Kriminalität hoch, Wasserqualität mangelhaft Forscher: Darum ist die Lebensqualität im Emsland schlecht

Meine Nachrichten

Um das Thema Lingen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das Magazin „Focus“ hat die Wirtschaftskraft und Lebensqualität aller 401 Landkreise in Deutschland verglichen. Das Emsland punktet bei Produktivität, schneidet in Sachen Lebensqualität allerdings schlecht ab. Symbolfoto: dpaDas Magazin „Focus“ hat die Wirtschaftskraft und Lebensqualität aller 401 Landkreise in Deutschland verglichen. Das Emsland punktet bei Produktivität, schneidet in Sachen Lebensqualität allerdings schlecht ab. Symbolfoto: dpa

Lingen. Das Magazin „Focus“ hat die Wirtschaftskraft und Lebensqualität aller 401 Landkreise in Deutschland verglichen. Das Emsland punktet bei Produktivität, schneidet in Sachen Lebensqualität allerdings schlecht ab. Forscher Wolfgang Steinle nennt die Gründe dafür.

Der Kölner Forscher Wolfgang Steinle hat mit seinem Team die Wirtschaftskraft aller 401 Landkreise in Deutschland verglichen. Während das Emsland sich 2015 beim Vergleich noch unter den Top 100 befand, hat sich der Landkreis 2018 um 100 Plätze verschlechtert. Damals Platz 98, drei Jahre später sackt er laut dem Ranking auf Platz 192 von 401 bewerteten Kreisen und kreisfreien Städten ab.

Zwar punktet der Landkreis Emsland bei Produktivität und Standortkosten. In der Kategorie Lebensqualität schneidet es aber schlecht ab. Hier reicht es nur für den 306. Platz. (Weiterlesen: „Focus“ untersucht Emsland: Produktivität top, Lebensqualität Flop?)

Neue Kriterien hinzugekommen

Doch sind die Zahlen der aktuellen Studie überhaupt vergleichbar mit den Daten aus der ersten Untersuchung im Jahr 2015? In den Augen des Landkreises nicht. Eine Erklärung für das schlechte Abschneiden im aktuellen Ranking vermutet Landrat Reinhard Winter darin, dass im Vergleich zu 2015 beim aktuellen Ranking weitere Kriterien Eingang gefunden haben, die die Unterschiede zu dem vorherigen Ranking verstärken. Dass Reinhard Winter mit seiner Vermutung recht hat, bestätigt nun Wolfgang Steinle im Gespräch mit unserer Redaktion. 2015 habe es noch zwölf Einzelindikatoren gegeben, im darauffolgenden Jahr wurde die Kategorie „Sicherheit und Lebensqualität“ mit sieben neuen Einzelwerten eingeführt. Im jetzigen Ranking sind zwei weitere Einzelindikatoren hinzugekommen. Ein Vergleich des Rankings 2015 mit dem von 2018 ist somit schwer, gibt auch Steinle zu. Die Kritik, dass in der Studie Zahlen aus 2015 aufgelistet sind und so zum Vergleich dienen, bezeichnet er „als berechtigt“.

Acht Indikatoren untersucht

Neu hinzugekommen sind die Indikatoren Verfügbarkeit und Verbreitung von schnellerem Internet sowie nachhaltige Trinkwasserqualität. Der Einzelindikator Trinkwasserqualität fällt in die Sparte „Lebensqualität“, der Kategorie, in der der Landkreis Emsland sein schlechtestes Ergebnis erzielt hat. Platz 306 von 401. Dort wurden neben den Wasserverhältnissen auch die Sicherheit (Straßenkriminalität und Wohnungseinbruchsdiebstahl), Nachwuchs (Arbeitskräftepotenzial der 10- bis unter 25-Jährigen), Gleichbehandlung von Männer und Frauen bei den Löhnen, Risiko der Altersarmut, Gesundheit (gemeldete Krankheitstage) und die Infrastruktur (kommunale Steuereinnahmen) untersucht. Freizeitangebote oder Mietpreise wurden nicht berücksichtigt. Steinle: „Wir haben versucht, die Zahl der Indikatoren möglichst klein zu halten.“

Wasserqualität: Platz 398

Die Trinkwasserqualität, genauer gesagt der Nitratgehalt im Sickerwasser, zählt zu den Hauptgründen, warum der Landkreis Emsland in der Kategorie „Lebensqualität“ so schlecht abschneidet. Nitrat ist eine Verbindung, die aus den Elementen Stickstoff und Sauerstoff besteht. Es kommt von Natur aus im Boden vor und ist für sich nicht gesundheitsgefährdend. Die Weltgesundheitsorganisation ist jedoch der Auffassung, dass mehr als 220 Milligramm Nitrat am Tag schädlich für den menschlichen Körper sind. Mit seinem Nitratgehalt landet der Kreis Emsland laut Wolfgang Steinle im Ranking auf dem 398. Platz. Nur drei Plätze davon entfernt, um das Schlusslicht unter den 401 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten zu sein. Zum Vergleich: Bremerhaven ist in der Kategorie „Lebensqualität“ das Schlusslicht, dennoch landet Bremerhaven in Sachen Trinkwasserqualität auf Platz 365.

Bankautomatensprengungen im Jahr 2016

Und auch in Sachen Sicherheit schneidet der Landkreis nicht gut ab: Das Emsland landet auf Platz 263 von 401 und hat sich laut Steinle „nicht mit Ruhm bekleckert“. Auf den ersten Blick ein durchschnittlicher Wert, doch laut Steinle ist bei einer ländlichen Region wie dem Emsland ein Platz zwischen 1 und 100 normal, schließlich sei das Emsland ja nicht Berlin. „Wir haben hier ein deutliches Nord-Süd-Gefälle festgestellt“. Die Zahl der Straftaten lag im Untersuchungszeitraum 2016 im nördlichen Emsland höher als im südlichen Emsland. Eine Erklärung dafür könnte womöglich die Serie von Bankautomatensprengungen im Emsland vor zwei Jahren gewesen sein. Niedersachsenweit wurden laut Landeskriminalamt im Jahr 2015 insgesamt 16 Geldautomaten erfolgreich gesprengt und 2016 immerhin 14 Automaten. (Weiterlesen: Geldautomaten gesprengt: Polizei nimmt mutmaßlichen Serientäter fest)

Es gibt auch positive Seiten

Neben der Wasserqualität wurde in der Studie erstmals der Indikator Breitbandausbau berücksichtigt. Und genau der wirkt sich positiv für das Emsland aus – zumindest in der Kategorie Firmengründung. In den Augen Steinles steht der Kreis Emsland gerade in der Kategorie Breitbandausbau auf einer guten Position. Platz 219 von 401. „Für eine nicht urbane Region geht es hier flott voran“, sein Resümee. Der Indikator sei besser ausgefallen, als man meinen sollte. Und das Ergebnis könnte in der nächsten Studie noch besser ausfallen. Laut Landrat Winter wird der Breitbandausbau mit Eigenmitteln und Fördergeldern von rund 60 Millionen Euro ab Frühjahr 2018 umgesetzt. (Weiterlesen: 58 Millionen Euro für Glasfaserausbau im Emsland)

Wie ist es um die Arbeitslosigkeit bestellt?

Vielleicht dann auch beim Abbau der Arbeitslosigkeit, dort schwächelt das Emsland laut Wolfgang Steinle ebenfalls. Der Kreis belegt Platz 233. Die Abbauquote lag im Untersuchungszeitraum in dieser Region bei sieben Prozent, der Bundesdurchschnitt beträgt zehn Prozent. Allerdings lag im Januar die Arbeitslosenquote im Emsland bei lediglich drei Prozent, was im bundesweiten Vergleich (5,8 Prozent) einen Spitzenwert darstellt.

Wirtschaftswachstum war mal besser

Und auch beim Wirtschaftswachstum, stand das Emsland einst besser da. 2015 lag es im Emsland noch bei sechs Prozent, nun bei der jüngsten Untersuchung laut Steinle nur bei 3,3 Prozent. Eine Verschlechterung, die sich auch im Ranking widerspiegelt. 2015 belegte das Emsland Platz 27, drei Jahre später Platz 122. Im aktuellen Ranking ist der bayerische Landkreis Donau-Ries Spitzenreiter. Der Kölner Forscher rät dazu, sich Landkreise wie Donau-Ries anzuschauen. Dass er mit seinen Ergebnissen nicht immer auf offene Ohren trifft, ist ihm bewusst, dennoch sollen Landkreise mal über den Tellerrand schauen, dazu dienten schließlich solche Studien.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN