sogenannte „Lost Com-Fälle“. „Lost Com-Fälle“ sind zunächst keine „Renegade“-Fälle. Es bedeutet, dass Luftfahrzeuge ohne Funkkontakt im kontrollierten Luftraum unterwegs sind. Durch Zahlendreher kann eine Unterbrechung des Kontaktes zustande kommen, wenn ein Pilot eine Funkfrequenz eingeben will. Das ist notwendig, wenn ein Flugzeug über eine der mehr als 80 Sektorengrenzen im deutschen Luftraum fliegt. Dann bekommt ein Pilot vom aktuellen Lotsen die Funkfrequenz für den kommenden Sektor. Auf dieser nimmt er Kontakt mit dem neuen Lotsen auf.

Fünf Minuten Zeit zu antworten

Gelingt dies innerhalb von fünf Minuten nicht und alle Möglichkeiten der Kontaktaufnahme waren erfolglos, wird das NLFZ informiert, damit die Situation im Luftraum aufgeklärt werden kann. Piloten in Kampffliegern starten, um mit den Piloten der betroffenen Flugzeuge via Handzeichen zu kommunizieren. Laut Klaus Sattler war das im vergangenen Jahr in etwa 15 Prozent dieser Fälle – insgesamt 33 Mal – notwendig.

Bei Notfällen, wenn Flugzeuge beschädigt sind oder vom Kurs abkommen, unterstützen die Kampfflieger bei der Landung.

„Renegade“-Alarm ausgelöst

Besteht der Verdacht einer möglichen Flugzeugentführung, wird ein „Renegade“-Alarm ausgelöst und deutsche Atomkraftwerke werden voralarmiert. Das war im Februar der Fall. Vor einem Jahr hatte es einen ähnlichen Fall gegeben. Weil der Funkkontakt zu einem indischen Flugzeug im März 2017 abgebrochen war, wurden vorsichtshalber sechs deutsche Atomkraftwerke geräumt – darunter ebenfalls das Kernkraftwerk in Lingen.


Wer steckt hinter dem NLFZ?

Das Nationale Lage- und Führungszentrum (NLFZ) ist eine ressortgemeinsame Einrichtung, in der Zuständigkeiten für die Sicherheit im deutschen Luftraum gebündelt sind. Das sind die Flugsicherung, in Verantwortung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale

Infrastruktur, vertreten durch die Deutsche Flugsicherung, die Gefahrenabwehr in Verantwortung des Bundesministeriums des Innern, vertreten durch die Bundespolizei, und der Einsatz der Alarmrotten in Verantwortung des Bundesministeriums der Verteidigung, vertreten durch die Luftwaffe.

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