Lesenswerte Dokumentation Gerhard Sels geht Schicksalen der Lengericher Juden nach

Von Johannes Franke


Lengerich. Gerhard Sels aus Lengerich hat mit seiner 116-seitigen Dokumentation „Vom Leben und Sterben der Lengericher Juden“ deren Schicksale in der Zeit des Nationalsozialismus nachgezeichnet.

jf Lengerich. „Wer eine Zukunft aufbauen will, darf die Vergangenheit nicht vergessen“, sagte einst Schimon Peres, israelischer Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger. Gerhard Sels aus Lengerich hat in beeindruckender Art und Weise mit seiner 116-seitigen Dokumentation „Vom Leben und Sterben der Lengericher Juden“ eine wichtige Arbeit geleistet, die das „Schicksal der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger vor dem Vergessen bewahren wird“, heißt es im Grußwort der Samtgemeinde.

Die Familie Sels pflegt seit vielen Jahren intensiven persönlichen Kontakt zu den ehemaligen jüdischen Mitbürgern und deren Nachkommen. Ein Stammbaum skizziert die Erinnerungen an die Familien aus Lengerich.

Die lesenswerte Publikation verweist auch auf namhafte Bürger jüdischen Glaubens in Lingen und umliegenden Gemeinden, die sich 1842 zu einer Synagogengemeinde in Freren zusammenschlossen. Der pensionierte Lehrer zeichnet den Lebens- und Leidensweg jüdischer Mitbürger aus dem Raum Lingen nach. „Verfolgt – deportiert – ermordet“ hieß vor 20 Jahren die Wanderausstellung, die Sels in seinem Buch reproduziert und illustriert. Bilder, Briefe, Interviews sind ein beredtes Zeugnis und ein Beitrag zur Geschichte der Juden aus der Gemeinde Lengerich und dem Emsland.

Das Gespräch zwischen Sels, Lothar Kuhrs und Berta Sachs, geb. Heilbronn, im Jahre 1986 verdeutlicht mit entsprechenden Bildern und Illustrationen die Deportation und den Leidensweg, den so viele gehen mussten und nicht überlebten. Berta Sachs überlebte die Verfolgung. „Ich denke nie das Schlechte – das hat mein Leben gerettet“, sagte sie.

Sels erinnert an Emil Heilbronn und das Pogrom am 10. November 1938 in Lengerich, an die Jahre unter der NS-Herrschaft, die den Juden – nicht nur ihnen – in Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern die Würde und das Leben nahmen. Er begibt sich auf „Spurensuche“ und erfährt, dass auch Emil Heilbronn in Auschwitz umgebracht wurde. Das Gedenkblatt der Forschungs- und Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem dokumentiert sein Schicksal. Für die „Art der Haft“ im KZ ist er nur ein Jude mit der Nummer 104944.

Der Lengericher zeichnet auch die Chronik der Familie Bendix Heilbronn nach, schreibt über das Schicksal der Angehörigen, berichtet über die Zeit im Durchgangslager Westerbork, über die Befreiung von Fritz Heilbronn, der vor zehn Jahren Ehrenbürger der Gemeinde Lengerich wurde. „Dank Ihnen so sehr für das Buch. Es ist wirklich etwas Besonderes, und ich werde es zu schätzen wissen. Ich kann so viel über meine Familie von dem, was Sie geschrieben haben, lernen“, schreibt Beverly Pionto aus den USA.