Vortrag von Meike Behm in Lingen Adolf Eichmann und die „Banalität des Bösen“

Der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, bedankte sich für den ausführlichen Vortrag und schenkte Meike Behm einen großen Blumenstrauß mit weißen Lilien, den Lieblingsblumen der Referentin. Foto: Forum Juden-ChristenDer Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, bedankte sich für den ausführlichen Vortrag und schenkte Meike Behm einen großen Blumenstrauß mit weißen Lilien, den Lieblingsblumen der Referentin. Foto: Forum Juden-Christen

Lingen. Was für ein Mensch war Adolf Eichmann, der den millionenfachen Mord an Juden im Dritten Reich organisiert hat? Die Direktorin der Lingener Kunsthalle, Meike Behm, hat dazu auf Einladung des Forums Juden-Christen einen Vortrag in der Jüdischen Schule in Lingen gehalten.

Im Vortrag ging es um die Auseinandersetzung der jüdischen Soziologin, Philosophin und Publizistin Hannah Ahrendt mit dem Holocaust und konkret um das Werk „Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ aus dem Jahr 1964.

Im Mittelpunkt dieses Werkes steht Adolf Eichmann. Er war in Zeit des Nationalsozialismus als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden und damit für die Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen im weitgehend vom Deutschen Reich besetzten Europa mitverantwortlich. Nach dem Krieg konnte er nach Argentinien fliehen, wurde 1960 von israelischen Agenten entführt und anschließend nach Israel gebracht, wo ihm der Prozess gemacht wurde.

Hannah Arendt hatte den Prozess in Jerusalem beobachtet und einen Bericht für das Magazin „The New Yorker“ verfasst. „Eine Verständigung mit Eichmann war unmöglich, nicht weil er log, sondern weil ihn der denkbar zuverlässigste Schutzwall gegen die Worte und gegen die Gegenwart anderer, und daher gegen die Wirklichkeit selbst, umgab“, so Arendt. Entgegen einer Erwartung der Begegnung mit einem Menschen, der von Hass, Jähzorn oder Verachtung gegenüber dem jüdischen Volk geprägt war, erfuhr Hannah Arendt Eichmann als einen Menschen, der kein Antisemit war, er sei kein „Dämon“ gewesen. „Ich war frappiert von der offensichtlichen Seichtigkeit des Täters, die keine Zurückführung des Unbestreitbaren seiner Handlungen auf irgendwelche tieferen Wurzeln oder Beweggründe ermöglichte.“ Nach genauerer Analyse kam Arendt dann zu dem Ergebnis, dass bei Eichmann die „Banalität des Bösen“ deutlich wurde – der Ausdruck wurde inzwischen zu einem feststehenden Begriff.

Eichmann stellte sich dar, als erfüllte nur seine Pflicht, er habe nicht nur Befehlen gehorcht, sondern dem Gesetz gehorcht und der Gesetzgeber sei Adolf Hitler mit seinem Führerwillen gewesen, so Behm. Eichmanns Unfähigkeit, selbst zu denken, zeigte sich vor allem an der Verwendung klischeehafter Phrasen, einem Verstecken hinter der Amtssprache. Er konnte oder wollte sich nicht in die Situation anderer Menschen hineinfühlen. „Ich hatte mit der Tötung der Juden nichts zu tun. Ich habe niemals einen Juden getötet“, so zitiert Behm Äußerungen des Angeklagten. Durch diese Aussage wollte Eichmann nur hervorheben, in welch hohem Grade er von Befehlen abhängig und zum Gehorsam bereit war.

Als auf der Wannseekonferenz die Spitzen von Ministerien, Justiz und Wehrmacht der Endlösung unwidersprochen zustimmten, schrieb Eichmann das Protokoll und fühlte sich jeder Verantwortung enthoben: Die gute Gesellschaft stimmte zu, was sollte er als kleiner Mann da machen? Sein Gewissen hatte er an die Oberen abgetreten. „In diesem Augenblick fühlte ich mich wie Pontius Pilatus, bar jeder Schuld.“ Im Gegensatz dazu betont Arendt, dass es auch unter der totalitären Herrschaft Wahlmöglichkeiten, eine Moral gebe.

Am 11. Dezember 1961 trat das israelische Gericht zur Urteilsverkündigung zusammen und verurteilte Eichmann u. a. wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk zum Tod; die Todesstrafe wurde am 31. Mai 1962 vollzogen. An den Vortrag schloss sich eine längere Diskussion über Arendts Deutung und Sicht des furchtbarsten und folgenschwersten abendländischen Zivilisations-, Ethik- und Kulturbruchs an.

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