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01.02.2018, 17:53 Uhr KOMMENTAR

Schüren von Ängsten nutzt niemandem

Kommentar von Thomas Pertz

Jennifer Schotter, Flüchtlingsbetreuerin beim SKM, und Geschäftsführer Hermann-Josef Schmeinck. Foto: Thomas PertzJennifer Schotter, Flüchtlingsbetreuerin beim SKM, und Geschäftsführer Hermann-Josef Schmeinck. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Die Entscheidung des Bundestags zur Familienzusammenführung kann die Integrationsbereitschaft vor Ort hemmen, meint der Kommentator.

Das Thema Familienzusammenführung bei Flüchtlingen mit eingegrenztem Schutzstatus ist bestens geeignet, um Ängste zu schüren, zu polarisieren, Stimmung zu machen. Wer sich mit Flüchtlingsbetreuern unterhält, bekommt ein differenzierteres Bild. Ob solche lokalen Experten allerdings im Vorfeld von Entscheidungen, wie sie nun im Bundestag getroffen worden sind, gehört werden, ist eine ganz andere Frage.

Zahlen sorgen für einen klaren Blick: Auf jeden Geflüchteten in Deutschland entfallen laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Schnitt 0,28 nachzugsberechtigte Personen. Viele Geflüchtete sind noch ledig, haben gar keine Kinder oder ihre Familien sind bereits in Deutschland. Die Zahl derer, die im Rahmen einer Familienzusammenführung kommen könnte, ist also deutlich kleiner, als in den Debatten mitunter behauptet wird.

Das nutzt den betroffenen Menschen, die sich in Lingen aufhalten und seit zwei Jahren hoffen, wieder mit ihren Familien zusammen zu sein, nach der Abstimmung im Bundestag aber nichts. Sie werden sich weiterhin um ihre Angehörigen in den Bürgerkriegsländern sorgen. Ihre Motivation zur Integration, zur Konzentration auf Sprachkurs, Schule und Arbeitsmaßnahmen, wird durch die andauernde Ungewissheit kaum größer werden.

Diese Enttäuschung aufzufangen ist nun die große Aufgabe der haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuer vor Ort. Nicht nur in Lingen.


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