Anfrage der Redaktion Kein Belegungsstopp in Lingener Pflegeeinrichtungen

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Auch in Lingen wächst der Bedarf an Fachkräften weiter. Foto: dpaAuch in Lingen wächst der Bedarf an Fachkräften weiter. Foto: dpa

Lingen. In den vollstationären Pflegeeinrichtungen der Stadt Lingen gibt es derzeit keinen Belegungsstopp und auch keine Unterschreitung der Fachkraftquote. Darauf hat die Stadtverwaltung auf Anfrage unserer Redaktion hingewiesen.

Bis zum Jahr 2030 werden in Lingen rund 200 neue Plätze in vollstationären Pflegeeinrichtungen benötigt und etwa 170 weitere Fachkräfte. Diese Zahlen nannte Seniorenberater Erwin Heinen, in der Lingener Stadtverwaltung unter anderem für die Heimaufsicht zuständig, in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Die Heimaufsichtsbehörden in Niedersachsen sind nach Angaben des Sozialministeriums Ansprechpartner für Bürger und Betreiber von Pflegeeinrichtungen in allen Fragen, die im Zusammenhang mit Heimen oder einem Einzug in eine solche Einrichtung entstehen können. Hintergrund des Gesprächs mit Heinen war eine Prognose des Sozialministeriums in Niedersachsen, wonach in der Altenpflege bis 2030 zwischen 21000 und 52000 Mitarbeiter fehlen werden.

Im Jahr 2013 arbeiteten aktuellsten Daten des Landes zufolge rund 112000 Menschen in der Pflege. Ihnen standen 288000 pflegebedürftige Menschen gegenüber. Laut Prognose wird diese Zahl jedoch stark ansteigen. Im Jahr 2030 sollen es landesweit knapp 379000 sein, ein Plus von gut 30 Prozent.

In Lingen gibt es zurzeit acht stationäre Pflegeeinrichtungen mit 635 Plätzen. Heinen geht davon aus, dass auf der Basis der bis 2030 prognostizierten Zahl von Menschen, die eine vollstationäre Unterbringung erfordern, rund 200 weitere Plätze hinzukommen müssten. Zu deren Versorgung seien etwa 170 Pflegekräfte notwendig. Durchschnittlich werde bei einer Einrichtung mit 100 Plätzen von 85 Pflegekräften ausgegangen, da viele von ihnen in Teilzeit arbeiten würden. „Aber: Wo sollen diese zusätzlichen Kräfte herkommen?“, fragte Heinen angesichts der bereits jetzt schon im Pflegebereich bundesweit festzustellenden Personalknappheit.

Wie sieht es aktuell bei den vollstationären Pflegeeinrichtungen in Lingen aus? „Wir haben immer mal wieder Einrichtungen, die die Fachkraftquote nicht erfüllt bekommen“, sagte Heinen. Mit diesen sei die Heimaufsicht der Stadt in regelmäßigem Austausch, um Wege und Lösungen zu finden. Die Fachkraftquote einer Einrichtung sagt etwas über das Verhältnis von Pflegefachkräften zu Hilfskräften in der Betreuung aus. In Deutschland ist eine Fachkraftquote von mindestens 50 Prozent vorgeschrieben, das heißt, bei mehr als vier pflegebedürftigen Personen muss mindestens jeder zweite Beschäftigte eine Fachkraft sein. Keine Fachkräfte im Sinne der Heimpersonalverordnung sind Altenpflegehelfer.

Keinen Belegungsstopp

Darauf zu achten, dass das Verhältnis von Pflegebedürftigen und Fachkräften in den Einrichtungen eingehalten wird, ist eine der Aufgaben der Heimaufsicht. „Bei einer Unterbesetzung mit Pflegekräften dürfen wir mit Belegungsstopps arbeiten“, beschrieb Heinen die Eingriffsmöglichkeiten der Heimaufsicht. Derzeit gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung keinen Belegungsstopp in den vollstationären Pflegeeinrichtungen in Lingen. Es gebe derzeit auch keine Unterschreitung der Fachkraftquote.

Insgesamt bezeichnete der Seniorenberater die Qualität der Pflege in den Lingener Einrichtungen als gut. Gleichwohl könne es in der persönlichen Wahrnehmung und Betroffenheit sicher auch andere Einschätzungen geben.

Alle Beschwerden, auch anonymisierte, werden nach seinen Angaben verfolgt. Sie werden inhaltlich mit der Heimleitung und gegebenenfalls der Pflegedienstleitung besprochen. Anschließend werde, wenn gewünscht, ein gemeinsames Gespräch zwischen dem Beschwerdeführer und der Heimleitung initiiert und auch moderiert. Dies gilt auch, wenn der Beschwerdeführer ein Angehöriger ist. Wenn sich aus der Beschwerde heraus ein Handlungsbedarf ergibt, wird entweder der Medizinische Dienst der Krankenkassen Niedersachen (MDKN) eingeschaltet oder ein ordnungsrechtliches Verfahren eingeleitet. Der MDKN reagiere im Regelfall mit einer Anlassprüfung in der Einrichtung, so die Verwaltung.

Als ein Grundproblem nannte Heinen die unterschiedliche und häufig auch schlechte Bezahlung der Pflegekräfte. Ein für alle verbindlicher Tarifvertrag sei nicht vorhanden. „Wer als Mitarbeiter in der Pflege bei einer schlechten Bezahlung und schlechter Arbeitszeit mit geteilten Diensten, bei denen er oder sie dreimal am Tag zur Arbeit fährt, nicht mit Herzblut dabei ist, der verdient sein Geld woanders“, meinte der Lingener. Verbesserungen in der Pflegesituation werde es nach seiner Auffassung bei „einem vernünftigen Tarifvertrag, guter Bezahlung und Ausbildung sowie vernünftigen Arbeitszeiten geben“.

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