Aufwühlende Inszenierung Michael Kohlhaas als fast nackter Wüterich in Lingen

Von Elisabeth Tondera

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Faszinierendes Puppenspiel präsentierte die Bühne Cipolla im Kulturforum St. Michael. Foto: Elisabeth TonderaFaszinierendes Puppenspiel präsentierte die Bühne Cipolla im Kulturforum St. Michael. Foto: Elisabeth Tondera

to Lingen. Eine eigenwillige Interpretation der Novelle Michael Kohlhaas gab es jetzt auf der Bühne des Kulturforums St. Michael in Lingen zu sehen.

Große, kreuz und quer über die Bühne des Kulturforums St. Michael gespannte Folienbahnen verdecken Gegenstände und Figuren, die schemenhaft durchschimmern. Ein Mann betritt die Bühne, ergreift eine Figur und zieht sie wie einen Anzug an – er verschmilzt mit ihr, obwohl er als Mensch sichtbar bleibt. Sebastian Kautz wird zu Michael Kohlhaas, dem aufrichtigen Bürger und angesehenen Rosshändler, der zu einem wütenden Rächer wird und Selbstjustiz übt, nachdem ihm Unrecht widerfahren ist.

Leidenschaft

Es ist eine eigenwillige, äußerst emotionale Interpretation der Novelle Heinrich von Kleists, die die Bühne Cipolla in Koproduktion mit dem Theater Duisburg, dem Metropol Ensemble und der Bremer Shakespeare Company auf die Bühne gebracht hat. Die Zuschauer erleben Michael Kohlhaas von Anfang an als einen Menschen, den das, was ihm widerfährt, emotional aufwühlt. Schon beim Gespräch mit dem Zöllner ist seine Unruhe spürbar, bald sind seine Gefühlswallungen so stark, dass die Zuschauer beinahe atemlos das Geschehen verfolgen. Es ist die Geschichte eines „der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, der leidenschaftlich um sein Recht kämpft. Kohlhaas führt einen blutigen Feldzug gegen den Junker Wenzel von Tronka, nachdem er erlebt hat, dass die korrupte Justiz ihm nicht zu seinem Recht verhelfen würde. Für sein gewaltsames Vorgehen muss er mit seinem Leben büßen, aber er macht auf sein erlittenes Unrecht aufmerksam und bewirkt, dass der Junker schließlich doch noch bestraft wird.

Ausdrucksstark

Kohlhaas handelt nach der Devise „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“ Die Produktion der Bühne Cipolla zeigt die Konsequenzen dieses Handelns mit einer atemberaubenden Wucht. Grandios, wie der Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler Sebastian Kautz unbelebte Materie so verwandelt, dass sie den Zuschauern ihre verborgene „Lebensgeschichte“ vorführt, ganz gleich, ob es die menschenähnliche Figur des Michael Kohlhaas ist, die übergroße Figur seiner Frau mit überlangen Armen und abnehmbarem Torso, die an expressionistische Gemälde erinnert oder die nur aus Kopf, Armen und Beinen bestehende kleine, weiche Puppe, die den Knecht darstellt. Kautz erweckt die ausdrucksstarken Figuren von Melanie Kuhl zum Leben mit seiner modulationsfähigen Stimme und Körpereinsatz. Der zunehmende Wahnsinn des Protagonisten wird sichtbar, Kohlhaas, zu Beginn ein Bürger in Anzug und Krawatte, wandelt sich zu einem fast nackten Wüterich mit kahlrasiertem Kopf voller blutiger Narben. Auch die kühle Ordnung der Bühne wird zum Chaos.

Zuschauer zutiefst beindruckt

Es sind aufwühlende dramatische szenische Bilder, die der Musiker und Komponist Gero John am Cello und Keyboard unterstützt, indem er einen atmosphärischen Klangteppich um das Bühnengeschehen webt. Zutiefst beeindruckt bedanken sich die die Zuschauer mit langanhaltendem Applaus und nehmen gerne die Einladung an, anschließend die Figuren zu betrachten und mit den Akteuren zu sprechen.


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