„Mein Job und ich“ Heilpraktikerin aus Bawinkel spricht über Skepsis und Ausbildung

Seit zehn Jahren arbeitet Petra Reiners als Heilpraktikerin in Bawinkel. Ihre berufliche Laufbahn begann mit der Schulmedizin. Foto: Johanna LügermannSeit zehn Jahren arbeitet Petra Reiners als Heilpraktikerin in Bawinkel. Ihre berufliche Laufbahn begann mit der Schulmedizin. Foto: Johanna Lügermann

Bawinkel. Als Heilpraktikerin ist Petra Reiners häufig mit Skepsis konfrontiert. Im Interview erzählt sie, warum sie das nicht angebracht findet, welche Patienten sie wieder wegschicken muss und ob Naturheilkunde mit Esoterik zu tun hat.

Sind Sie oft mit Skepsis konfrontiert?

Ja, sehr oft. Der Heilpraktiker ist leider immer noch etwas verrufen. Das ist nicht richtig, weil unsere Ausbildung sehr hart ist. Bis wir zum Gesundheitsamt gehen und die Prüfung machen können, müssen wir sehr viel lernen.

Merken Sie das auch bei Patienten?

Wenn Menschen zu mir kommen, wollen sie auch Hilfe.

Gibt es denn mittlerweile mehr Menschen, die zum Heilpraktiker gehen?

Ja, es wird immer mehr. Gott sei Dank, davon leben wir ja auch. Ich glaube das liegt auch daran, dass mehr Menschen wissen, dass eine fundierte Ausbildung dahinter steckt.

Kommen denn überwiegend Frauen zu Ihnen?

Es sind mehr Frauen, aber auch die Zahl der Männer steigt.

Hat Naturheilkunde auch mit Esoterik zu tun?

Bei mir nicht. Wenn es jemand machen will, finde ich das ok, aber es ist nicht mein Gebiet.

Und woran erkennt ein Patient, dass er einen seriösen Heilpraktiker gefunden hat?

Erst einmal kann man es schon an der Heilpraktiker-Urkunde erkennen. Die beiden wichtigsten Urkunden habe ich zum Beispiel im Flur aufgehängt. Sonst sollte der Patient immer fragen: Wo wurde die Ausbildung gemacht, gibt es dafür einen Nachweis? Für den Patienten ist es schon wichtig, danach zu fragen.

Krankenkassen übernehmen die Behandlung aber meistens nicht…

Ja, mit den gesetzlichen Krankenkassen können wir ganz selten abrechnen. Mit den privaten Kassen geht es und bei Patienten mit Zusatzversicherungen.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich bin gelernte Arzthelferin. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: Was mache ich noch in meinem Leben? Nach der Geburt unserer Tochter haben wir die Vitalogie kennengelernt und ich merkte: Das will ich auch lernen, und das habe ich dann auch getan. Nach der Ausbildung habe ich das Schweizer Diplom bekommen und arbeite damit seit zehn Jahren. Anschließend habe ich noch den Heilpraktiker dazu gemacht, um das Ganze abzusichern. Später habe ich noch einige Zusatzausbildungen gemacht und hier bin ich jetzt.

Vitalogie – Was ist das?

Dabei geht es um den Atlas, den ersten Halswirbel und um die Statik des Körpers. Damit die Nerven und die Muskulatur gut arbeiten können, wird die Statik optimiert. Das dient auch der Gesundheitsvorsorge, denn wir wollen ja aufrecht durchs Leben gehen.

Und was für Zusatzausbildungen haben Sie gemacht?

Angefangen habe ich mit der Mesotherapie. Dabei geht es zum Beispiel um Gelenkschmerzen, Haarausfall und die Rauchentwöhnung. Dann habe ich noch Ausleitungsverfahren gelernt. Das heißt Schröpfen, Blutegel, Aderlass, Baunscheidt, Cantharidenpflaster – ganz wenig bekannt, aber auch sehr effektiv.

Sie waren durch die Arbeit mit der Schulmedizin vertraut. Waren Sie auch als Patientin beim Heilpraktiker?

Nein. Das kam durch die Geburt unserer Tochter. Sie hatte das KiSS-Syndrom und hat nur geweint. Dann haben wir durch Zufall die Vitalogie kennengelernt und hatten von einer Minute auf die andere die Erlösung – ein zufriedenes Kind. Und das war so der erste Punkt.

Was passiert, wenn ein neuer Patient zu Ihnen kommt?

Ganz viel sieht man schon auf den ersten Blick, beim Händeschütteln. Wie steht der Kopf, wie sind die Schultern? Dann gibt es ein großes Anamnese-Gespräch, bei dem alles abgefragt wird. Durch eine Atlas-Verschiebung können ja beispielsweise auch Magenschmerzen verursacht werden, oder man kann schlecht schlafen. Manchmal sind es auch Muskel- oder Gelenkschmerzen.

Was ist der Unterschied zu einem Besuch beim Hausarzt?

Das liegt natürlich immer daran, wohin man geht. Heilpraktiker haben ganz unterschiedliche Therapien. So wie es auch den Hausarzt, Frauenarzt oder Internisten gibt. Ich habe mich auf die Statik und die Mesotherapie spezialisiert. Außerdem gehöre ich zu einem Netzwerk, das heißt Vis Mediatrix, und wenn ich jemandem nicht helfen kann, schicke ich ihn zu einem Kollegen.

Und manchmal verweisen Sie auch an den Hausarzt?

Ja natürlich, wenn jemand zum Beispiel Brustschmerzen hat, muss zuerst abklärt werden, ob das Herz ok ist. Ich stehe auch nach wie vor zur Schulmedizin. Ich finde es auch ganz wichtig, dass Kinder geimpft werden, denn wir haben auch eine Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen.

Welche Tipps geben Sie für eine bessere Haltung?

Erstmal nicht auf dem Bauch schlafen, das ist ganz wichtig für unsere Halswirbelsäule. Sonst haben wir die Muskulatur am Hals viel zu weit überdehnt. Im Sitzen und im Stehen sollte man immer mal wieder darauf achten, die Schultern zurück zu nehmen. Man muss aber nicht die ganze Zeit kerzengerade sitzen, sondern kann sich auch fallen lassen, unsere Wirbelsäule braucht Bewegung. Außerdem sollte man keine schweren Taschen einfach über die Schulter hängen, dann verspannt die Muskulatur total. Für die Bandscheiben ist es wichtig immer viel zu trinken und sich zu bewegen, weil sie sonst porös werden. Was man auch gar nicht machen sollte, ist die Beine übereinanderschlagen, das gibt immer zu viel Zug übers Becken an die Wirbelsäule. Und für die Männer ist wichtig: Nie die Geldbörse in die Gesäßtasche stecken.


Zur Person:

Die berufliche Laufbahn von Petra Reiners begann mit der Schulmedizin. Sie begann 1980 in Lingen die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten. 1991 zog sie ins Allgäu, nach der Geburt ihrer zwei Kinder kehrte sie wieder ins Emsland zurück. 2006 begann sie eine Ausbildung zur Vitalogistin und fünf Jahre später legte sie die Prüfung zur Heilpraktikerin ab.

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