Gefährlicher Job in der Region Autobahnwärter: „Es gibt keinen von uns, der nicht schon mal springen musste“

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„In dem Moment sehe ich, wie ein Lkw hinter mir in die Tafel pfeffert." Autobahnwärter Martin Kipker hat einen gefährlichen Job. Foto: David Ebener„In dem Moment sehe ich, wie ein Lkw hinter mir in die Tafel pfeffert." Autobahnwärter Martin Kipker hat einen gefährlichen Job. Foto: David Ebener

Lengerich. Martin Kipker ist Autobahnwärter. Allein in diesem Jahr sprang er dem Tod zwei Mal knapp von der Schippe. Über einen gefährlichen Job, den viele nur im Vorbeirasen wahrnehmen – und manche mit dem Leben bezahlen.

Eigentlich hätte Martin Kipker in diesem Jahr drei Mal Geburtstag feiern müssen, sagen die Kollegen. Das erste Mal am 10. Januar. Ein kalter Nachmittag war das auf der Autobahn 30 bei Lotte. Den ganzen Tag hatte der Autobahnwärter der Meisterei Lengerich eine Firma abgesichert, die Gehölz an der Strecke zurückschnitt. Die rechte Fahrspur hatten sie gesperrt, Autos waren links etwas schneller vorbei gerast, als es die Schilder erlaubten, der Wind hatte gepfiffen.

Die Holzarbeiter rückten ab. Kipker war gerade dabei, die Absperrtafel an seinen Unimog zu koppeln, als Kollegen mit einem Bulli vorbeifuhren. Der 46-Jährige winkte sie heran und stieg kurz ein. „In dem Moment sehe ich, wie ein Lkw hinter mir in die Tafel pfeffert. Ich hätte genau dazwischen gestanden.“

Foto: David Ebener

Kipker ist der Typ Mensch, bei dem viel passieren muss, bis sein breites Grinsen aus dem Gesicht weicht. Er hat Lachfalten an den Augen, breite Schultern, den Kopf rasiert. Das mag an die spinatliebende Cartoon-Figur Popeye erinnern, aber wenn die Kollegen das lesen, muss er sich die nächsten Wochen was anhören. Die Stimmung ist gut in der Meisterei – trotz der Gefahren des Jobs. Nur wenn Kipker sich bewusst macht, wie viel Glück er in diesem Jahr hatte, verdunkelt sich seine Miene. 

Zwei Autobahnen, 83 Kilometer

Fotos von Kipkers erstem Unfall in diesem Jahr zeigen die eingedrückte Front des Lastwagens, verbeulte Stahlstreben der Warntafel und Scherben auf der Fahrbahn. Der Autobahnwärter hat die Bilder in eine Mappe geheftet. Zu den anderen Fotos von Unfällen, die er selbst oder seine Kollegen erlebt und glücklicherweise auch überlebt haben.

Foto: Autobahnmeisterei Lengerich

„Es gibt eigentlich keinen Straßenwärter, der nicht schon mal springen musste, weil ihn sonst ein Auto erwischt hätte“, sagt Manfred Weiligmann. Er leitet die Autobahnmeisterei in Lengerich. Seine Leute unterhalten und sichern die Autobahn 1 zwischen den Ausfahrten Münster-Nord und Osnabrück-Hafen und die A 30 zwischen Rheine-Nord und Hasbergen-Gaste. 83 Autobahnkilometer Strecke insgesamt. 

Die Straßenwärter sind jeden Tag draußen: Baustellen absichern, Strecken beschildern, Schlaglöcher füllen, Grün pflegen, Schnee pflügen. Der Verkehr fließt dabei in der Regel weiter an ihnen vorbei. Es gibt Vorwarner, blinkende LED-Pfeile, Tempolimits und manchmal wird eine Spur abgesperrt – und trotzdem kommt es vor, dass Auto- und Lkw-Fahrer die Arbeiten übersehen.

Nachdenklich: Manfred Weiligmann. Foto: David Ebener

Das Risiko eines Straßenwärters, bei einem Arbeitsunfall ums Leben zu kommen, sei 13 Mal höher als in jedem anderen Job in der gewerblichen Wirtschaft, sagt Michael Höhne, der leitende Sicherheitsingenieur bei Straßen.NRW. Das ist der Landesbetrieb Straßenbau in Nordrhein-Westfalen, dem auch die Autobahnmeistereien unterstehen. Seit 1993 starben 19 Beschäftigte von Straßen.NRW bei Unfällen durch Fremdverschulden. Im Schnitt bedeutet das mehr als einen Toten pro Jahr. Eine Gefahrenzulage gibt es in dem Job nicht.

Gespür für gutes Timing

Dass Martin Kipkers Name bisher auf keiner Gedenktafel steht, verdankt er einer Riesenportion Glück – und möglicherweise einem unterbewussten Gespür fürs richtige Timing. Am 15. Januar feierte der Straßenwärter seinen 46. Geburtstag. Vier Monate später, am 16. Mai, hätte er eigentlich ein drittes Mal in diesem Jahr auf sich und das Leben anstoßen müssen.

Foto: David Ebener

Auf der A-30-Auffahrt Ibbenbüren-West erneuerten Straßenarbeiter den Belag. Kipker sicherte die Baustelle. Abends bauten sie ab und koppelten die Sicherungsanhänger an den Meisterei-Lkw. Da wollte Kipker einsteigen, aber er fuhr erst noch einmal mit dem kleinen Transporter vor, um Warnhütchen einzusammeln. In dem Moment raste ein Lastwagen auf die Vorwarner und den angekoppelten Lkw zu. Kipker sah ihn im Rückspiegel und hupte noch wie verrückt. Der Fahrer bremste, aber der Aufprall war gewaltig. „Nur wenige Augenblicke später hätte ich in dem Lkw gesessen“, sagt Kipker. 

Folgenreicher Sturz

Auch von diesem Unfall gibt es Fotos. Sie ähneln jenen von Januar. Kipker breitet sie auf einem der Tische im kargen Besprechungsraum vor sich aus. Obwohl der 46-jährige noch bis mindestens Januar krankgeschrieben ist, ist er an diesem Dezembertag in die Meisterei gekommen, um von den Gefahren seines Jobs zu erzählen. Kaum einer könnte das so gut wie Kipker – auch wenn seine aktuelle Verletzung mit den klassischen Berufsrisiken des Autobahnwärters rein gar nichts zu tun hat.

Foto: David Ebener

Der linke Arm ruht auf einer Gipsschiene, Abriss der Trizepssehne im Oberarm. Zumindest dieser Muskel hat momentan nicht mehr viel von Popeye. Kipker stolperte während einer Frühstückspause in der Werkstatt über einen Industriestaubsauger und kam unglücklich auf einer scharfen Kante auf. „Im Fallen hab ich noch gedacht, das wird jetzt übel“, sagt er und lacht. Ohnehin ist dieser folgenreiche Frühstückssturz eine Ironie des Schicksals, wenn man bedenkt, welche lebensgefährlichen Situationen der 46-Jährige zuvor unbeschadet überstanden hatte.

Schlechte Nachricht über Funk

Dass manch ein Autobahnwärter die Gefahren seines Berufs mit dem Leben bezahlt, das weiß Kipker spätestens seit dem 30. Juni 1993. Ein Jungspund war er damals, 21 Jahre alt, seit fünf Jahren im Dienst. In der Kehrmaschine hörte er an diesem strahlend schönen Sommertag über den Gruppenfunk seinen damaligen Chef: „Alle Mitarbeiter direkt zur Meisterei kommen.“

Foto: David Ebener

Eine Kollegin war tot, eine der ersten Frauen in NRW, die den männerdominierten Beruf der Autobahnwärterin ergriffen hatte. Bei Ausbesserungsarbeiten auf der A1 bei Greven hatte sie auf dem Standstreifen die mobile Vorwarntafel am Bulli herunterklappen wollen, als ein 3,5-Tonner ihr Fahrzeug streifte und die junge Frau voll erwischte. Noch heute erinnert ein Gedenkstein an der Zufahrt zur Meisterei in Lengerich an die Kollegin. Straßenwärterin Angela. 30. Juni 1993. 

Foto: David Ebener

Doch die Tafel ist nicht die einzig sichtbare Folge des Unfalls. Kipker und seine Kollegen fühlten sich damals allein gelassen in ihrer Trauer. „Der Fahrer kam irgendwann vor Gericht, aber wir haben davon nichts gehört. Es gab, wenn überhaupt, nur schleppende Informationen“, beklagt Kipker.  

In ihrer Wut schrieben er und eine Kollegin aus der Verwaltung gemeinsam einen Brief. Eine Kopie davon bewahrt der 46-jährige bis heute in seinem Unfallhefter auf. Die Zeilen gipfelten in der bitteren Erkenntnis: „Das Leben eines Straßenwärters ist nicht viel wert.“

Foto: David Ebener

Womit Kipker nicht rechnete: Das Schreiben schlug hohe Wellen. Der Landesrat kam in die Meisterei, eine Kommission wurde gebildet, Kipker sollte ihr angehören. Sie würden ein Mahnmal für alle im Dienst gestorbenen Straßenwärter in NRW entwerfen, gab man ihnen auf. 1999 feierten sie die Einweihung der Gedenkstätte an der A 31 bei Gescher (Kreis Borken). Noch heute wird dort einmal im Jahr der toten Kollegen gedacht und ein Kranz niedergelegt. Ein Pflichttermin, so sehen es Kipker und seine Arbeitskameraden.

Foto: Straßen.NRW

Über drei gute Jahre durften sie sich bei Straßen NRW in der jüngsten Vergangenheit freuen. Drei Jahre ohne tödliche Unfälle von eigenen Straßenwärtern. Insgesamt ist die Zahl der „fremdverursachten Unfälle mit Personenschaden“ rückläufig, wie eine betriebseigene Statistik zeigt, die Sicherheitsingenieur Höhne erhebt. 2018 gab es bei Unfällen bisher drei verletzte Straßenwärter, noch in den 1990er Jahren waren im Schnitt 25 bis 30 Verletzte pro Jahr zu beklagen. „Deutschlandweit betrachtet gibt es leider immer noch drei bis vier tödlich verunglückte Straßenwärter jährlich“, sagt Höhne. „Das ist immer noch zu viel.“

Hauptverursacher der Unfälle, bei denen Fahrzeuge und Bedienstete von Straßenbauverwaltungen zu Schaden kommen, sind mit einem Anteil von 60 Prozent Lkw. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts für Straßen- und Eisenbahnwesens am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Analyse stammt zwar bereits aus dem Jahr 2007, die Kernaussagen hätten aber im Prinzip noch heute Gültigkeit, sagt Wissenschaftler Matthias Zimmermann, der die Studie maßgeblich betreute.  

"Mangelnde Aufmerksamkeit der Fahrer"

Unfälle passieren besonders häufig auf dem Standstreifen oder auf der rechten Fahrspur, wenn diese gesperrt ist. „Ein ‚Anprall von hinten‘ auf dem rechten Fahrstreifen und ein ‚seitliches Streifen‘ auf dem Standstreifen von Absperrtafeln oder Fahrzeugen treten mit etwa gleichen Anteilen am häufigsten auf“, heißt es im Untersuchungsbericht. Und weiter: „Ursachen sind nur für einen kleinen Teil der Unfälle dokumentiert, die Unfallhergänge lassen aber größtenteils auf eine mangelnde Aufmerksamkeit der Fahrer schließen.“

Foto: David Ebener

Wer ist denn auf Autobahnen so unaufmerksam, dass er auf einer Strecke von bis zu einem Kilometer sämtliche blinkenden Vorwarnschilder übersieht? Sicherheitsingenieur Höhne beantwortet die Frage mit Gesten: Finger, die auf einer imaginären Handytastatur tippen. Finger, die sich in Nasenlöcher bohren. Ein abgesackter Kopf und geschlossene Augen. „Trucker sind arme Schweine, ich will nicht tauschen müssen“, sagt Höhne. Aber 40-Tonner gelenkt von übermüdeten oder abgelenkten Fahrern seien eine potenziell tödliche Bedrohung für seine Kollegen. Da hört das Verständnis auf. 

Sicherheitsingenieur Michael Höhne. Foto: Meike Baars

Immer wieder stellen die Straßenbaubetriebe der Länder ihre Sicherheitsvorkehrungen auf den Prüfstand. Wie viele Vorwarntafeln stehen in welchem Abstand vor einer stationären Baustelle, um die Arbeiter zu schützen? Warnpfeile strahlen in weithin sichtbarer LED-Technik, die Beschäftigten tragen reflektierende Warnkleidung in Signalfarben. Absperrtafeln und fahrende Arbeitsgeräte sind mit einer Funktechnik ausgestattet, die Lkw-Fahrer in ihrer Landessprache erreicht und vor dem Hindernis warnt – „mit einer schrillen Frauenstimme“, wie Höhne betont.

Foto: David Ebener

Immer häufiger werden Warnschwellen ausgelegt, sogenannte Andreasstreifen, die unaufmerksame Fahrer im letzten Moment „wachrütteln“. Allerdings ist das händische Auslegen der Warnschwellen wiederum ein potenzieller Gefahrenmoment für die Mitarbeiter. Straßen.NRW testet momentan sogenannte TMAs. Das sind Aufprallverzögerer, die ähnlich einem Airbag eine Knautschzone zwischen Betriebsfahrzeug und auffahrendem Lastwagen schaffen.

Wie überquert man eine zweispurige Autobahn?

Die Fehlerquelle Mensch versuchen immer mehr Landesbetriebe in Risikoparcours zu sensibilisieren. NRW war hier ein Vorreiter, die Initiative kam aus der Belegschaft. Man müsse sich mehr austauschen. Bei all der Routine im Alltag gerate ein Nachdenken über die Gefahren ins Hintertreffen. Der Parcours schult beim Straßenwärterpersonal wichtige Kernfähigkeiten nach: Schätzen Mitarbeiter Geschwindigkeiten und Entfernungen richtig ein? Wie überquert man im Notfall eine zweispurige Autobahn? Was ist zu tun, wenn man dabei einen Schraubenschlüssel oder das Portemonnaie fallen lässt?

Auch in Niedersachsen durchlaufen alle Straßenwärter inzwischen einen solchen Risikoparcours. Drei tödliche Unfälle durch Fremdverschulden gab es hier in den vergangenen vier Jahren. Unfälle, die sich allein durch sensibilisierte Mitarbeiter nicht hätten verhindern lassen. Wenn Lastwagen sämtliche Vorwarner ignorieren und auf den Standstreifen abdriften, hilft es nicht mehr, dass der Autobahnwärter im Schutze seines Fahrzeuges arbeitete. Mann gegen Lkw, das endet beinahe immer tödlich.

"Immer ein Ohr an der Straße"

Dennoch will man auch in Niedersachsen die Gefahren des Jobs möglichst gering halten. „Es ist wie bei der Seefahrt, wo es heißt: Immer eine Hand fürs Schiff. Unsere Mitarbeiter brauchen immer ein Auge und ein Ohr für die Straße“, sagt Cord Lüesse, der bei der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr den Geschäftsbereich Osnabrück leitet.

Nicht alle Mitarbeiter steckten Verletzungen oder tödliche Unfälle von Kollegen einfach weg, so Lüesse. Für sie gebe es seelsorgerische und psychologische Angebote. „Das kann man niemandem vorschreiben, aber einige nehmen es in Anspruch.“

Foto: David Ebener

Auf psychologische Hilfe bei der Verarbeitung seiner Beinahe-Unfälle hat Martin Kipker aus der Lengericher Meisterei bisher verzichtet. „Mir hilft es zu reden. Ich erzähle das zuhause und auch sonst jedem, der es vielleicht gar nicht wissen will“, sagt der Familienvater. Sein Sohn ist elf, seine Tochter 14. „Du musst immer aufpassen“, sagte sie kürzlich zu ihm.

Zumindest in den nächsten Wochen braucht sie sich keine Sorgen machen. Wegen der Armverletzung pappt Kipkers Namensschild auf der Dienstplantafel weiter in der Spalte „abwesend“. Neben seinem Namen ziert ein Krönchen das Magnetplättchen. Allerdings nicht weil Kipker amtierender Katastrophenkönig der Dienststelle wäre. Nein, er ist Schützenkönig. Da wird in Lengerich auch schon mal ein frisches Schild gepresst.

Foto: David Ebener



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