Hilfe für Hinterbliebene Unfalltod im Emsland: Wenn der Albtraum Realität wird

Von Julia Mausch

19 tödliche Verkehrsunfälle gab es 2017 im Emsland und der Grafschaft. Symbolfoto: dpa19 tödliche Verkehrsunfälle gab es 2017 im Emsland und der Grafschaft. Symbolfoto: dpa 

Lingen. 19 tödliche Verkehrsunfälle gab es 2017 im Emsland und der Grafschaft Bentheim. Notfallseelsorger kümmerten sich in den Stunden danach um die unter Schock stehenden Unfallbeteiligten und Angehörigen. Doch was ist, wenn das Erlebte erst Tage später realisiert wird? In diesen Fällen hilft jetzt eine Verkehrsunfallopferberatung.

Ein Kreuz steht an einer Straße, ein paar 100 Meter weiter flackern kleine Kerzen, die an einem Baum aufgestellt wurden. Sie gehören Menschen, die einen Freund, den Partner oder das eigene Kind durch einen Verkehrsunfall verloren haben. 19 tödliche Verkehrsunfälle listet die Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim für das Jahr 2017. Das sei der Stand am Freitag, sagt Polizeidirektor Karl-Heinz Brüggemann, Leiter der Polizeiinspektion. Die genaue Zahl im Januar für das vergangene Jahr zu nennen, sei schwierig, betont Brüggemann in Bezug auf die 30-Tage-Frist, die besagt, dass nur eine Person, die innerhalb von 30 Tagen an den Unfallfolgen verstirbt, als Verkehrstoter gilt (siehe Infokasten).

Ein Unfall kommt ohne Ankündigung

Jeder tödliche Unfall reißt einen Menschen aus dem Leben. Von jetzt auf gleich. Während bei schweren Krankheiten Menschen sich in den meisten Fällen von ihren Angehörigen verabschieden können, kommt ein Unfall ohne Ankündigung. Plötzlich klingelt es an der Tür, Polizeibeamte überbringen die schreckliche Nachricht. Notfallseelsorger sind zur Stelle, um das schier Unbegreifliche begreiflich zu machen. Doch das Realisieren braucht Zeit. Nicht Stunden, sondern meist Tage, weiß Heike Berding. Die 53-Jährige ist Verkehrsunfallopferberaterin der Polizei und greift dann ein, wenn die Arbeit der Notfallseelsorger erledigt ist.

Hospitanz in Nordrhein-Westfalen

Im vergangenen Jahr hat sich Berding zur Notfallseelsorgerin ausbilden lassen, hat eine Hospitanz bei einem Verkehrunfallopferberater in Steinfurt gemacht. Dort, in Nordrhein-Westfalen, gibt es seit vielen Jahren Berater, die Angehörige und Unfallbeteiligte tödlicher Verkehrsunfälle unter die Arme greifen. In Niedersachsen dagegen nicht – bis jetzt. Die Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim sei die Erste, die sich hier diesem Thema widme, sagt Karl-Heinz Brüggemann. Dies sei zwingend notwendig, wie das Projekt „Abgefahren – wie krass ist das denn?“ gezeigt habe. Das Projekt umfasst ein Bühnenprogramm, bei dem Sanitäter, Feuerwehrmänner, Seelsorger und Fahranfänger gezielt Schüler von ihren Einsätzen berichten.

Mann verliert fast komplette Familie

Ein Fall, der die Polizisten sehr nachdenklich gemacht hat, hat sich 2009 zugetragen. Eine junge Frau aus Nordhorn hatte mit ihren beiden Söhnen ihre Schwester in Lingen besucht. Ihre Rückfahrt führt am frühen Abend des 12. September über die Lingener Umgehungsstraße, als ihr ein 18-jähriger Fahranfänger entgegen kam. Er gerät in den Gegenverkehr. Frontalzusammenstoß. Die Ursache bleibt unklar. Bei dem Unfall sterben die Mutter und ihr zweijähriger Sohn. Ihr vierjähriges Kind überlebt. Schwerverletzt. Seit dem Unfall ist der Junge körperlich und geistig behindert. Er ist auf seinen Vater angewiesen. Einen Mann, der zwar von der Versicherung Unterstützung erhielt, dennoch beinahe seine ganze Familie verloren hat. Dieser Vorfall zeigt, dass die finanzielle Unterstützung zwar wichtig ist, den Verlust aber nicht mindert. „Es wird deutlich“, sagt Brüggemann, „wie groß die Belastungen für Angehörige sind. Nicht nur die Finanzielle, sondern vor allem die Seelische.“

Hin und Her mit der Haftpflichtversicherung

Die Betroffenen, sei es Angehöriger oder Unfallbeteiligter, bleiben mit ihrem Verlust, den Albträumen, den Erinnerungen, die sie ständig wieder durchleben, und ihrer inneren Unruhe auf sich allein gestellt. Hinzu kommt nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall meist ein im schlimmsten Fall langwieriges Hin und Her mit der gegnerischen Kfz-Haftpflichtversicherung, bis diese im besten Fall die Kosten für eine Psychotherapie übernimmt, um aus dem Loch, dass durch das Erlebnis aufgerissen wurde, herauszukommen.

Zwischen Polizei und Hilfsorganisationen

Um in diesen Situationen nicht alleine zu sein, ist Heike Berding nun da. Sie hilft den Opfern im Umgang mit Behörden und Versicherungen, bei Fragen zum Ablauf des Straf- oder Zivilverfahrens, bei der Suche nach medizinisch-psychologischer Erstberatung, bei seelischen Belastungen infolge eines Unfalls mit Personenschaden und vermittelt an anderer Organisationen. Das nicht direkt in den ersten Tagen nach dem Unglück, auch Wochen später noch. „Je nachdem, wann die Betroffenen das Bedürfnis verspüren.“ Die 53-Jährige versteht sich als Lotse, als Verknüpfung zwischen Polizei und Hilfsorganisationen. Erreichbar ist sie unter 0591/87210 oder unter vub@pi-el.polizei.niedersachsen.de


Verkehrstod – die 30-Tage-Regel

Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist in Form einer Unfallstatistik erfasst. In Europa wird dabei die 30-Tage-Frist verwendet. Das bedeutet: Nur eine Person, die innerhalb von 30 Tagen an den Folgen eines Verkehrsunfalls verstirbt, gilt als Verkehrstoter. Kritiker dieser 30 Tage-Regel sind jedoch der Meinung, dass aufwendige Intensivmedizin in den Kliniken und besser ausgerüstete Unfallrettungsdienste dafür sorgen, dass immer mehr Schwerverletzte zwar die 30-Tage-Frist überstehen, am Ende aber doch ihren Verletzungen erlegen. Diese Unfallopfer kommen nicht mehr in der Statistik vor. In einer Studie der Universität Ulm wurde die Regel bereits 1986 kritisiert. Die Autoren der Studie beziffern den Anteil der später als nach 30 Tagen Verstorbenen auf 5 bis 16 Prozent.