Debatte geht weiter Lingen: Forum Juden-Christen kritisiert Kurator des Rosemeyer-Museums

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Lingen. Die Debatte um das in Lingen geplante Bernd-Rosemeyer-Museum geht weiter. Der Vorsitzende vom Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen, Heribert Lange, und sein Stellvertreter Michael Fuest haben jetzt Aussagen des Historikers und Museumskurators Bernd Walter kritisiert und das Verhalten des Rennfahrers in der NS-Zeit als Ethikbruch bezeichnet.

„Im Interview mit Prof. Dr. Walter findet sich der an das Forum adressierte Einwand, man bediene sich bei der Bewertung Rosemeyers der Methode der Ent-Historisierung. Aus Walters weiteren Ausführungen wird klar, dass er damit das der deutschen Gesellschaft in der NS-Zeit vielleicht abhanden gekommene moralische Bewusstsein und ihr müde gewordenes moralisches Gedächtnis meint“, heißt es in der Mitteilung der Forums-Vorstände. Diesen Umstand ziehe der Historiker zur „Erklärung der gänzlich arglosen Solidarisierung Rosemeyers mit den NS-Machthabern“ und seiner Verstrickung mit dem NS-System heran.

Ent-Historisierung?

„Sollte das Walters Stoßrichtung sein, müsste aber nicht uns, sondern ihm der Vorwurf der Ent-Historisierung entgegengehalten werden. Denn mit dieser wirklich ,steilen’ These soll vermutlich nahegelegt werden, dass Moral als Messlatte für Rosemeyers Entscheidung für oder gegen das NS-Unrechtsregime nicht oder nur am Rande in Betracht kommen konnte, da es Moral damals nicht oder zumindest nicht mehr in der uns vertrauten Lesart gegeben hat“, heißt es weiter.

Dies ist laut Lange und Fuest „aber grundlegend falsch. Denn kein Mensch hat bei aller Bindung der Moral an die jeweilige Zeit und die Entwicklung der Gesellschaft in dieser Zeit die angestammte Moral und die ihr zugrunde liegenden ethischen Gesetze aus ihrer Geltung entlassen.“ Noch nie hätte auch ein Mensch das Ende der Menschenwürde und der Menschenrechte verkünden können.

Walter „nicht überrascht“

Die Reaktion des Forums auf seinen Einwand der Ent-Historisierung überrascht den Historiker Bernd Walter nicht. In einer ersten Reaktion auf die im Netz bereits veröffentlichte Mitteilung erklärte dieser: „Diese als ,Spitze’ empfundene Formulierung richtet sich an all jene, die ein Bernd-Rosemeyer-Museum ablehnen, obwohl sie das Museumskonzept gar nicht kennen. Da in dieser Ablehnung Ängste vor einer unkritischen ,Heldenverehrung‘ mitschwingen, kann ich sie auch nachvollziehen.“ Dieses Museum soll laut dem Historiker aber eben nicht nur ein Ort der Auseinandersetzung mit Rosemeyer, sondern auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung in der NS-Zeit während der 1930er Jahre sein.

Ursachen für Zustimmung

Als Beispiel erläutert Walter, dass man nicht nur das Bild der Lingener Bürger zeigen darf, die 1937 Rosemeyer jubelnd begrüßten: „Man muss auch nach den Ursachen dieser breiten Zustimmung und der Bedeutung derartiger Veranstaltungen für die Stabilisierung des Regimes fragen.“ Im Bernd-Rosemeyer-Museum werde man sich auch diesen Fragen widmen können. Bei der Formulierung „Ent-Historisierung“ geht es laut Walter „also nicht um die Bewertung der Rolle Rosemeyers, sondern eher um die, um es vorsichtig zu formulieren, Vernachlässigung der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Prozesse in der Diskussion. Aber natürlich haben auch die Kritiker das im Blick? Ich frage mich in diesem Zusammenhang, ob in Kenntnis des eigentlichen Museumskonzeptes die bisherige Diskussion anders verlaufen wäre.“

„Viele Fragen zu diskutieren“

Auf keinen Fall habe er das Schlagwort „Ent-Historisierung“ auf Fragen des moralischen Bewusstseins oder Gedächtnisses bezogen, erklärte Walter weiter: „ Wie man das aus den weiteren Ausführungen ableiten kann, ist für mich unverständlich. Ich habe vielmehr zu diskutierende Fragen aufgeworfen, um überhaupt eine Person wie Rosemeyer in den zeitgenössischen Kontext einordnen zu können.“ Im übrigen nehme er zur moralischen Bewertung des Verhaltens Rosemeyers, aber auch der vielen anderen, die sich bis hin zur Beteiligung an Verbrechen auf das NS-System eingelassen haben, gerne die Kompetenz des Forums Juden-Christen in Anspruch. „Ich bitte aber um Verständnis, das ich als Historiker vor der Bewertung des moralischen Verhaltens eine sachgerechte Aufklärung der Sachverhalte versuche.“

„Keine NS-Sondermoral“

Weiter erklärten die Vorstandsmitglieder des Forums, dass „die politischen Philosophen – anders als Herr Walter und Herr van Bevern [Redakteur der LT, der sich dazu aber gar nicht geäußert hat; Anm.d.Red.] – unseres Wissens übereinstimmend der Ansicht sind, dass es keine NS-Sondermoral geben konnte und gab, mittels derer die Verachtung des Einzelindividuums, Rassismus und Massenmord hätten gerechtfertigt werden können.“Was die Nazis getan haben, könne man deshalb nur als die Folge eines bewussten und generellen Bruchs mit der Universalethik begreifen. „Weder in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen noch in den Frankfurter Auschwitzprozessen sind die Verteidiger mit ihrer Behauptung einer spezifischen NS-Sondermoral ,oben geblieben´“, heißt es in der Mitteilung.

Ethikbruch Rosemeyers?

„Rosemeyer hat diesen Ethikbruch vermutlich nicht sehenden Auges und hoffentlich auch nicht aus tiefer Überzeugung akzeptiert. Anscheinend aber hat er diese moralische Katastrophe um seiner Karriere willen in Kauf genommen und sich sodann beinahe umstandslos und durch seine SS-Mitgliedschaft vor allem demonstrativ für die Öffentlichkeit mit eben diesem System verbunden und sich von dessen auch damals schon aktiven Mordgesellen vereinnahmen lassen“, erklärten beide Forums-Vertreter abschließend.

Dazu erklärte Walter: „Die allgemeinen Ausführungen des Forums zur Ethik und Moral teile ich. Nicht jedoch die Aussage: ,Denn kein Mensch hat …die angestammte Moral und die ihr zugrunde liegenden ethischen Gesetze aus ihrer Geltung entlassen.‘ Wie das Forum das mit Blick auf die von Individuen verübten NS-Verbrechen schreiben kann, ist für mich nicht nachvollziehbar. Im Sinne des Forums nehme ich an, dass es statt ,hat’ wohl ,kann‘ heißen soll.“


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