Zu wenig Personal? Angehörige kritisieren Zustände im Alloheim in Lingen

Von Thomas Pertz


Lingen. Angehörige von Pflegebedürftigen haben schwere Vorwürfe gegen die Alloheim-Residenz im Emsauenpark in Lingen erhoben. Die Pflegeeinrichtung mit 90 Plätzen hatte im Mai 2016 eröffnet. Das Alloheim weist die Vorwürfe zurück.

Die inzwischen 92-jährige Mutter von Bernd Ruping gehörte bis vor Kurzem ebenfalls zu den Bewohnern. Das Haus hatte auf den Lingener zunächst einen guten Eindruck gemacht, ebenso der damalige Pflegedienstleiter, der die Einrichtung inzwischen verlassen hat. Ruping ist froh, dass er für seine Mutter einen Platz in einem anderen Wohnheim in Lingen gefunden hat. Ihr gehe es deutlich besser, sie nehme wieder am Geschehen um sie herum Anteil und spreche auch wieder, freut sich der Hochschulprofessor.

„Ich habe so eine Wut in mir“

Und wie war es vorher? Ruping und seine Frau Eva-Maria Renvert schildern, was sie während der regelmäßigen Besuche seiner Mutter im Alloheim erlebt und gehört haben. „Ich habe so eine Wut in mir“, fasst er seine Eindrücke zusammen: Personalmangel habe nach seiner Einschätzung von Anfang an geherrscht. Ständig seien Beschäftigte von Zeitarbeitsfirmen dort gewesen, die über die Bewohner nicht Bescheid gewusst hätten. Noch nicht einmal die Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Körperhygiene seien, wie er findet, abgedeckt worden. Sehr oft habe sie beispielsweise ihre Schwiegermutter auf der Toilette vorgefunden, ohne dass sich jemand um sie gekümmert hätte, schildert seine Ehefrau Eva-Maria Renvert. Weitere Angehörige von Pflegebedürftigen, die ihren Namen aber nicht in der Zeitung sehen wollen, bestätigen die Angaben des Ehepaares.

Mehrfach auf Zustände hingewiesen

Immer wieder hätten sie bei der Pflegedienstleitung, wenn denn eine da gewesen sei, auf diese Zustände hingewiesen, berichtet Ruping. Geändert habe sich nie etwas. Schlimm sei es auch wegen der häufig wechselnden Bezugspersonen für seine Mutter durch den Einsatz von Zeitarbeitskräften gewesen. „Meine Mutter muss regelmäßig trinken“, habe er einem von ihnen gesagt. „Davon weiß ich nichts“, habe er als Antwort erhalten.

Ruping: Häufiger Personalwechsel

Der Wechsel von Personal im Alloheim sei sehr häufig, die Stimmung schlecht, gibt Ruping seine Beobachtungen und Schlussfolgerung wieder. Es gab nach seinen Angaben offenbar keine oder nur höchst unzureichende Übergabeprotokolle. Eine Teamstruktur mit der entsprechenden Kommunikation untereinander sei nicht vorhanden gewesen. Ruping: „Kein Wunder, dass so eine Aufnahme von Beziehungen zu den Bewohnerinnen und Bewohnern kaum oder gar nicht stattfinden konnte.“

Nähe und Kontakt nur selten möglich

Einzige Ausnahme nach Angaben des Lingeners waren „die beiden Fachkräfte, die für über 40 Senioren zuständig waren und sich in den letzten Wochen, als meine Mutter noch im Heim war, die Arbeit teilten. Wenn‘s eben ging, suchten die Pfleger Nähe und Kontakt, was aber in der Fülle an drängenden Kernaufgaben nur selten möglich war.“

Die Vorgehensweise des Konzerns gehe auch zu Lasten des festangestellten Pflegepersonals, die nach ihrem Eindruck selbst auch Leidtragende und Opfer seien, betont Eva-Maria Renvert.

„Ich habe doch niemandem etwas getan“

Rupings Mutter war im Laufe der Zeit nach seiner Schilderung dort nahezu verstummt: „Sie redete kaum noch.“ Er sei sehr erschrocken gewesen, als er sie bei einem Besuch zur Seite gekippt auf dem Stuhl sitzen gesehen habe. „Ich habe doch niemandem etwas getan“, habe sie mit Blick auf fehlendes Personal zu ihm gesagt. Dem Sohn reichte es. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um einen anderen Heimplatz für seine Mutter in der Stadt zu finden. Seine Bemühungen waren erfolgreich.

Alloheim weist alle Vorwürfe zurück

Die Alloheim SE in Düsseldorf weist alle Vorwürfe, die Angehörige von Bewohnern der vom Unternehmen betriebenen Alten- und Pflegeeinrichtung in Lingen erhoben haben, als haltlos und unwahr zurück.

„Die Einhaltung des Pflegeschlüssels sowie eine Besetzung entsprechend des mit den Pflegekassen verhandelten Personalumfangs sind für das Alloheim verbindlich. Dies gilt selbstverständlich auch für Lingen“, teilte eine Sprecherin auf Nachfrage mit. Dort würden die Personalvorgaben jederzeit eingehalten. In jüngerer Zeit würde oft mehr Personal eingesetzt als vorgegeben. Dies sei aktuell der Fall. Zudem liege die Fachkraftquote seit einiger Zeit deutlich über dem gesetzlich geforderten Maß. Das Wohl der Bewohner und die Qualität der Pflege hätten, so die Sprecherin, für das Alloheim höchste Priorität. Daher sei das Alloheim bundesweit seit mehr als 40 Jahren als verlässlicher Anbieter für hochwertige Pflege bekannt.

Besuche sind „die Norm“

„Regelmäßige Besuche der Heimaufsicht sind bundesweit in allen Pflegeeinrichtungen die Norm“, erklärte die Sprecherin. Die jüngsten Prüfungen der Einrichtung in Lingen seien ohne nennenswerte Beanstandungen verlaufen. Zum Vorwurf der Personalfluktuation und des hohen Anteils an Zeitarbeitskräften äußerte sich Alloheim so: „Um eine hohe Pflegequalität sicherzustellen, greifen wir, falls erforderlich, auch auf Zeitarbeitskräfte zurück, zum Beispiel zum Ausgleich bei Krankmeldungen oder Urlaub.“

Eine Häufung von Beschwerden durch Angehörige der Bewohner habe es in den vergangenen Wochen nicht gegeben. „Im jüngsten Transparenzbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) vom Dezember 2017 wird der Einrichtung in beiden Kategorien sowie in der Gesamtbewertung mit 1,0 die Bestnote bescheinigt. Auch beim Prüfkriterium Bewohnerbefragung schneidet sie in dem MDK-Bericht mit der Bestnote 1,0 ab“, so die Sprecherin.


Alloheim

Die Alloheim Senioren-Residenzen SE gehört mit nach eigenen Angaben 165 stationären Pflegeeinrichtungen, 27 Einrichtungen mit betreutem Wohnen und 17 ambulanten Diensten zu den drei größten privaten Anbietern Deutschlands im Pflegebereich. 15500 Mitarbeiter sind nach Unternehmensangaben dort beschäftigt. Alloheim wurde 1973 gegründet und 2008 an die Investmentgesellschaft Star Capital Partners verkauft. 2013 wurde die Alloheim GmbH in eine europäische Aktiengesellschaft (SE) umgewandelt und an den Finanzinvestor Carlyle veräußert. Ende 2017 verkaufte Carlyle Alloheim an die schwedische Nordic Capital.wrog