Gespräch mit LT Heimleiter in Lingen: Flächendeckender Tarifvertrag in der Pflege notwendig

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Lingen. Einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Pflege hat Heiko Harms-Ensink, Geschäftsführer des Stephanus-Hauses in Lingen, gefordert.

Seitdem der junge Krankenpfleger Alexander Jorde Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Gesprächsrunde während des Wahlkampfes 2017 mit dem gravierenden Fachkräftemangel in der Altenpflege konfrontiert hat, ist das Thema in aller Munde. „Dabei ist der Pflegenotstand schon lange bekannt“, betonte Harms-Ensink in einem Gespräch mit der Redaktion.

Die vollstationäre Einrichtung an der Thüringer Straße verfügt über 114 Pflegeplätze. Um die Bewohner kümmern sich 130 Mitarbeiter. Sie verteilen sich auf 75 Vollzeitstellen. Davon entfallen 58 in Pflege und Betreuung. Von diesen 58 sind 55 Prozent Fachkräfte. Das Haus gehört, was die Höhe des Eigenanteils anbelangt, den Bewohner unabhängig vom Pflegegrad zu zahlen haben, zu den teuren Pflegeeinrichtungen in der Stadt.

Kann „teuer“ gleichgesetzt werden mit guter Qualität in der Pflege? Harms-Ensink und Pflegedienstleiter Frank Hütten verneinen dies. Viele Faktoren würden dabei eine Rolle spielen. Jede Pflegeeinrichtung habe einen eigenen Preis, den sogenannten „Einrichtungseinheitlicher Eigenanteil“ (EEE), jede Einrichtung setze ihre Schwerpunkte, die bei der Frage der Qualität eine Rolle spielen, sagte Hütten. Jedes Unternehmen kalkuliere für sich, sagte Harms-Ensink.

Das Stephanus-Haus zahlt nach Tarif

„Wir sind bewusst hochpreisig“, betonte der Geschäftsführer. Ein Grund dafür ist, dass die Einrichtung ihr Personal nach Tarif bezahlt, was längst nicht die Regel ist in der Altenpflege. Im Stephanus-Haus gilt der Tarifvertrag Diakonie Niedersachsen (TVDN). Träger der Pflegeeinrichtung ist die Evangelische Sozialhilfe. Diese hatte sich 1964 auf Initiative der evangelisch-lutherischen und reformierten Kirchengemeinden in Lingen als Verein gegründet. Das Stephanus-Haus ist bis heute das einzige evangelische Altenwohnheim im Landkreis.

„Ich glaube, dass darin unser Vorteil liegt: Wir sind eine selbstständige, überschaubare Einrichtung, mit der sich unsere Beschäftigten identifizieren“, erläuterte Harms-Ensink. Wie andere Pflegeeinrichtungen sei auch das Stephanus-Haus ein Unternehmen, das gehalten sei, wirtschaftlich zu arbeiten und keine Verluste zu machen. Die Rendite stehe aber nicht an erster Stelle. In erster Linie gehe es um eine gute Versorgung der Bewohner.

Viele Mitarbeiter arbeiten schon seit langer Zeit im Stephanus-Haus. Pflegedienstleiter Hütten ist selbst schon zwölf Jahre dabei. Ebenso die Harms-Ensink. Die beiden Emlichheimer haben an der Thüringer Straße etwas aufgebaut, worauf sie stolz sind. Die Rahmenbedingungen sind nach ihrer Darstellung vergleichsweise gut, Aus- und Weiterbildung wird gefördert.

Keine schnellen Lösungen

Was muss sich nach Meinung der beiden Fachleute ändern, damit mehr Menschen den Pflegeberuf ergreifen und die Arbeitsbedingungen in den stationären Einrichtungen besser werden? Und auch in ambulanten: Es gebe welche, die könnten weitere Pflegebedürftige nicht mehr betreuen, weil ihnen die Fach- und Hilfskräfte fehlen, so Harms-Ensink. An erster Stelle nennt er einen flächendeckenden Tarifvertrag für die Pflege. Eine gute Pflegekraft könne sich heute den Arbeitgeber aussuchen, beschreibt Hütten die Situation. Mehr Zeit für die Pflege, eine verlässliche Dienstplanung, der Abbau ungewollter Teilzeitbeschäftigung, Anreize für Fort- und Weiterbildung nannten er und Hütten als weitere Punkte. Pflege dürfe auch nicht zur Armutsfalle werden. Hier sei die Solidargemeinschaft der Versicherten gefordert.

Das Problem des Fachkräftemangels in der Pflege sei nicht so schnell zu lösen – und ohne Geld auch nicht, resümierte Harms-Ensink. Auch die 8000 Stellen, die die Große Koalition, falls sie denn zustande kommt, schaffen will, stehen nach seinen Worten erst einmal nur auf dem Papier.

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