Erinnerung an Gräuel der NS-Zeit 1941/42 aus dem Emsland nach Riga deportiert

Von Johannes Franke

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Über seine Reise nach Riga berichtete Johannes Wiemker, Vorstandsmitglied vom Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen bei einem Lehrhausgespräch in der Jüdischen Schule in Lingen. Foto: Johannes FrankeÜber seine Reise nach Riga berichtete Johannes Wiemker, Vorstandsmitglied vom Forum Juden-Christen im Altkreis Lingen bei einem Lehrhausgespräch in der Jüdischen Schule in Lingen. Foto: Johannes Franke

Lingen. Etwa 25000 Juden sind während des Zweiten Weltkriegs aus dem Deutschen Reich in das Getto von Riga verschleppt worden, darunter auch einige aus dem südlichen Emsland. Johannes Wiemker vom Forum Juden-Christen berichtete jetzt in der Jüdischen Schule in Lingen von einer Fahrt in die Hauptstadt Lettlands.

Seine Reise nach Riga mit weiteren Pax-Christi-Mitgliedern liegt nun schon elf Jahre zurück. Doch Johannes Wiemker ist wie die Zuhörer – unter ihnen keine Jugendlichen – am Ende seines Berichtes und der Vorführung eines Ausschnitts aus dem Film. „Wir haben es doch erlebt – das Getto von Riga“ sprach- und fassungslos. „Unser Anliegen ist das ,Erinnern für die Zukunft´“, hatten er und Michael Fuest vom Vorstand des Forums Juden-Christen zu Beginn des Lehrhausgesprächs erklärt.

28 Züge mit 25000 Deportierten

Rund 25000 Juden aus dem Deutschen Reich wurden nach Wiemkers Aussage während des Zweiten Weltkrieges in das Getto von Riga verschleppt. 28 Züge aus 14 Städten waren es zwischen November 1941 und Dezember 1942: „Darunter war auch der Bielefelder Transport mit Deportierten aus Osnabrück, dem Münsterland und dem Emsland.“ Um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen seien die bis zu diesem Zeitpunkt dort internierten 27000 lettischen Juden zuvor ermordet worden. Tausende wurden laut Wiemker direkt nach der Ankunft erschossen: „Und wer das Getto erreichte, erlebte ein unsägliches Martyrium. An dessen Ende für die meisten Menschen ebenfalls der Tod stand.“

„Rigaer Blutsonntag„

Am „Rigaer Blutsonntag“ am 30. November sowie am 8. und 9. Dezember 1941 hätten die SS, Polizeiangehörige und Hilfswillige die annähernd 27000 lettischen Juden in den Wald getrieben. „Der durchorganisierte Massenmord an Kindern, Frauen, Männern und Greisen und die grauenhaften Bilder von den Leichengruben lassen sich nicht in Worte fassen“, berichtete Wiemker.

27000 Letten ermordet

Etwa 50 Jahre lang sei der Judenmord in Riga weitestgehend verdrängt und vergessen worden. „Seit den frühen 1990er Jahren wuchs wieder die Erinnerung an die dort verschollenen und ermordeten jüdischen Menschen. Workcamps, Gedenk- und Erinnerungsreisen sowie Begegnungen finden seitdem statt“, erklärt das langjährige Forum-Vorstandsmitglied Johannes Wiemker. Und er berichtet über das Mahnmal auf dem zentralen Gedenkplatz: „Die schwarz-roten Granitsteine stehen symbolisch für die damals zusammengekauerten Menschen vor ihrer Erschießung.“ Die Anlage im Wald von Bikernieki wurde am 30. November 2001 am 60. Jahrestag des „Rigaer Blutsonntag“ und 60 Jahre nach Beginn der Deportationen aus Deutschland eingeweiht.

Bürger aus Lingen, Freren und Lengerich

Unter den Deportierten waren laut Wiemker auch Lingener und Lengericher Angehörige der Familien Grünberg, Hanauer, Heilbronn, Herz sowie Siegfried Meyberg und Simon Schwarz aus Freren: „Auch die damals 20-jährige Ruth Heilbronn saß in diesem Zug ohne Wiederkehr. Nach ihrer Heirat im Jahr 1947 hieß sie Ruth Foster. Sie war die einzige Überlebende aus unserer Stadt.“ 1993 werden ihr und Bernard Grünberg die Lingener Ehrenbürgerschaft zuteil. 92-jährig starb sie am 6. August 2014 in London.

Heute ein Band der Erinnerung

„Mit der Pflege der Anlage durch lettische und deutsche Jugendliche wird ein lebendiges Band der Erinnerung und der Begegnung zwischen Riga und den deutschen Städten geknüpft, von denen damals die Sammeltransporte ausgingen. Dies ist auch ein Trost für den bald 95-jährigen Bernard Grünberg, der seine Familie nie wiedersah, aber seine Geburtsstadt Lingen im März wieder besuchen wird“, erklärte Wiemker abschließend.


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