Auszeichnung von Bundesumweltminister Kornblume in Lingen ist der „Beste Bio-Supermarkt“ in Deutschland

Von Julia Mausch

Nanni Brinker wurde damals für verrückt erklärt, als sie ihren Freunden erzählte, dass sie mit ihrem Mann Ralf einen Bioladen in Lingen eröffnen will. Sie hat es dennoch gemacht. Foto: Julia MauschNanni Brinker wurde damals für verrückt erklärt, als sie ihren Freunden erzählte, dass sie mit ihrem Mann Ralf einen Bioladen in Lingen eröffnen will. Sie hat es dennoch gemacht. Foto: Julia Mausch

Lingen. „Das kann doch nur scheitern.“ Nanni Brinker wurde für verrückt erklärt, als sie ihren Freunden erzählte, dass sie mit ihrem Mann einen Bioladen in Lingen eröffnen will. 30 Jahre ist das her. Mittlerweile ist aus einem kleinen Ladenlokal ein großer Bio-Supermarkt geworden – und es ist der Beste in Deutschland.

Der Bio-Supermarkt Kornblume ist bei der Wahl zum „Besten Bioladen 2018“ des Naturkostmagazins „Schrot & Korn“ zum Gesamtsieger in der Kategorie „Bio-Supermarkt ab 400 Quadratmetern“ gekürt worden. Rund 45.000 Verbraucher hatten insgesamt 2.304 deutsche Bio-Märkte und -Höfe in den Kategorien Gesamteindruck, Frische, Sortiment, Preis-Leistungs-Verhältnis, fachkundige Beratung, freundliche Bedienung, Sauberkeit und Hygiene mit Schulnoten von 1 bis 6 bewertet.

Bronze war nicht genug

Ein „sehr gut“ zu bekommen, das war das Ziel, dass sich Nanni Brinker zusammen mit ihrem Mann Ralf Anfang 2017 gesetzt hatte. Schon 2017 hatten sie an dem Wettbewerb teilgenommen. Ganz oben aufs Siegertreppchen schafften sie es damals zwar mit ihrem Gesamtkonzept nicht, erhielten aber dennoch eine Bronze-Medaille – unter anderem in der Kategorie „Beratungskompetenz“. Gut, aber noch nicht gut genug, sagte sich das Ehepaar damals und legte für sich die Messlatte höher. Statt Bronze sollte die Gold-Auszeichnung folgen.

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Mit dem Auto quer durch Deutschland

Mit ihren mittlerweile zwölf Mitarbeitern (darunter zwei Menschen mit Handicap), zwei Mini-Jobbern und einer Auszubildenden überlegten sie sich ein Jahresmotto: „Anders sein“. Das Motto passt, die Geschichte der Brinkers und ihrem Bioladen ist allemal außergewöhnlich. Vor 30 Jahren eröffneten sie ihr erstes Geschäft, damals noch an der Schlachterstraße.

Auf knapp 56 Quadratmetern boten die zwei Kaufleute den Kunden Bio-Ware an, doch das war gar nicht einfach. „Damals gab es keine Großhändler für Bio-Produkte“, erinnert sich Nanni Brinker, die damals noch Germanistik studierte. Mit Unterstützung durch die Familie fuhr sie mit ihrem Mann quer durch Deutschland, um die Produkte nach Lingen zu bringen. Viel Arbeit, doch Nanni Brinker war es das wert. „Ich wollte echte Ware verkaufen, bei der ich auch weiß, woher sie stammt.“

300 verschiedene Käsesorten

Heute, 30 Jahre später, hat sich ihre Einstellung nicht geändert – dafür die Verkaufsfläche. Von 56 auf 560 Quadratmeter hat sich der Bioladen inzwischen vergrößert. Mittlerweile befindet er sich am Ende der Großen Straße im Huesmann-Gebäude und kann durchaus mit konventionellen Supermärkten konkurrieren. Es gibt ein Vollsortiment – ausschließlich aus Bio-Produkten. Bedeut, Kunden finden dort alle Dinge des täglichen Lebens. Selbst Zahnbürsten, die ohne Wasser hergestellt sind, bei denen der Griff aus Bambus besteht und die Borsten aus Nylon.

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Allein die Käse-Theke ist stattliche 12,5 Meter lang und beinhaltet 300 verschiedene Käsesorten. Hinzu kommt ein großes Wein- und Kosmetik-Sortiment. Wer bei den vielen Produkten dann den Durchblick verliert, wird an die Hand genommen. „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt“, betont Nanni Brinker und sorgt dafür, dass ihre Mitarbeiter regelmäßig geschult werden, damit die Kunden wiederum gut beraten werden. Zusätzlich finden in der Kornblume immer wieder Events statt – seien es Kochabende nach Ladenschluss oder Beratungs- und Schminkaktionen.

Produkte aus dem Sortiment genommen

Nanni und Ralf Brinker wollen die Welt in kleines bisschen besser machen und es auch den Kindeskindern ermöglichen, die Natur zu erleben. Um das zu erreichen, verkauft das Paar nicht nur Produkte, die biologisch nachhaltig hergestellt werden, sondern geht noch einen Schritt weiter. Es nimmt auch die Unternehmen unter die Lupe. Mal entscheiden sich die Brinkers für eine Zusammenarbeit und mal auch gegen eine. Beispiel Unilever. Aufgrund ihrer Marktmacht sind Konzerne wie Unilever oder Nestle umstritten. Eine solche Machtkonzentration hätte Folgen für die Artenvielfalt, die Umwelt und uns Menschen, sagt Nanni Brinker. Für die Lingener stand fest, das wollen sie nicht unterstützen. Auch nicht, wenn der Konzern ein bisher hoch angesehenes Bio-Produkt übernimmt. Dann nehmen es die Brinkers aus dem Sortiment.

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Foodsaver von der Hochschule Osnabrück

Angeboten werden bei der Kornblume auch keine Plastikbeutel. Es wird so wenig Verpackungsmüll wie möglich produziert und mit einem Pfandkistensystem gearbeitet. Außerdem mit Holzkisten, die vom Christophorus-Werk hergestellt werden. Damit auch die Produkte nicht im Müll landen, gibt es eine Kooperation mit der Hochschule Osnabrück. Sogenannte „Foodsaver“ holen zwei Mal die Woche Lebensmittel ab, die nicht verkauft wurden – und bei denen das Ablaufdatum naht. Die Studenten nehmen die Ware mit und verteilen sie kostenlos auf dem Campus in Lingen.

Auszeichnung von Bundesumweltministerin

Nanni und Ralf Brinker haben es geschafft, ihren Traum zu verwirklichen. „Dafür haben wir unsere gesamte Existenz aufs Spiel gesetzt“, sagt Ralf Brinker. Offensichtlich hat sich das gelohnt. Am Mittwochabend wurden die Lingener auf der Messe „BioFach“ in Nürnberg von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ausgezeichnet – als Gold-Gewinner.


Was ist eigentlich „bio“?

Als Bio-Lebensmittel werden Lebensmittel aus der ökologischen Landwirtschaft bezeichnet. Diese Produkte müssen aus ökologisch kontrolliertem Anbau stammen, dürfen nicht gentechnisch verändert sein und werden ohne Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln, Kunstdünger oder Klärschlamm angebaut. Tierische Produkte stammen von Tieren, die artgerecht gemäß EG-Öko-Verordnung gehalten werden und in der Regel nicht mit Antibiotika und Wachstumshormonen behandelt wurden.Während Biokost aus kontrolliert biologischem Anbau stammt, kann Naturkost auch konventionell produziert sein.