Novemberpogrom 1938 Verwüstungen auch in Freren und Lengerich

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Gäste bei der offiziellen Einweihung des Gedenksteins im Bürgerpark in Lengerich 1987 waren auch (von links): Ruth Foster, Meinhard Heilbronn und Berta Sachs.Gäste bei der offiziellen Einweihung des Gedenksteins im Bürgerpark in Lengerich 1987 waren auch (von links): Ruth Foster, Meinhard Heilbronn und Berta Sachs.

Freren/Lengerich. Mehr als 1400 Synagogen, Betstuben sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe sind während der Novemberpogrome im Deutschen Reich zerstört worden. Neben der Synagoge und Geschäften in Lingen waren darunter auch Geschäfte und der Betraum in Freren und eine Wohnung in Lengerich.

In Lengerich lebten zurzeit der Novemberpogrome drei jüdische Familien – alle mit dem Namen Heilbronn. Deren Geschichte hat Gerhard Sels in jahrzehntelanger Arbeit erforscht, Kontakte mit Überlebenden und Nachfahren gepflegt und seine Ergebnisse in dem 2014 erschienenen Buch "Vom Leben und Sterben der Lengericher Juden" zusammengefasst. 

So demolierten SA-Mitglieder in der Pogromnacht in Lengerich die Wohnung, in der Berta Sachs geb. Heilbronn mit ihren bettlägerigen Eltern Meta und Abraham lebte. Aufgrund der großen Angst sei sie daraufhin zu ihrer Tante Hanna Heilbronn gegangen und habe ihren Cousin Fritz gebeten, die kommende Nacht in ihrer Wohnung zu verbringen hat. Berta Sachs, die später den Aufenthalt im Konzentrationslager (KZ) Stutthof überlebte starb schließlich 1990 in Bielefeld. 

Am Gedenkstein im Lengericher Bürgerpark wird jedes Jahr der Opfer der Novemberpogrome des Jahres 1938 gedacht – hier im Jahr 2011. Foto: Carsten van Bevern


Zum anderen berichtete sie, dass ihr Bruder Emil am folgenden frühen Morgen vom Post holen im Hotel Völker nicht nach Hause zurückkehrte. Das konnte er auch nicht. Weil ihr Bruder, wie sie später erfuhr, verhaftet und laut schreiend und weinend auf einen aus Freren gekommenen Bulldog samt Viehanhänger geworfen worden war. Der 18-jährige Emil kam ins Arbeitslager Riese und starb 1945 im KZ Groß-Rosen. Ihre Eltern waren bereits 1943 im KZ Theresienstadt ums Leben gekommen. Insgesamt starben 8 der 17 im Jahr 1938 in Lengerich lebenden Juden unter der NS-Herrschaft. An sie sollen ab dem 11. Dezember auch sogenannte Stolpersteine erinnern. 

Betraum in Freren verwüstet

Auch die jüdische Gemeinde in Freren bestand in den 1930er-Jahren nur aus wenigen Familien. Dort erforscht der pensionierte Sonderschullehrer Lothar Kuhrts seit Jahrzehnten deren Geschichte: „In der Nacht zum 10. November 1938 verwüsteten Frerener und auswärtige Nationalsozialisten die Beträume in der Grulandstraße in Freren und zerstörten wertvolle Thorarollen, Teppiche und Leuchter.“

Auch der kleine jüdische Friedhof im Frerener Gewerbegebiet wurde geschändet, Grabsteine umgeworfen oder gestohlen. Jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, dem Kaufmann Salomon Fromm die Fensterscheiben eingeworfen sowie die Witwe Schwarz misshandelt und ins Gefängnis gebracht. Und ein Frerener Viehhändler verspottete die jüdischen Männer, indem er sie stundenlang auf einem Viehwagen durch die Stadt fuhr.  

Samuel Manne aus Freren war drei Jahre alt, als er verschleppt und im KZ umgebracht wurde. Foto: Geschichtswerkstatt Samuel Manne


Das jüngste Opfer des NS-Terrors war zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht geboren: Im November 1943 ist Samuel Manne aus Freren im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden. Da war er noch keine vier Jahre alt.


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