Keine Männerdomäne mehr Seit 40 Jahren passionierte Jägerinnen im Altkreis Lingen

Von Heinz Krüssel

Passionierte Jägerinnen sind seit 40 Jahren (von links) Ulla Wellen, Agnes Voss und Sophie Rumpke. Foto: Heinz KrüsselPassionierte Jägerinnen sind seit 40 Jahren (von links) Ulla Wellen, Agnes Voss und Sophie Rumpke. Foto: Heinz Krüssel

Gersten. „Die Jagd ist eine Leidenschaft, ist eine Passion aber auch Ehrfurcht und Respekt vor dem Geschöpf.“ So beschreiben Ulla Wellen, Agnes Voß und Sophie Rumpke ihr Hobby, die Jagd. Seit nunmehr 40 Jahren sind sie passionierte Jägerinnen.

Zum Jäger gehört der Hut, ein krauser Bart und Dackel Waldi: Dieses Klischee entspricht heute nicht mehr der aktuellen Situation, denn die Jagd ist keine reine Männerdomäne mehr. 30.000 Jägerinnen gibt es derweil in Deutschland – darunter Ulla Wellen aus Gersten, Agnes Voß aus Lingen-Brögbern und Sophie Rumpke aus Lengerich.

In die Wiege gelegt

Vor 40 Jahren, am 6. Mai 1978, bestanden Wellen (68 Jahre), Voß (67) und Rumpke (61) aus Lengerich gemeinsam die Jägerprüfung. Sie zählten seinerzeit zu den ersten Frauen im Altkreis Lingen, die den Schritt wagten. Sie hatten die Jagd sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, denn sie entstammen Jägerfamilien: Vater, Opa, Onkel und Bruder waren meistens schon Jäger. Auch die Ehemänner gehören der „grünen Zunft“ an.

Freude an der Natur

Im Jägerkurs bei Wilhelm Dürsch in Lengerich bereiteten sich im Winter 1977/1978 insgesamt 25 Anwärter intensiv auf die Jägerprüfung vor. Otto Hopmann war seinerzeit Vorsitzender der Jägerprüfungskommission und hatte viel Verständnis für die „jagenden Frauen“, erinnert man sich. Das war nicht bei allen Prüfern so. „Warum willst du Jägerin werden?“, lautete eine Frage. Damals wie heute gelte die Antwort: Es ist die Freude an der Natur, am Beobachten des Wildes. Dazu gehöre aber auch das Schießen und damit das Töten eines Tieres, das Aufbrechen, das Zerwirken und letztlich auch, das wertvolle und gesunde Lebensmittel Wildfleisch zu einem schmackhaften Essen zu veredeln.

Kritische Blicke der Männer

Wellen erinnert sich an den Ausspruch eines Jägers, als sie erstmals an einer Treibjagd teilnahm: „Oh, nu kumpt de Frauen; wenn dat man kiene Plage wet. Frauen hört an’n Herd!“ Solche oder ähnliche Äußerungen kennen auch Voß und Rumpke noch gut. „Wir standen ständig unter Kontrolle und kritischer Beobachtung“, sagt Rumpke. „Es wurde beispielsweise genau beobachtet, ob wir den geschossenen Hasen oder den erlegten Rehbock selber bergen und versorgen können.“

„Jagen ohne Hund ist Schund“

Aber die drei Frauen haben sich durchgesetzt, weil sie nicht „nur“ Jägerin waren, sondern sich auch für das Hundewesen und für das Jagdhornblasen einsetzen und somit das jagdliche Brauchtum pflegten. Für die Jägerinnen gilt beispielsweise nach wie vor der alte Spruch „Jagen ohne Hund ist Schund“. So führen sie von Anfang an Jagdhunde wie kleine oder große Münsterländer und Teckel, die sie selber mit großer Leidenschaft und ebenso großem Zeitaufwand ausgebildet haben.

Sophie Rumpke gehört zu den anerkannten Hundezüchtern mit ihrem Kleine-Münsterländer-Zwinger „Vom Höftersbusch“. „Meine erste Hündin ‚Assi‘ war sehr leistungsstark und nahm an der Bundesschweißprüfung erfolgreich teil. Fachleute rieten mir, sie zur Zucht einzusetzen.“ So wurde „Assi“ die Stammhündin für viele Welpen. Etwa 75 leistungsstarke Jagdhunde wurden so zu treuen Begleitern vor allen Dingen in emsländischen Revieren. Der Rüde „Basko vom Höftersbusch“ sei in einem Jahr der deutschlandweit am häufigsten eingesetzte Deckrüde gewesen.

Viele Facetten der Jagd

Seit vielen Jahren ist Rumpke zudem Nachsuchenführerin, wenn es gilt, angeschossene oder verunfallte Wildtiere aufzufinden. Zudem fungiert sie als Verbandsrichterin für alle Verbandsprüfungen sowie als Formwertrichterin bei Zuchtschauen.

Viele Jagdhornbläser ausgebildet

Dem Jagdhornblasen hat sich Ulla Wellen verschrieben. Die passionierte Nieder- und Hochwildjägerin fungierte zwölf Jahre lang als Obfrau für das Jagdhornblasen in der Jägerschaft Lingen. Besonders lag ihr die Nachwuchsarbeit am Herzen. Viele Jagdhornbläser haben das Hobby bei ihr erlernt. Auch heute noch bildet sie junge Leute am Fürst-Pless-Horn oder am Parforcehorn aus. Für sie ist das Jagdhornblasen eine wichtige Basis für das Jägerleben. Gerne erinnert sich Wellen an die Teilnahme der von ihr betreuten Gruppen an Leistungswettbewerben auf Bezirks- und Landesebene.

Engagement im Vorstand

Als Jägerin durch und durch versteht sich Agnes Voss. Die Jägerin ist seit 30 Jahren Mitglied in der Bläsergruppe des Hegeringes Lingen und engagiert sich als Mitglied im Vorstand. Zahlreiche Jungjäger haben auch bei ihr das Jagdhornblasen erlernt. In der Jagdgemeinschaft Brögbern kümmert sie sich um die Pflege des jagdlichen Brauchtums.

Auch Familienmitglieder zeigen Interesse

Und wie sieht es mit jagdlichem Nachwuchs in der eigenen Familie aus? Bei Wellens haben drei Söhne den Jagdschein und sind mehr oder weniger passioniert. In der Familie Voss hat der Sohn die Jägerprüfung absolviert. Besonders freut sich Voss über das Interesse ihres zwölfjährigen Enkels, der ein leidenschaftlicher Naturfreund sei. Gerne begleite er Oma oder Opa auf der Pirsch oder beim Ansitz, um Wildtiere zu beobachten. Bei Rumpkes hat sich die Hundepassion auf die Tochter übertragen. Jagdliches Interesse sei allerdings noch nicht erkennbar.

Mit den Vierbeinern durchs Revier

Die drei Jägerinnen hoffen, dass sie noch viele Jahre ihrem Hobby nachgehen können. Dazu gehört, dass sie gemeinsam mit ihren Vierbeinern durchs Revier streifen und sich beim Ansitz am Anblick des Wildes erfreuen können.


Immer mehr Frauen lassen sich zur Jägerin ausbilden. Einer Erhebung des Deutschen Jagdverbandes (DJV) zufolge ist inzwischen jeder vierte Teilnehmer in Jägerkursen eine Frau. Seit 2011 ist die Zahl der Absolventinnen des „Grünen Abiturs“ um 46 Prozent gestiegen. Vor 20 Jahren waren nur ein Prozent der Jagdscheininhaber Frauen. Derzeit sind es laut Deutschem Jagdverband schon zehn Prozent. In den Vorbereitungskursen zur Jägerprüfung sitzen bereits 20 Prozent Frauen – viele von ihnen um die 20 Jahre alt.